Unendlich vollkommenes Auge

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Da aber dein Blick Auge ist, das heißt lebendiger Spiegel, sieht er in sich alles. Ja, weil er der Grund alles Sichtbaren ist, umfasst und sieht er alles im Grunde und im Sinne von allem, das heißt in sich selbst. Dein Auge, Herr, nimmt ohne sich nach verschiedenen Richtungen zu wenden den Weg zu allem. Unser Auge wendet sich jeweils einem Gegenstande zu, und zwar deshalb, weil unser Blickvermögen nur in einem Winkel von begrenzter Größe sieht. Der Sehwinkel deines Auges aber, Gott, ist nicht so oder so groß, sondern unendlich; ist er doch auch ein Kreis, ja unendliche Kugel, weil dein Blick das gleichsam sphärische und das unendlich vollkommene Auge ist. Es blickt also alles sowohl im Umkreis wie aufwärts und abwärts zugleich.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464) in: De visione Dei, 9,37,19

Welt, Seele und Gott

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In Wahrheit existiert nichts
als das Selbst.
Wie Perlmutt als Silber erscheint,
erscheint das Selbst als Welt,
individuelle Seele und Gott.
Diese drei treten zugleich in Erscheinung
und versinken zugleich.
Das Selbst ist dort
wo keinerlei „Ich-Gedanke“ ist.
Das nennt man Stille,
das Selbst ist die Welt,
„Ich“ und Gott in einem.
Alles ist das Selbst.

Ramana Maharshi (1879-1950)

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

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Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht Tausende,
es ist Eins und Alles;
es ist nicht Körper und Geist geschieden,
daß das eine der Zeit,
das andere der Ewigkeit angehöre,
es ist Eins, gehört sich selbst,
und ist Zeit und Ewigkeit zugleich,
und sichtbar, und unsichtbar,
bleibend im Wandel, ein unendliches Leben.

Caroline von Günderrode (1780-1806) in: Ein apokaliptisches Fragment, Nr. 15

Die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele

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Die Mystik ist zugleich mit der Menschheit selbst geboren. Sie ist zugleich mit der Entstehung des Menschenreiches auf Erden offenbar geworden, und sie wird auch mit seiner Vollendung ihr Ziel errichen.

Als der Urmensch diese irdische Welt betrat, und seine Augen das Licht empfinen; – als er zum ersten Male die mannigfache Schönheit und die reizvolle Pracht der Natur um sich herum erschaute, – und als er seine Blicke, einem unschuldigen Kinde gleich, nach oben erhebend die Sonne, den Mond und die unzählbaren Gestirne in dem hohen Gewölbe des Himmels betrachtete, –

da bewegte sich in einem unbefleckten Herzen ein namenloses Sehnen, ein zartes, bebendes und geheimnisvolles Gefühl der Bewunderung, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit. Dies war die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele.

Vorwort zu „Leben und Sprüche der Sufi-Meister des Islams“. Aus dem Persischen übersetzt von Hossein Kazemzadeh Iranschähr (1884 – 1962), Berlin 1934

Alles ist das Selbst

Das Original ist ein Siebdruck aus Arunachala – Foto: © wak

In Wahrheit existiert nichts als das Selbst. Wie Perlmutt als Silber erscheint, erscheint das Selbst als Welt, individuelle Seele und Gott. Diese drei treten zugleich in Erscheinung und versinken zugleich.
Das Selbst ist dort, wo keinerlei „Ich-Gedanke“ ist. Das nennt man Stille, Das Selbst ist die Welt, „Ich“ und Gott in einem. Alles ist das Selbst.

Ramana Maharshi (1879-1950)

Leere und Fülle zugleich

Letztlich ist Tao
der den Ursprung
enthaltende und bewirkende
göttliche oder gottheitliche
Weltgeist oder Weltengrund,
durchaus unpersonaler Art,
der alles,
das Gestaltlose, das Unsichtbare,
sowie das Gestalthafte, das Sichtbare, durchwirkt
und zugleich Leere und Fülle ist.

Jean Gebser (1905 – 1973)

Unser größter Reichtum

Wer stehen bleibt,
verfällt.
Aber auch wer zu laufen beginnt,
verfällt.
Dass wir uns  wandeln  können,
ist  unser größter  Reichtum.

Bereiten  wir  diese  Wandlung
Schritt für Schritt vor,
damit uns dann und wann
der entscheidende Sprung,
der immer zugleich
ein Scheiden und Ankommen ist,
gelinge.

Jean Gebser (1905 – 1973)