Den Herzschlag des Weltalls vernehmen

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Mystik ist für mich, aufmerksam sein, nicht für die weit entfernten Warums, sondern für die lebendigen Wurzeln von Dingen und Menschen ganz in der Nähe. Den Rhythmus erleben, in dem ich und die anderen und die Welt schwindelerregend zusammenfallen und dann wieder einzeln sind. Immer mehr Türen, die sich auftun und gleichzeitig immer deutlicher alleine sein im eigenen Haus. Wesensverwandschaft und unendliche Entfremdung. Neue Augen, um das Leben in anderen Zusammenhängen zu sehen. Ohren, um den Herzschlag des Weltalls zu vernehmen.

Bruno-Paul de Roeck

Welt in Vorbereitung

Sei dir erst deiner selbst im Innern bewusst, dann denke und handle. Alles lebendige Denken ist eine Welt in Vorbereitung; alles wirkliche Tun ist ein offenbarter Gedanke. Die stoffliche Welt besteht, weil eine Idee in göttlicher Selbstbewusstheit zu spielen begann.

Aurobindo (1872 – 1950)

Thomas Merton und Thich Nhat Hanh: Brüder und Dichter

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… Ich habe gesagt, dass Nhat Hanh mein Bruder ist, und das stimmt auch. Wir sind beide Mönche, und wir leben seit etwa der gleichen Anzahl von Jahren im klösterlichen Leben. Wir sind beide Dichter, beide Existentialisten. Ich habe mit Nhat Hanh weit mehr gemeinsam als mit vielen Amerikanern, und ich zögere nicht, das zu sagen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass solche Gemeinsamkeiten anerkannt werden. Es sind die Bande einer neuen Solidarität und einer neuen Brüderlichkeit, die sich auf allen fünf Kontinenten abzuzeichnen beginnen und die alle politischen, religiösen und kulturellen Grenzen überschreiten, um junge Männer und Frauen in jedem Land in etwas zu vereinen, das konkreter ist als ein Ideal und lebendiger als ein Programm. Diese Einheit der Jugend ist die einzige Hoffnung für die Welt. In ihrem Namen appelliere ich für Nhat Hanh. Tun Sie, was Sie können, für ihn. Wenn ich Ihnen etwas bedeute, dann lassen Sie es mich so sagen: Tun Sie für Nhat Hanh das, was Sie für mich tun würden, wenn ich in seiner Lage wäre. In vielerlei Hinsicht wünschte ich, ich wäre es.

Zuerst veröffentlicht im Magazin „Jubilee“ 1966, später in Mertons Buch „Faith and Violence“ 1968

Gefunden habe ich Thomas Mertons Anmerkungen hier:  https://plumvillage.org/thomas-mertons-words-on-thich-nhat-hanh/

Mehr zu den Verbindungen von Merton und Thich Nhat Hanh hier: http://fatherlouie.blogspot.com/2007/02/thich-nhat-hanh-connection.html

Weitersteigen und wissender werden

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Das lebendige Verweilen bei einem wirklichen Kunstwerk ist ein Eintreten in einen Tempel, ein Aufgerüttelt- und Erhobenwerden, in dem der Erlebende seiner eigenen Höhe nahegebracht wird, da eben das Kunstwerk aus der Höhe kommt. Dabei kann und wird es oft genug geschehen, daß der Lesende, der Hörende, der Sehende eines Tages entdeckt, daß er selbst weiterstieg und wissender wurde als ein Werk, welches ihn einstmals bedeutend aufwühlte, so daß er als geradezu leere Hülse weit hinter ihm liegt. Das Werk ist das Gleiche geblieben, aber er selber hat sich im Wandern gewandelt.

Hans Christoph Ade (1888 -1981). Die oben stehenden Zeilen entstammen seinem Beitrag „Miszelle“, die hier vollständig nachzulesen sind:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VIII
CII. JAHRGANG WINTER 2021/2022

Januar 2022: Sakralkunst

Mehr auch hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Bestellungen: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Die Stille einer Ikone ist nicht leer

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Die Ikone ist stumm. Es gibt weder offene Münder noch andere physische Details, die ein Geräusch implizieren. Aber die Stille einer Ikone ist nicht leer. Die Stille und das Schweigen der Ikone schaffen in den eigenen vier Wänden ebenso wie in der Kirche einen Raum, der ständig zum Gebet einlädt. Die tiefe und lebendige Stille, die eine gute Ikone auszeichnet, ist nichts weniger als die Stille Christi. Sie ist das genaue Gegenteil der eisigen Stille des Grabes. Es ist die Stille des kontemplativen Herzens Mariens, die Stille der Verklärung, die Stille der Auferstehung, die Stille des fleischgewordenen Wortes.

