Nach dem ausrichten was verborgen ist

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Die vertiefte Erkenntnis der verborgenen Dinge, die die Seele über die Dinge der Erscheinungen hinaus zum wahren Wesen führt, ist wie eine hell-dunkle Wolke, die alles Sichtbare verdunkelt, und die Seele dazu anleitet und hinführt, sich nach dem auszurichten, was verborgen ist.

Gregor von Nyssa ( ca. 335/340 –  394 oder später)

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Du siehst den, der Dich sieht

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Das Sehen des absoluten Sinn-Grundes, der der Sinn-Grund von allem ist, ist mithin nichts anderes, als geistig Dich, Gott, zu kosten, da Du die Süßigkeit selbst des Seins, des Lebens und der Einsicht bist.

Was anderes, Herr, ist Dein Sehen, wenn Du mich mit den Augen der Güte anschaust, als dass Du von mir gesehen wirst? Dadurch, dass Du mich siehst, gewährst Du, dass Du von mir gesehen wirst, der Du „der verborgene Gott“ (Jesaja 45,15) bist. Niemand kann Dich sehen. Nur insofern kannst Du gesehen werden, als Du es gewährst, dass Du gesehen wirst. Und Dich sehen ist nichts anderes, als dass Du den siehst, der Dich sieht.

Nikolaus von Kues (1401-1464) in: Das Sehen Gottes / De visione Dei

Verborgener Schatz der Gnade Gottes

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Im täglichen Gebet habe ich nichts gefunden,
als die Bewegung des Körpers,
und im Fasten nichts anderes
als den Hunger.
Was ich besitze,
ist nur von Seiner Gnade
und nicht von meinen Taten.
Wahrlich, nichts kann man
durch seine Bestrebungen
und Anstrengungen gewinnen.
Aber der Glückliche ist der,
der auf seinem Wege weiter wandert,
bis er unter seinen Füßen
den verborgenen Schatz
der Gnade Gottes findet!

Bayezid Bastami (804 – 874)

In Gott und im Menschen

Das menschliche Wesen ist eine Substanz,
dessen Ursprung die Gottheit ist.
Wenn diese göttliche Substanz
im Menschen verloren geht,
befindet sie sich in Gott,
und wenn sie in Gott verborgen bleibt,
offenbart sie sich im Menschen.

Dja’far Ssadek (699/700 – 765)

Verkündiger der Morgenröte

An Tieck

Die Zeit ist da, und nicht verborgen
Soll das Mysterium mehr sein.
In diesem Buche bricht der Morgen
Gewaltig in die Zeit hinein.

Verkündiger der Morgenröte,
Des Friedens Bote sollst du sein.
Sanft wie die Luft in Harf und Flöte
Hauch ich dir meinen Atem ein.

Gott sei mit dir, geh hin und wasche
Die Augen dir mit Morgentau.
Sei treu dem Buch und meiner Asche,
Und bade dich im ewigen Blau.

Du wirst das letzte Reich verkünden,
Was tausend Jahre soll bestehn;
Wirst überschwenglich Wesen finden,
Und Jakob Böhmen wiedersehn.

Friedrich von Hardenberg / Novalis (1772 – 1801)

In seinem „An Tieck“ gerichteten Gedicht aus dem Jahre 1800 zeigt Novalis, welche Bedeutung die Begegnung mit dem Werk Jacob Böhmes (1575 – 1624) für ihn hatte. Die letzten Verse verherrlichen gleichsam Böhmes „Morgenröte im Aufgang“.

Unter anderem dieser Text wurde in einem Hörstück Die Sprache ist Delphi / Novalis träumt von Ronald Steckel eingearbeitet:
https://mystikaktuell.wordpress.com/2022/03/24/17596/

Eingehen in das Gesetz des Kosmos

Glasfenster von Josef Albers / Foto: (c) wak

Der moderne Maler malt z.B. nicht mehr die duftende taufrische Unmittelbarkeit einer Rose oder Tulpe, sondern sucht die Symbolkraft der Blüte an sich, natürlich mit Hilfe der Rose, der Tulpe, zu zeigen. So ist er bestrebt, indem er die „vor der Nase“ liegende „Natur“ scheinbar übersieht, mit weiter gestecktem Horizont, aber hinter den leiblichen Augen verborgene innere Zusammenhänge des Geschehens zu schauen sucht, durch die Mittel der künstlerischen Form in unmittelbare Berührung mit der Einheit aller Dinge zu kommen, einzugehen in das große Gesetz des Kosmos, sich selber erlösen, durch das Suchen des Göttlichen.

Fritz Neumann-Hegenberg: Kunst der Seele. Aus dem Nachlass, 1921

Der vollständige Beitrag ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VIII
CII. JAHRGANG WINTER 2021/2022

Januar 2022: Sakralkunst

Mehr auch hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Bestellungen: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Im Dunklen ist die Schönheit verborgen

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… (es) ist interessant, daß die Mayas angeblich die Bücher ihrer heiligen Schriften im Dunklen aufbewahrten und vortrugen. Es waren für die Dunkelheit geschriebene Texte, die nur dort im Dunklen bei Dämmerlicht von den Priestern gelesen wurden. Nur einmal im Jahr wurden sie während eines Rituals ans Tageslicht gebracht. Womit gewissermaßen öffentlich ihre Existenz bezeugt wurde. Dann verschwanden sie wieder in der Dunkelheit im Innern von Pyramiden oder anderen sakralen Räumen.

