Ein gegenwärtiges Nun

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Bei der Wahrheit, die Gott ist: Hast du es auf irgend etwas denn allein auf Gott abgesehen oder suchst du irgend etwas anderes als Gott, so ist das Werk, das du wirkst, nicht dein noch ist es fürwahr Gottes. Worauf deine Endabsicht in deinem Werke abzielt, das ist das Werk. Was in mir wirkt, das ist mein Vater, und ich bin ihm untertänig. Es ist unmöglich, daß es in der Natur zwei Väter gebe; es muß stets ein Vater sein in der Natur. Wenn die anderen Dinge heraus und „erfüllt« sind, dann geschieht diese Geburt. Was füllt, das rührt an alle Enden, und nirgends gebricht es an ihm; es hat Breite und Länge, Höhe und Tiefe. Hätte es Höhe, aber nicht Breite noch Länge noch Tiefe, so würde es nicht füllen. Sankt Paulus spricht: „Bittet, daß ihr zu begreifen vermöget mit allen Heiligen, welches sei die Breite, die Höhe, die Länge und die Tiefe« (Eph.3,18).

Diese drei Stücke bedeuten dreierlei Erkenntnis. Die eine ist sinnlich: Das Auge sieht gar weithin die Dinge, die außerhalb seiner sind. Die zweite ist vernünftig und ist viel höher. Mit der dritten ist eine edle Kraft der Seele gemeint, die so hoch und so edel ist, dass sie Gott in seinem bloßen, eigenen Sein erfaßt. Diese Kraft hat mit nichts etwas gemein; sie macht aus nichts etwas und alles. Sie weiß nichts vom Gestern noch vom Vorgestern, vom Morgen noch vom Übermorgen, denn in der Ewigkeit gibt es kein Gestern noch Morgen, da gibt es (vielmehr nur) ein gegenwärtiges Nun; was vor tausend Jahren war und was nach tausend Jahren kommen wird, das ist da gegenwärtig und (ebenso) das, was jenseits des Meeres ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in Predigt 11

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Sich in sich selber sammeln

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So viele Wohnungen und Kammern im Haus des Menschen sind, ebenso viele Kräfte und Sinne und Wirksamkeiten sind in dem Menschen. In all diese kommt der Heilige Geist auf je besondere Art. Sobald er kommt, drückt, reisst und richtet er den Menschen aus und bearbeitet und erleuchtet ihn.
Aber diese Einkehr, diese Wirksamkeit, werden nicht alle Menschen in gleicher Weise gewahr; und wirklich wohnt er ja auch in allen guten Menschen. Doch wer sein Wirken empfinden soll, sein Dasein schmecken mag oder will, der muss sich in sich selber sammeln, sich von allen äußeren Dingen abschließen und dem Heiligen Geist eine Stätte einräumen, damit dieser in Ruhe und Stille sein Werk in ihm tun könne.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

Ein Sitzkissen unter leerem Himmel, das Gewicht einer Flamme

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Mit ganzer Energie von Körper und Geist, beide vollständig in den strahlenden Lichtschatz fallen lassen, ohne zurück zu schauen. Ohne die Erleuchtung zu suchen. Ohne die Illusionen vertreiben zu wollen. Die aufkommenden Gedanken weder hassen noch lieben, und sie vor allem nicht unterhalten. Auf jeden Fall, was immer auch sei, das große Sitzen üben, hier und jetzt. Wenn ihr das Denken nicht unterhaltet, kehren die Gedanken in den Ursprung zurück. Wenn ihr euch in der Ausatmung aufgebt und euch von der Einatmung füllen lasst – in einem harmonischen Kommen und Gehen – bleibt nichts mehr als ein Sitzkissen unter leerem Himmel, das Gewicht einer Flamme.

Ejo Koun (1198-1282)

Geh in deinen Grund

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Da kommen denn viele Leute und erdenken sich mancherlei Wege,
um zu diesem Ziel zu gelangen:
Die einen wollen ein Jahr lang von Wasser und Brot leben,
die anderen eine Wallfahrt machen,
bald dies, bald das.
Ich nenne dir den einfachsten und kürzesten Weg:
Geh in deinen Grund und prüfe, was dich am meisten hindert,
dich am meisten von der Erreichung des Zieles zurück hält;
darauf richte deinen Blick.
Diesen Stein dann wirf in eines Flusses Grund.

Johannes Tauler (um 1300 – 1361