Eine Heimat zu seiner ersten Heimat machen

Foto: © wak

 

Ich war im Katholizismus zuhause, nicht im römischen Katholizismus, aber im Katholizismus, ich bin im Protestantismus zuhause – jetzt vorrangig im Protestantismus – weil es schön ist, mehrere Heimaten zu haben. Und trotzdem muss man eine Heimat zu seiner ersten Heimat machen, sonst verspielt man sich im Leben. Und ich glaube, wer nur eine Heimat überhaupt gekannt hat, der ist in ihr eingekerkert, der kennt sich selbst nicht, weil er nur sich selbst kennt.

Fulbert Steffensky (*1933)

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Gingko biloba: Dieses Baums Blatt, der von Osten meinem Garten anvertraut…

Bildquelle: wikimedia – gemeinfrei

Die Reinschrift von Goethes „Gingko biloba“ befindet sich im Düsseldorfer Literaturmuseum Schloss Jägerhof – nicht in Weimar, wie erwartet werden könnte…

Gingko biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) im Jahr 1815.
Das Gedicht erschien im „Buch Suleika“ des „West-Östlichen Divan“

Nichts, was du wahrnimmst, kannst du sein

 

Foto: © wak

Um zu wissen, wer du bist,
musst du zunächst
untersuchen und kennen,
was du nicht bist.

Entdecke alles, was du nicht bist:
Körper, Gefühle, Gedanken,
Zeit, Raum, dies und das.

Nichts,
was du konkret oder abstrakt wahrnimmst,
kannst du sein.

Eben dieser Vorgang der Wahrnehmung zeigt,
dass du nicht bist,
was du wahrnimmst.

Maharaj Nisargadatta (1897-1981)

Essenz der Meditationspraxis

Foto: privat

 

Die meisten Menschen kennen immer noch nicht die Essenz der Meditationspraxis. Sie halten Geh-Meditation, Meditation im Sitzen und das Anhören von Dhamma-Vorträgen für die Praxis. Das stimmt auch, aber diese sind nur die äußeren Formen der Praxis. Die wirkliche Praxis findet statt, wenn der Geist einem Sinnesobjekt begegnet. Das ist genau die Stelle, an der man praktiziert, nämlich dort, wo Sinneskontakt auftritt. Wenn die Leute Dinge sagen, die wir nicht mögen, dann ärgern wir uns; Sagen sie hingegen Dinge, die wir mögen, dann finden wir das angenehm. Genau dort ist unser Ort der Praxis. Auf welche Weise praktizieren wir nun mit diesen Dingen? Das ist der entscheidende Punkt. Wenn wir nur herumrennen, um das Glück zu jagen und uns ständig vom Leiden abzuwenden, dann können wir bis an unser Lebensende praktizieren, und wir werden niemals Dhamma sehen.

Ajahn Chah (1918 – 1992)

Im göttlichen Abgrund verliert sich der Geist

Johannes Tauler

Im göttlichen Abgrund verliert sich der Geist so tief und in so grundloser Weise, dass er von sich selber nichts weiß. Er kennt da weder Wort noch Weise, weder Fühlen noch Schmecken, weder Erkennen noch Lieben; dann ist alles ein lauterer, unverdeckter, einfacher Gott, ein unaussprechlicher Abgrund.

Johannes Tauler (um 1300 – 1361)