Uns zum Unsichtbaren erheben

Photo by cottonbro on Pexels.com

Da es also drei Stufen oder Formen der Wahrheit gibt, so steigen wir zur ersten durch die Mühsal der Demut, zur zweiten durch das Gefühl des Mitleids, zur dritten durch Entzückung und Beschauung empor.
Auf der ersten Stufe findet man die Wahrheit streng, auf der zweiten barmherzig, auf der dritten rein. Zur ersten Stufe führt die Vernunft, durch die wir uns auf Herz und Nieren prüfen. Zur zweiten Stufe führt die Liebe, durch die wir mit andern Erbarmen fühlen. Zur dritten Stufe reißt uns die Reinheit fort, durch die wir uns zum Unsichtbaren erheben.

Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153)

Er ist der Seher den man nicht sieht

Er ist der Seher, den man nicht sieht,
der Hörer, den man nicht hört,
der Denker, den man nicht denkt,
der Erkenner, den man nicht erkennt;

es gibt keinen anderen Seher,
es gibt keinen anderen Hörer,
es gibt keinen anderen Denker,
es gibt keinen anderen Erkenner,

das ist dein Âtman,
der heimliche Lenker,
der Unsterbliche. Leidvoll ist alles andere.


Brihad-Âranyaka-Upanishad, ~ 700–500 v.u.Z.

Gefunden habe ich diesen Text hier: https://blog.nootheater.de/2020/11/12/buch-der-freunde-liii/

Alles ist wie ein Ozean

Foto: © wak

 

Alles ist wie ein Ozean.
Alles fließt und berührt sich.
An einem Ende der Welt verursachst du eine Bewegung,
und am anderen Ende hallt sie wider.

Starez Sossima in den „Brüdern Karamasow“ von Fjodor Dostojewskij (1821–1881)

Das Herz ist kein einsamer Ort

Foto: © wak

 

Im Innersten unseres Herzens finden wir uns in einem Bereich, in dem wir nicht nur auf das Innigste mit uns selbst, sondern ebenso mit anderen vereint sind, mit allen anderen. Das Herz ist kein einsamer Ort. Es ist der Bereich, in dem Alleinsein und Beisammensein zusammentreffen. Ist es nicht so, dass unsere ureigenste Erfahrung uns das lehrt? Kann man jemals sagen „Jetzt bin ich wirklich bei mir, obwohl ich anderen entfremdet bin“? Oder: „Ich bin wirklich eins mit anderen, oder auch nur mit einer anderen Peson, die ich liebe, und doch bin ich mir entfremdet“? Undenkbar! Im selben Moment, da wir eins sind mit uns selbst, sind wir mit allen anderen eins. Dann haben wir die Entfremdung überwunden. Und das Herz steht für jenen Kern des Seins, wo lange vor der Entfremdung ursprüngliche Zusammengehörigkeit herrschte.

David Steindl-Rast (*1926) in: Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik. 1968, S. 29

Im Heiligtum in der Tiefe deines Herzens

Foto: © wak

 

Brich auf! Du bist für den Weg geboren.
Brich auf! Du hast ein Treffen einzuhalten.
Wo? Mit wem? Vielleicht mit dir selbst.
Brich auf! Deine Schritte werden deine Worte sein,
der Weg dein Lied, die Müdigkeit deine Gebete.
Und am Ende wird deine Stille zu dir sprechen.
Brich auf! Alleine oder mit anderen.
Aber komm heraus aus dir selbst!
Du wirst Begleiter finden, Schwestern und Brüder.
Brich auf! Dein Kopf weiß nicht, wohin deine Füße dein Herz führen.
Brich auf! Jemand ist unterwegs, dich zu treffen,
sucht dich im Heiligtum am Ende des Weges,
im Heiligtum in der Tiefe deines Herzens.
Er ist dein Friede. Er ist deine Freude.
Geh! Gott ist schon mit dir unterwegs.

