Eine gute Position um klar zu sehen

Atisha / Bild: wikimedia ~ gemeinfrei

„Wenn Übel die unbelebten und belebten Universen füllen,
dann verwandle widrige Umstände in den Bodhipfad“

Atisha (um 980 – 1054)

Lass all deine Vorstellungen weg, und selbst wenn dann alles ganz übel ist, widerstehe dem nicht, sondern wende auch da die Praxis (Tonglen) an, indem zu offen bist, ehrlich bist, nicht wissend, neugierig bist, die Phänomene als flüchtig betrachtest, als Blumen am Himmel – und einatmest und ausatmest. Hinterher können wir schauen, ob es etwas zu tun gibt. Das kann durchaus der Fall sein… Aber erst still sein, erst zur Natur des ungeborenen Gewahrseins zurückkommen, erst bereit sein, den Schmerz wirklich zu fühlen, ihn reinlassen und alles, was an Schönem da ist, loslassen, herschenken. Dann haben wir eine gute Position, eine gute Ausgangslage, um wirklich klar zu sehen.

Pyar Troll / Rauch (*1960) in: Bodhichitta – Das erwachte Herz. Das Sieben-Punkte-Geistestraining für Weisheit und Mitgefühl. 2005, o.O., S.88

Das Herz des Buddha und die Menschen der Welt

Foto: (c) wak

Es ist nicht nötig, wie die Wellen hin- und herzujagen.
Dasselbe Wasser, das verebbt, ist dasselbe Wasser, das fließt.
Es macht keinen Sinn, sich umzudrehen, um Wasser zu holen
wenn es um dich herum in alle Richtungen fließt
Das Herz des Buddha und die Menschen der Welt…
Wo ist da ein Unterschied?

Hsu Yun (1839/40 – 1959)

Alles durch den Einen betrachten

Symeon / Bild: Archiv

Wer dem Einen blind ist,
der ist es in allen Dingen.
Wer den Einen sieht,
der schaut alle Dinge.
Da er in dem Einen ist,
sieht er das Ganze.
Da er in dem Ganzen ist,
ist er von allem losgelöst.
Wer den Einen sieht,
betrachtet alles, sich selbst,
die Menschen und die Dinge,
durch den Einen.

Symeon der Neue Theologe (949 – 1022)

Was ist das Tao?

Yin Yang / Bild: Archiv

Wenn es eine richtige Antwort
auf die Frage
„Was ist das Tao“
gibt, so lautet sie:
„Ich weiß es nicht“.

Thomas Merton (1915 – 1968) in: Mystics an Zen Masters, New York 1961 -1967, p. 73

Spiritueller Materialismus

Foto: (c) wak

Solange wir einer spirituellen Sichtweise nachfolgen, die Erlösung, Wunder, Befreiung verspricht, sind wir mit der „goldenen Kette der Spiritualität“ festgebunden. Es könnte ganz schön sein, eine derartige Kette, mit ihren eingelegten Edelsteinen und verschlungenen Einkerbungen, zu tragen: aber trotzdem macht sie uns zu einem Gefangenen. Die Menschen glauben, sie können die goldene Kette als Schmuckstck tragen, ohne von ihr gefesselt zu werden, aber sie täuschen sich. Solange unsere Betrachtung von Spiritualität auf einer Bereicherung des Egos beruht, handelt es sich um spirituellen Materialismus, was eher ein selbstmörderischer als ein schöpferischer Prozess ist.

Chögyam Trungpa (1939 – 1987) in: Der Mythos Freiheit und der Weg der Meditation. Reinbek 2006, S. 19 – 20

Spiegel der Welt

Gedenktafel am Kloster Helfta / Foto: (c) wak

Die Seele ist
grundlos im Verlangen,
brennend in der Liebe,
freundlich in der Anwesenheit,
ein Spiegel der Welt,
bescheiden in der Größe,
getreu in der Hilfe,
gesammelt in Gott.

Die Beginenmystikerin Mechthild von Magdeburg (ca. 1207 – 1282)

Von Herz zu Herz

Foto: Marlies Schwochow +

Was sind die Mittel und Wege, deren sich der Zen-Meister bedient, um den Schüler zur Erfahrung des Seins hinzuführen? Die Lehre ist das Entscheidende nicht. Die übergreifende Antwort lautet: Es gibt nur die Mitteilung von Herz zu Herz, von Wesen zu Wesen, vom Sein, das ich im Grunde b i n, zum Sein, das auch der andere in seinem Wesen i s t.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988)

Sein ohne Sein

Foto: (c) wak

Die göttliche Liebe gebiert in der vernichtigten Seele, in der freien Seele in der erleuchteten Seele ewiges Wesen, empfangendes Genießen, liebevolle Vereinigung. Aus der ewigen Substanz empfängt das Gedächtnis das Vermögen des Vaters. Aus dem empfangenden Genießen hat der Verstand die Weisheit des Sohnes. Aus der liebenden Vereinigung empfängt der Wille die Güte des Heiligen Geistes. Die Güte des Heiligen Geistes vereinigt die Seele in der Liebe des Vaters und des Sohnes. Diese Vereinigung versetzt die Seele in ein Sein ohne Sein, welches das Sein selbst ist. Dieses Sein ist der Heilige Geist selbst, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist.

Die Begine Margarete Porete (1250-1310) in: Der Spiegel der einfachen Seelen. Wege der Frauenmystik. Aus dem Altfranzösischen übertragen und mit einem Nachwort und Anmerkungen von Louise Gnädinger (Zürich–München, 1987), S. 164 -165

Woher wir kommen wo wir sind und wohin wir gehen

Foto: (c) wak

Die Selbsterkenntnis lehrt uns,
woher wir kommen,
wo wir sind und wohin wir gehen.
Wir kommen von Gott
und sind in der Verbannung.
Und da die Kraft unserer Liebe
uns zu Gott zieht,
sind wir uns dieser Verbannung bewusst.

Jan van Ruysbroek (1293–1381)

Das Aufhören des Leidens

Foto: (c) wak

Es gibt niemanden auf der Welt, weder unter denjenigen, die wir als die Unterdrückten sehen, noch unter denjenigen, die wir für die Unterdrücker halten, der nicht alles hätte, was zum Erwachen nötig ist. Wir alle brauchen Unterstützung und Ermutigung, um uns bewußt zu werden, was wir denken, was wir sagen und was wir tun. Werden Sie sich Ihrer Meinungen bewußt. Wenn Sie feststellen, daß Sie Ihren Meinungen gegenüber aggressiv reagieren, bemerken Sie es einfach. Wenn Sie Ihren Meinungen gegenüber nicht aggressiv sind, bemerken Sie auch das. Indem Sie ein Bewußtsein entwickeln, das sich nicht an richtig oder falsch klammert, finden sie einen neuen Seinszustand. Daraus entwickelt sich schließlich das endgültige Aufhören des Leidens. Zu guter Letzt, wenn Sie nicht mehr an sich verzweifeln. Tun Sie von ganzem Herzen alles, um Ihre klarsichtige Intelligenz zu wecken, aber tun Sie es immer nur von Tag zu Tag, von Moment zu Moment.

Pema Chödrön (*1936)