Im Ursprung rein und klar

Foto: © wak

Mensch in dem Ursprung
ist das Wasser rein und klar.
Trinkst du nicht aus dem Quell,
so stehst du in Gefahr.

Angelus Silesius (1624 – 1677)

Immer das Ursprüngliche suchen

Der echte Mensch folgt seinem innersten Gesetz
und keinem äußeren Gebot;

er hält sich an den Quell
und nicht an die Abwässer;

er meidet diese und sucht immer
das Ursprüngliche.

Lao Tse (zwischen 600 und 300 v. u.Z.)

 

 

Wenn es auch Nacht ist…

Johannes vom Kreuz  / Bildquelle: wikimedia – gemeinfrei

Wohl kenne ich den Quell, der rinnt und fließet,
wenn es auch Nacht ist.

Verborgen ist dem Blick die ewge Quelle,
doch weiß ich wohl zu finden ihre Stelle,
wenn es auch Nacht ist.

Ich weiß, nicht Ursprung hat sie je genommen,
doch aller Ursprung ist aus ihr gekommen,
wenn es auch Nacht ist.

Ich weiß, dass keine Schönheit ihrer gleiche,
sie tränkt die Erde und die Himmelreiche,
wenn es auch Nacht ist.

Ins Bodenlose, weiß ich, würde gleiten,
wer sie beträte, um sie zu durchschreiten,
wenn es auch Nacht ist.

Niemals hat ihre Klarheit sich verdunkelt,
und alles Licht weiß ich aus ihr entfunkelt,
wenn es auch Nacht ist.

Gewaltig weiß ich ihre Ströme eilen
durch Höllen, Himmel und wo Menschen weilen,
wenn es auch Nacht ist.

Den Wassern, die aus dieser Quelle steigen,
wohl weiß ich ihnen alle Macht zu eigen,
wenn es auch Nacht ist.

Den Strom, zu dem zwei Ströme sich verbinden,
weiß ich mit beiden nur zugleich zu finden,
wenn es auch Nacht ist.

Verborgen rinnt der Quell, auf dass wir leben,
in dem lebend’gen Brot, das uns gegeben,
wenn es auch Nacht ist.

Hier ruft er die Geschöpfe, dass sie kommen,
zu stillen sich, von Dunkelheit umschwommen,
weil’s in der Nacht ist.

Ersehnter Quell, dich such‘ ich nicht vergebens,
ich schaue dich in diesem Brot des Lebens,
auch wenn es Nacht ist.

Johannes vom Kreuz (1542 – 1591)

 

Geister und Seelen befruchtet und befrachtet

heer_eckhart

Im November 1956 erschien eine von Friedrich Heer herausgegebene Sammlung von Texten Meister Eckharts. In seiner Einleitung schreibt Heer unter anderem:

Was Meister Eckhart von der „Wallung“, vom  „Ausfluß“ und vom „Überkochen“ der Gottheit sagt, erfährt er an sich selbst. Die Gottheit „kocht über“ wie ein Gefäß, das übervoll ist; und ihr gleichend, weil zutiefst verwandt, weil ihr „Sohn“, kocht der Meister Eckhart über und befruchtet und zerstört mit seinen Lavamassen die Gefilde der Menschen. Eckhart, ein Vulkan. Eckhart, ein großer Zerstörer. Eckhart, ein Quell, der durch die Jahrhunderte hindurch Geister und Seelen befruchtet und befrachtet.

Friedrich Heer (1916 – 1983) über Meister Eckhart

Mehr hier:
http://www.ellopos.net/theology/eckhart-heer.asp