Jeden Augenblick schenkt uns das Leben einen Anfang

Foto: © wak

 

„Wenn ich nur den Anfang fände!“ stöhnte wieder heuchlerisch eine Selbstbelügung in ihm auf, während er mechanisch die Seiten umschlug, aber diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:

„Der Anfang“ – las er, an einer x-beliebigen Stelle beginnend, und stutzte über den eigentümlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoßen zu sein – „ist es, der dem Menschen fehlt.

Nicht, daß es schwer wäre, ihn zu finden – nur die Einbildung ihn suchen zu müssen, ist das Hemmnis.

Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? – Wir stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden. …

„Die Tagebuchrolle“ aus „Das grüne Gesicht“ von Gustav Meyrink. Zitiert aus der Ausgabe des Vitalis-Verlags, S. 216 – 231, Prag, Furth im Wald, 2003

 

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 8  |  September 2020

TITELTHEMA: EIN VERSCHÜTTETER TEMPEL

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Allhier ist Gott im Geist eins

 

Foto: © wak

Ein großer Meister sagt, sein Münden stünde höher als sein Entspringen. Als ich aus Gott entsprang, da sprachen alle Dinge: Gott ist (da). Nun kann mich das nicht selig machen, denn hier erkenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden, wo ich ledig stehen will im Willen Gottes und ledig stehen des Willens Gottes und aller seiner Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, sondern ich bin was ich war und was ich bleiben soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen Ruck, der mich über alle Engel schwingen soll. Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir wird in diesem Münden zuteil, dass ich und Gott eins sind. Da bin ich was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ur-Sache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, was (dass) er ewiglich gewesen ist und immer bleiben soll. Allhier ist Gott im Geist eins, und das ist die tiefste Armut, die man finden kann.

Meister Eckharts mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. München 21920, S 73 – 74 (In Klammern Textversion der ersten Auflage 1903. Die zweite Ausgabe wurde  von Martin Buber bearbeitet und neu herausgegeben)

Das Innere mit der Wahrheit berührt

Foto: © wak

Sankt Augustin sagt: Es gibt viele, die Licht und Wahrheit gesucht haben, aber nur immer draußen, wo sie nicht war. Und dann sind sie zuletzt so weit abgekommen, dass sie nimmermehr heim und nicht mehr hineinkommen. Wer also Licht finden will und Unterscheidung aller Wahrheit, der warte auf diese Geburt in sich und im Innern und nehme ihrer wahr: So werden alle Kräfte und der äußere Mensch erleuchtet. Denn so wie Gott das Innere mit der Wahrheit berührt hat, so wirft sich das Licht in die Kräfte und der Mensch versteht alsdann mehr, als ihn jemand lehren könnte.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Handlung ist Nicht-Handeln

Foto: © wak

Für uns ist der kleine Raum, den das Denken um sich geschaffen hat, der das Ich ist, äußerst wichtig, denn der Mensch, der sich mit allem identifiziert, was in diesem Raum vorhanden ist, kennt nichts anderes, und in diesem Raum wird auch die Furcht geboren, nicht zu sein. Wenn der Mensch das verstanden hat, kann er in der Meditation eine Raumdimension betreten, wo Handlung Nicht-Handeln ist. Wir wissen nicht, was Liebe ist, denn in dem Raum, den das Denken um sich als Ich geschaffen hat, ist Liebe der Konflikt zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich. Dieser Konflikt, diese Qual ist keine Liebe, es kann nicht in jenen Raum eindringen, in dem es kein Ich gibt. In diesen Raum liegt Glückseligkeit, die der Mensch sucht und nicht finden kann. Er sucht sie innerhalb der Grenzen des Denkens, doch das Denken zerstört nur diese Segensfülle.

Jiddu Krishnamurti (1895-1986)

Eins mit dem Absoluten

Foto: © wak

Der Schatz den ich fand,
kann nicht mit Worten beschrieben werden.
Der Geist kann ihn nicht fassen.
Mein Geist fiel wie ein Hagelkorn
in die riesige Weite des Bewusstseins.
Als ich einen Tropfen davon berührte,
schmolz ich hinweg und wurde eins mit dem Absoluten.
Und selbst nun, da ich zum menschlichen Bewusstsein zurückkehre,
sehe ich nichts, höre ich nichts, das nicht göttlich ist.
Ich weiss, dass nichts von mir verschieden ist.

Shankaracharya / Adi Shankara (788-820)

Gefunden habe ich dieses Zitat hier:
https://mystikaktuell.wordpress.com/2018/01/24/grundlegende-gutheit-innere-freude-buchtipp-v/

Verborgene Perle in der Muschel meines Herzens

Foto: © wak

Ich suchte und konnte Dich nicht finden;
ich rief vom Minarett laut nach Dir;
ich läutete beim Steigen und Sinken
der Sonne die Tempelglocke;
ich tauchte vergeblich in des Ganges heiligen Strom;
ich kam enttäuscht von der Kaaba zurück;
ich sah mich auf Erden nach Dir um;
ich suchte nach Dir im Himmel,
mein Geliebter, doch endlich habe ich Dich gefunden –
als verborgene Perle in der Muschel meines Herzens.

Hazrat Inayat Khan (1882 – 1927)

Fang zuallererst bei dir selber an und lasse dich

Foto: © wak

Du selber in den Dingen bist es, was dich hindert, denn du hältst dich zu den Dingen nicht in der rechten Weise. Darum fang zuallererst bei dir selber an und lasse dich! Fürwahr, wenn du nicht zuerst dich selber fliehst, so magst du fliehen wohin du willst, du findest da nur Erschwerung und Unfrieden, es sei, was es sei. Die Leute, die Frieden suchen an äußeren Dingen, es sei an Orten oder Weisen oder Menschen oder Werken oder Heimatlosigkeit oder Armut und Verachtung – wie groß sich das auch ausnehme oder was es sei, das ist doch alles nichts und gibt keinen Frieden. Sie suchen alles verkehrt, die so suchen: Je weiter weg sie wandern, je weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt: Je weiter er geht, je mehr er irrt. Ja, was soll er aber tun? Vor allem, er soll sich selber lassen, so hat er alle Dinge gelassen

Meister Eckhart (1260 – 1328) in: „Reden der Unterweisung“

Erkenne den Meister in dir

Foto: © wak

Nimm dich selbst in Liebe an
und sei wachsam –
heute, morgen, immer.

Finde zuerst den Weg,
dann belehre andere
und besiege so das Leid.

Bevor du andre geradebiegst,
musst du zuerst etwas viel Schwierigeres vollbringen –
dich selbst geradebiegen.

Du bist dein eigener Herr.
Wer sonst?
Bezwinge dich selbst,
und erkenne den Meister in dir.

Jack Kornfield (*1945)