Mildes Licht

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Mildes Licht heiliger Herrlichkeit, des unsterblichen, himmlischen Vaters, des heiligen, seligen Jesus Christus, am Untergang der Sonne angelangt, das abendliche Licht betrachtend, besingen wir den Vater, den Sohn und Heiligen Geist als Gott. Würdig bist du, zu aller Zeit besungen zu werden von heiligen Stimmen, Sohn Gottes, Spen-der des Lebens; darum verherrlicht dich das All.

Der Lichthymnus Phos hiloaron, Mildes Licht, stammt vermutlich aus dem 2. Jahrhundert

Bei Gott Gehör finden

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Und warum dringt es bis zum Himmel, dieses kleine, kurze Gebet; bestehend aus nur einer Silbe? Sicher deshalb, weil es im ganzen, ungeteilten Geist, in seiner Höhe, Tiefe, Länge und Breite gebetet wird. In der Höhe des Geistes entsteht das Gebet, weil es mit der ganzen Kraft des Geistes geschieht; zugleich ist es aber auch in der Tiefe des Geistes, weil in dieser kleinen Silbe alle geistigen Sinne enthalten sind; in der Länge des Geistes ist es, denn was der Mensch auch sonst dabei empfindet, schreit er doch immer auf die eine, gleiche Weise; in der Breite des Geistes ist das Gebet, weil der Mensch für alle anderen das gleiche wie für sich selbst will. In diesem Augenblick hat die Seele wie vor ihr alle Heiligen die Rede des Heiligen Paulus von der Länge und Breite, der Höhe und Tiefe des ewigen, allliebenden, allmächtigen und allwissenden Gottes begriffen, zwar noch nicht vollständig, aber doch zum Teil und prinzipiell, wie es diesem von uns beschriebenen Werk entspricht. Gottes Ewigkeit ist Seine Länge, die Liebe Seine Breite, die Macht Seine Höhe und die Weisheit Seine Tiefe. Kein Wunder, daß die Seele, die so sehr durch göttliche Gnade dem Urbild Gottes, ihres Schöpfers, gleichgestaltet ist, bei Gott bald Gehör findet.

Die Wolke des Nichtwissens (14. Jh.), Kapitel 38

Im innersten Grunde vollkommenste Weisheit

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Es gibt drei Weisen des Schweigens: die erste ist das Stillschweigen der Worte; die zweite das Schweigen des Begehrens und die dritte das Schweigen der Gedanken. Die erste ist vollkommen, vollkommener noch die zweite und am vollkommensten die dritte. Bei der ersten Weise, dem Schweigen der Worte, wird Tugend erlangt; bei der zweiten, dem Schweigen des Begehrens, erreicht man die Ruhe; bei der dritten Weise, dem Schweigen der Gedanken, kommt man zur inneren Sammlung. Nicht sprechend, nicht begehrend und nicht denkend gelangt man zum wahren und vollkommenen mystischen Schweigen, in welchem Gott mit der Seele spricht, sich ihr mitteilt und sie in ihrem innersten Grunde die vollkommenste und höchste Weisheit lehrt.

Miguel de Molinos (1628 -1696) in: Geistliches Weggeleit. 17. Kapitel: Vom inneren, mystischen Schweigen, Nr. 129. Freiburg Br. 2018, S. 126

Aus Geist entstand die Welt und gehet auf in Geist

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Wol der Gedanke bringt die ganze Welt hervor,
Der, welchen Gott gedacht, nicht den du denkst, o Thor.

Du denkst sie, ohne daß darum entsteht die Welt,
Und ohne daß, wenn du sie wegdenkst, sie wegfällt.

Aus Geist entstand die Welt, und gehet auf in Geist,
Geist ist der Grund, aus dem, in den zurück sie kreist.

Der Geist ein Aetherduft hat sich in sich gedichtet,
Und Sternennebel hat zu Sonnen sich gelichtet.

Der Nebel hat in Luft und Wasser sich zersetzt,
Und Schlamm ward Erd‘ und Stein, und Pflanz‘ und Thier zuletzt,

Und menschliche Gestalt, in der der Menschengeist
Durch Gottes Hauch erwacht, und Ihn, den Urgeist, preist.

Friedrich Rückert (1788 – 1866) in: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2. Leipzig, 1837, S. 24

Der Menschen Gebäu ist nichts als ein Steinhaufen

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Also ist der Menschen Gebäu nichts als ein Steinhaufen. Und all ihr Tempel und Kirchen und die Ding werden zergehn. Allein der: Tempel, in dem Gott wohnet, der bleibt: das ist der Mensch.

Paracelsus / Theophrastus Bombast von Hohenheim (1493 oder 1494 – 1541)

Suche in dir selbst

Bô Yin Râ

Der mir befreundete Leiter des Magnum-Opus Verlag in Freiburg, Herr Möbus, der … schickte mir mit anderen Schriften auch „Das Buch vom lebendigen Gott“ eines mir unbekannten Verfassers mit Namen Bô Yin Râ. …

Eine einfache, klare Lehre sprach in schlichten aber mächtigen Worten zu mir. Sie lautet ungefähr: „Willst du suchen, so suche in dir selbst; dort findest du alles, was du suchst, wenn du recht verstehst, es zu suchen.“

Felix Weingartner, Lebenserinnerungen, Zweiter Band, S. 330 f. und S. 347 f., Orellfüssli Verlag, Zürich und Leipzig

Ausführlicher sind die Lebenserinnerungen von Felix Weingartner hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang Oktober 2021 Heft 10, Thema: DIE MUSIKALISCHE DIMENSION DES JAKOB-BÖHME-BUNDES

Mehr hier:

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Jakob Boehme, Tieck und Novalis

Heidelberg, 1904

Ein Gleichniss nimm an dir selber! Deine Seele in dir gibt dir 1. Vernunft, dass du kannst sinnen, das bedeutet Gott den Vater; 2. das Licht, so in deiner Seele scheinet, dass du die Kraft erkennest und dich leitest, bedeutet Gott den Sohn oder Herz, die ewige Kraft. Und 3. das Gemüte, welches ist des Lichtes Kraft und der Ausgang vom Lichte, damit du den Leib regierest, das bedeutet Gott den heiligen Geist.

Edgar Ederheimer zitiert diesen Text von Jakob Böhme in seinem Buch „Jakob Boehme und die Romantiker. Jakob Boehmes Einfluss auf Tieck und Novalis“. Heidelberg 1904, S. 19 – 20

Seine Früchte werden göttlich sein

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Der Keim des Göttlichen ist in uns. Wenn der Bauer gescheit und fleißig ist, wird der Keim gedeihen und zu Gott emporwachsen, aus dem er entspringt, und seine Früchte werden göttlich sein. Der Birnensame wächst zu einem Birnbaum heran, der Nusssame zu einem Nussbaum und der Same Gottes zu Gott.

Meister Eckhart (1260 – 1328)