Die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele

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Die Mystik ist zugleich mit der Menschheit selbst geboren. Sie ist zugleich mit der Entstehung des Menschenreiches auf Erden offenbar geworden, und sie wird auch mit seiner Vollendung ihr Ziel errichen.

Als der Urmensch diese irdische Welt betrat, und seine Augen das Licht empfinen; – als er zum ersten Male die mannigfache Schönheit und die reizvolle Pracht der Natur um sich herum erschaute, – und als er seine Blicke, einem unschuldigen Kinde gleich, nach oben erhebend die Sonne, den Mond und die unzählbaren Gestirne in dem hohen Gewölbe des Himmels betrachtete, –

da bewegte sich in einem unbefleckten Herzen ein namenloses Sehnen, ein zartes, bebendes und geheimnisvolles Gefühl der Bewunderung, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit. Dies war die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele.

Vorwort zu „Leben und Sprüche der Sufi-Meister des Islams“. Aus dem Persischen übersetzt von Hossein Kazemzadeh Iranschähr (1884 – 1962), Berlin 1934

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Die Perle des wahren Selbst finden

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Was wirklich von Bedeutung ist, für jede Methode des Sufitums, ist die fortwährende Erinnerung an einen der Namen Gottes. Das bringt Stille ins menschliche Herz; dies ist der erste Schritt. Der zweite ist die Öffnung einer Pforte im Innern des Herzmuskels; hier, nicht im Gehirn, liegen die verborgenen Fähigkeiten der Seele, und genau auf dieses Zentrum richtet ein Sufi seine Aufmerksamkeit. Und auf der Leiter des Herzschlags reist er über den Ozean des Daseins, um die Perle des wahren Selbst zu finden.

Seyed Mostafa Azmayesh (* 1952)

 

Unser menschliches Dasein ist ein Gasthaus

Darstellung von Rumi

 

Unser menschliches Dasein ist ein Gasthaus.
Allmorgendlich eine Neuankunft.

Eine Freude, ein Moment der Traurigkeit,
eine Gewohnheit, ein Geistesblitz
stehen unerwartet vor der Tür.

Heiße sie willkommen und bitte sie alle herein!
Und sei es eine Bande von Sorgen,
die rücksichtslos durchs Haus dir fegen
und es all seines Mobiliars berauben.

Selbst solchen Gästen erweise die Ehre.
Womöglich schaffen sie in dir nur Raum
für neue Freude.

Dem düsteren Gedanken, der Scham, der Hinterlist,
öffne ihnen die Tür und lass sie lachend ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn ein jeder ist dir von oben gesandt,
um dir den Weg zu weisen.

Dschelaluddin Rumi / Mevlana (1207-1273) zugeschrieben

Mystische Zunge

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Sie haben dich, heiliger Hafis,
Die mystische Zunge genannt
Und haben, die Wortgelehrten,
Den Wert des Worts nicht erkannt.

Mystisch heißest du ihnen,
Weil sie Närrisches bei dir denken
Und ihren unlautern Wein
In deinem Namen verschenken.

Du aber bist mystisch rein,
Weil sie dich nicht verstehn,
Der du, ohne fromm zu sein, selig bist!
Das wollen sie dir nicht zugestehn.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), West-oestlicher Divan

Leere Rollen und spirituelle Wahrheit

Llewellyn Vaughan-Lee (* 1953) in: Der Liebesbund. Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Wegs. Interlaken 1993, S. 25

 

Aus der Tiefe stieg er zur Höhe empor

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Ein Tropfen, der aus einer Regenwolke fiel,
Erschrak vor der Weite der See:
Wer bin ich in der Unermesslichkeit des Ozeans?
Wenn ER ist, dann bin ich in Wahrheit nicht!
Während er sich mit den Augen der Verachtung betrachtete,
Nährte ihn eine Muschel in ihrem Schoß.

Der Himmel lenkte die Geschicke so,
Dass eine berühmte, eine königliche Perle heranwuchs:
Aus der Tiefe stieg er zur Höhe empor
Und klopfte an die Tür des Nichts:
Bis das Sein heraustrat.

Idries Shah (1924-1996)