Ich bin ein Pilger der sein Ziel nicht kennt

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Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt;
Der Feuer sieht und weiß nicht, wo es brennt;
Vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.

Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt;
Der in dem Sonnenstrahl nach Golde scharrt;
Der das Erwachen flieht, auf das er harrt.

Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt;
Der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt;
Der einst in fahle Ewigkeiten fällt.

Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt;
Das tauentströmt in Wolken sich ergießt;
Das küßt und fortschwemmt, – weint und froh genießt.

Wo ist, der meines Wesens Namen nennt?
Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt?
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.

Erich Mühsam (1878 – 1934)

Vor den sogenannten heiligen Schriften aller Völker und Zeiten…

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Vor den sogenannten heiligen Schriften aller Völker und Zeiten, vor aller Offenbarungsliteratur überhaupt eignet dem von Bô Yin Râ hinterlassenen Lehrwerk allein der Vorzug, keinerlei historische Redaktion durch fremde Hände haben erleiden zu müssen, die auf die ursprüngliche Ausdrucksform, durch Umstellung und Weglassung, Hinzufügung und Übersetzung, Änderung und Unterschiebung wie zersetzende Säuren eingewirkt haben.

Seine Lehrtexte stellen den heute menschenmöglichen, erschöpfenden und zuverlässigen, im Grunde sogar einzig möglichen Ausdruck dessen dar, was man Offenbarung genannt hat und worüber eine Art stiller und vorurteilsvoller Übereinkunft besteht, dass sie nur in der Vergangenheit vorkommen und längst abgeschlossen sei.

Rolf Schott, Bô Yin Râ: Ein Lebenswerk und sein Meister. Vortragsmanuskript für die „Theosophische Gesellschaft“, zitiert nach Werner Erni, der für den Kober-Verlag tätig war

 

Der vollständige Text kann hier nachgelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 11 | Dezember 2020
TITELTHEMA: WEIHENACHT

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Recht fertig

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Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
Oder er kann es und will es nicht:
Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
Oder er will es nicht und kann es nicht:
Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

Lactantius (ca. 240, 250-317)

Mehr zu dieser Frage auch hier: https://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-at/theodizee/

Näher kommend wird der Pilger irre…

Schon von ferne fühlt der fremde scheue
Pilger, wie es golden von ihm träuft;
so als hätten Reiche voller Reue
ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.

Aber näher kommend wird er irre
vor der Hoheit dieser Augenbraun:
denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre
und die Ohrgehänge ihrer Fraun.

Wüßte einer denn zu sagen, welche
Dinge eingeschmolzen wurden, um
dieses Bild auf diesem Blumenkelche
aufzurichten: stummer, ruhiggelber
als ein goldenes und rundherum
auch den Raum berührend wie sich selber.

Rainer Maria Rilke, Neue Gedichte, Erster Teil (1907)

Den Raum berührend wie sich selber

Schon von ferne fühlt der fremde scheue
Pilger, wie es golden von ihm träuft;
so als hätten Reiche voller Reue
ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.

Aber näher kommend wird er irre
vor der Hoheit dieser Augenbraun:
denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre
und die Ohrgehänge ihrer Fraun.

Wüßte einer denn zu sagen, welche
Dinge eingeschmolzen wurden, um
dieses Bild auf diesem Blumenkelche
aufzurichten: stummer, ruhiggelber
als ein goldenes und rundherum
auch den Raum berührend wie sich selber.
Rainer Maria Rilke, Neue Gedichte, Erster Teil (1907)

Vollkommen gut

Die Ursache, an der es gelegen ist, daß eines Menschen Wesen und Seelengrund vollkommen gut sei, und aus der seine Werke ihre Güte empfangen, das ist dies: dass des Menschen Gemüt gänzlich zu Gott gekehrt sei. Darauf setze all dein Studieren, daß dir Gott groß werde und dass all dein Trachten und Bemühen ihm zugewandt sei in all deinem Tun und Lassen. Fürwahr, je mehr du davon hast, je besser sind auch, welcher Art sie seien, deine Werke. Hafte Gott an, so hängt er dir alles Gute an. Suche Gott, so findest du Gott und alles Gute. Ja, in Wahrheit, du könntest in solcher Meinung auf einen Stein treten, und es wäre heiliger getan, als wenn du, das Deinige im Sinne, den Leib unseres Herrn nähmest, dein Trachten fern von ihm. Wer Gott anhaftet, dem haftet Gott an und alle Tugend. Und was vorher du suchtest, das sucht nun dich, und was vorher du jagtest, das jagt nun dich, und was vorher du fliehen mochtest, das flieht nun dich. Darum, wer Gott anhaftet, dem haftet alles an, was göttlich ist, den flieht alles, was anders ist und fremd.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Buddha

Schon von ferne fühlt der fremde scheue

Pilger, wie es golden von ihm träuft;

so als hätten Reiche voller Reue

ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.

 

Aber näher kommend wird er irre

vor der Hoheit dieser Augenbraun:

denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre

und die Ohrgehänge ihrer Fraun.

 

Wüßte einer denn zu sagen, welche

Dinge eingeschmolzen wurden, um

dieses Bild auf diesem Blumenkelche

aufzurichten: stummer, ruhiggelber

als ein goldenes und rundherum

auch den Raum berührend wie sich selber.

 

 

Rainer Maria Rilke, Neue Gedichte, Erster Teil (1907)

Mehr Tage als einen…

Es gibt mehr Tage als einen. Es gibt den Tag der Seele und den Tag Gottes. Ein Tag vor sechs oder sieben Tagen oder vor mehr als sechstausend Jahren ist der Gegenwart ebenso nah wie der gestrige Tag. Warum? Weil alle Zeit im Nu des gegenwärtigen Augenblicks enthalten ist. Der Tag der Seele fällt in diese Zeit und besteht aus dem natürlichen Licht, in dem Dinge gesehen werden. Der Tag Gottes ist jedoch der vollständige Tag, der Tag und Nacht umfasst. Er ist der wirkliche jetzige Augenblick. Vergangenheit und Zukunft sind beide weit von Gott entfernt und seinem Wege fremd.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

 

Allen Leserinnen und Lesern einen guten Übergang in das Jahr 2014!