Jim Forest (* 1941)

Suche in dir selbst

Bô Yin Râ

Der mir befreundete Leiter des Magnum-Opus Verlag in Freiburg, Herr Möbus, der … schickte mir mit anderen Schriften auch „Das Buch vom lebendigen Gott“ eines mir unbekannten Verfassers mit Namen Bô Yin Râ. …

Eine einfache, klare Lehre sprach in schlichten aber mächtigen Worten zu mir. Sie lautet ungefähr: „Willst du suchen, so suche in dir selbst; dort findest du alles, was du suchst, wenn du recht verstehst, es zu suchen.“

Felix Weingartner, Lebenserinnerungen, Zweiter Band, S. 330 f. und S. 347 f., Orellfüssli Verlag, Zürich und Leipzig

Ausführlicher sind die Lebenserinnerungen von Felix Weingartner hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang Oktober 2021 Heft 10, Thema: DIE MUSIKALISCHE DIMENSION DES JAKOB-BÖHME-BUNDES

Mehr hier:

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Kommunikation damit Stille eine Gnade sein kann

 

Thomas Merton in der Abtei Gethsemani | Bild: Archiv

 

Es muss genug Kommunikation geben, damit Stille eine Gnade sein kann. Diese Art von Stille erfordert eine tiefere Liebe, und bis diese Liebe entwickelt ist, hat es keinen Sinn, so zu tun, als ob die Liebe da wäre, wenn sie es nicht ist. Die Rechtfertigung der Stille in unserem Leben ist, dass wir einander lieben, um gemeinsam zu schweigen…
In der Tiefe des Gemeinschaftslebens erkennen wir die Gnade des gemeinsamen Schweigens, aber wir kommen nicht dazu, indem wir andere ausschließen oder als Objekte behandeln. Es geschieht allmählich, während wir lernen zu lieben…
Das Bedürfnis ist ein wahres Schweigen, das lebendig ist und eine liebende Gegenwart in sich trägt.

Thomas Merton (1915 – 1968) in: The Springs of Contemplation

Erleuchtung ist eine Erhellung der Wirklichkeit

Erwählte des lebendigen Vaters / Thomas-Evangelium

 

Zur Wirklichkeit zu erwachen bedeutet, dass Form und Leerheit (Gott und Welt) zwei Aspekte der einen Wirklichkeit sind. Die Realisation dieser Wirklichkeit besagt, dass am Ursprung Bewusstsein steht, auch wenn der Mensch durch seine Körperidentifikation egobedingt ein grobstoffliches Universum wahrnimmt. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die Schlange, die man in einem Stück Seil im Dunkeln wahrzunehmen glaubt. Angst und Entsetzen werden ausgelöst durch etwas, was nicht existiert. Wird das Stück Tau als solches erkannt, verschwinden Angst und Entsetzen. Erleuchtung ist nichts anderes als eine Erhellung der Wirklichkeit. Wer erkennt, dass es keinen Unterschied zwischen Form und Leerheit, zwischen Samsara und Sunyata (Brahman), zwischen dieser Form und der Nichtform, gibt, ist auferstanden.

Die Wirklichkeit spricht sich in allem aus, was Form hat. Immer ist der Mensch Sohn und Tochter Gottes, wie das Thomasevangelium sagt: „Wenn man euch fragt: ‚Wer seid ihr?‘, sagt: ‚Wir sind seine Söhne und Töchter und wir sind die Erwählten des lebendigen Vaters'“ (Thomasevangelium, 50). – Auch wenn es der Verstand nicht begreift: Wiedererstehen wird immer nur die Erste Wirklichkeit, die wir hier und jetzt leben.

Willigis Jäger (1925 – 2020)