Der Blick ins Dunkle ist lohnenswert, denn dort ist die Schönheit verborgen. Doch der Blick ins Dunkle erfordert Zeit und Geduld und Vertrauen und Mut. Es dauert eine gewisse Zeit, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und zu sehen beginnen. Der hastige, ungeduldige,  flüchtige Blick in die Dunkelheit lässt die Augen nichts weiter sehen als Dunkelheit.

Die Schönheit offenbart sich nur dem, der bereit ist, sich auf den Weg zu ihr zu begeben. Da wir aber in einer Zeit des flüchtigen Blickes leben, bleibt diese Schönheit verborgen.

Und soweit die Künste, und vor allem der Film, als kapitalistische Unterhaltungsindustrie betrieben werden, sind sie nicht in der Lage, diesen wahrhaft sehenden, erkennenden Blick zu kultivieren. Deshalb stößt ein jeder auf Widerstand, der diesen Blick wagt.

Fred Kelemen (*1964) in seinem Beitrag „Die Schönheit harrt im Dunkeln“

Der vollständige Beitrag ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VIII
CII. JAHRGANG WINTER 2021/2022

Januar 2022: Sakralkunst

Mehr auch hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Bestellungen: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Die Gottesflamme in uns

Die wahre verborgene Seele in uns, diese verhüllte psychische Entität, ist die Gottesflamme in uns, immer brennend, unauslöschlich selbst für jene geistige Unerwecktheit, die sich überhaupt noch keines spirituellen Selbstes, das unsere äußere Natur nur verdunkelt, bewußt ist. Sie ist eine Flamme aus Gott geboren, und als leuchtender Einwohner in der Unwissenheit flammt sie weiter in ihr, bis sie imstande ist, diese zum Wissen hinzuwenden. Sie ist der verborgene Zeuge und Aufseher, der heimliche Führer, das Daimonion des Sokrates, das innere Licht oder die innere Stimme des Mystikers.

Aurobindo: Der integrale Yoga. Hamburg 1957, Kapitel V.: Die psychische Transformation, S. 78

Magischer Wortklang formend die Seele

Bô Yin Râ – Porträt mit Signatur

Seltsam sind seine Bücher. Seltsam und groß. Wer sie zum ersten Mal in die Hand nimmt, wird eigentümlich berührt. Es ist, wie wenn ganz fern im eignen Innern etwas klinge, kaum vernehmbar. Es ist, wie wenn sich leise Hüllen im Innern lösten. Du legst das schmale Buch wieder fort, wenn du es gelesen hast, wie du andere Bücher fortlegst. Aber es klingt in dir weiter, es zieht dich zurück. Und allmählich werden dir diese schmalen Bücher dick und schwer. Sie wachsen mit dir, sie weiten sich aus – und du erkennst in deinem Innersten, dass alles Licht und alle Weisheit in ihnen verborgen ist. Bist du noch so in Wirrung und innerer Not: hier wird die Lösung aus dir selber geweckt, hier ist ein Quell, aus dem dein innerstes Wesen sich Kraft und Vertrauen trinkt. Eines Tages erkennst du auch, dass diese Bücher nicht wie gewöhnliche Bücher geschrieben sind. „Dichter mögen allein nach Schönheit streben, Seher geben den Worten ewigen Klang“ heißt es im „Buch vom lebendigen Gott“ einmal. Das erlebst du nun. Alle diese Bücher wirken mit magischem Wortklang formend auf deine Seele.

Bô Yin Râ von Hans Christoph Ade (1888 -1981). Hans Christoph Ade wurde 1925 Schriftleiter von „Magische Blätter“. Der Text stammt aus gleicher Zeit.

Der vollständige Vortrag ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: JOSEPH SCHNEIDERFRANKEN

Heft 7, Juli 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Universeller Strom der Ideen

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Der verborgene Fluss der Gnosis ist Teil des universellen Stroms der Ideen, der unter der Oberfläche des menschlichen Bewusstseins verläuft. Die Absicht der antiken Schriftsteller wie auch unserer eigenen zeitgenössischen Suche nach Bedeutung entspringt der gleichen Quelle;  nämlich dem Wunsch, die Funken der Göttlichkeit zu befreien, die von Anfang an in die natürliche Welt eingebettet waren. Diese schimmern manchmal in der Weisheit der alten Väter, manchmal in den frühreifen Fragen eines unschuldigen Kindes. Die Funken wandern durch die Jahrhunderte, tauchen als  Faust in der poetischen Imagination Goethes auf, leuchtend in den Sinfonien des Kindes Mozart, beleben die denkwürdigen Fantasien, die aus der Feder von William Blake fließen.

June Singer (1920 – 2004) in ihrem Vorwort zu „The Gnostic Book of Hours“ (2003)