Anonym / Santuari de Santa Maria de Lluc auf Mallorca

Der Zuhörer ist der Resonanzraum, in dem der Andere sich freiredet

In Zukunft wird es womöglich einen Beruf geben, der Zuhörer heißt. Gegen Bezahlung schenkt er dem Anderen Gehör. Man geht zum Zuhörer, weil es sonst kaum jemanden mehr gibt, der dem Anderen zuhört. Heute verlieren wir immer mehr die Fähigkeit des Zuhörens. Vor allem die zunehmende Fokussierung auf das Ego, die Narzifizierung der Gesellschaft erschwert es. Narziss erwidert die liebende Stimme der Nymphe Echo nicht, die eigentlich die Stimme des Anderen wäre. So verkommt sie zur Wiederholung der eigenen Stimme.

Das Zuhören ist kein passiver Akt. Eine besondere Aktivität zeichnet es aus. Ich muss zunächst den Anderen willkommen heißen, das heißt den Anderen in seiner Andersheit bejahen. Dann schenke ich ihm Gehör. Zuhören ist ein Schenken, ein Geben, eine Gabe. Es verhilft dem Anderen erst zu sprechen. Es folgt nicht passiv der Rede des Anderen. In gewisser Hinsicht geht das Zuhören dem Sprechen voraus. Das Zuhören bringt den Anderen zum Sprechen. Ich höre schon zu, bevor der Andere spricht, oder ich höre zu, damit der Andere spricht. Der Zuhörer ist der Resonanzraum, in dem der Andere sich freiredet.

Byung-Chul Han in: „Die Austreibung des Anderen: Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute“. S. Fischer Wissenschaft, Frankfurt/M. 2016

Mehr zu meinem Angebot als Zuhörer für Sie hier: https://zuhoerer-ruhr.com/

Aus deinem Schlaf erwachen wollen

Foto: © wak

Du sollst nichts erwarten
und nichts erstreben
außer dem einen:
aus deinem Schlafe,
aus der Traumwelt der anderen
erwachen zu wollen.

Bô Yin Râ (1876 – 1943)

 

Motto aus „Meister in Indien“ . Verbürgte Mitteilungen über indische Mahâtmas und ihre Lehren von Felicita R. Scatcherd. Das Buch erschien 1921 in deutscher Übersetzung im Verlag Magische Blätter,
Leipzig

Der vollständige Text ist jetzt hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 8  |  September 2020

TITELTHEMA: EIN VERSCHÜTTETER TEMPEL

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Aufgehoben ohne sich aufzulösen

Foto: © wak

Der Gegenstand der mystischen Erfahrung ist ein solcher, der alle anderen konkreten Phänomene in einer neuen Einheit erfahren lässt, eine Einheit, die alles andere zu übersteigen scheint, nicht vernichtet, aber relativiert. Das erkennende Ich fühlt sich aufgehoben in dieser erfahrbaren neuen Einheit, ohne sich dabei aber als erkennendes Ich vollständig aufzulösen.

Gerd Doeben-Henisch (*1948)

 

Hier der komplette Text von Gerd Doeben-Henisch: Meditation im Blickfeld von Philosophie und Wissenschaft

Klicke, um auf phil-wiss-med-mystik-mai2019.pdf zuzugreifen

Auf unser Herz treffen

Die Anleitungen zur Achtsamkeit, zur Leerheit oder zur Arbeit mit Energie sagen alle dasselbe: dranbleiben, exakt am Punkt bleiben, das nagelt uns fest. Es legt uns auf genau den Kreuzungspunkt von Raum und Zeit fest, an dem wir uns befinden. Wenn wir genau hier innehalten und die Impulse nicht ausagieren oder unterdrücken und weder anderen noch uns selbst die Schuld geben, dann treffen wir auf eine offene Frage, auf die es keine schematische Antwort gibt. Wir treffen auf unser Herz.

Pema Chödrön (* 1936 )