Der Kapitalismus ist eine unpersönliche Macht

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Der Kapitalismus ist eine unpersönliche Macht,
die Arbeit ist das Persönlichste, was es gibt,
und so lange das Unpersönliche
über das Persönliche dominiert,
kann von sittlichen Beziehungen keine Rede sein.

Lukas Stückelberger 1911 (Redakteur der schweizerischen Zeitschrift „Neue Wege“)

Wir bedürfen des Brotes…

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Wir bedürfen des Brotes. Wir sind Wesen, die ihre Energie fortwährend von aussen hernehmen, denn in dem Maße, wie wir sie empfangen, verbrauchen wir sie in unseren Anstrengungen. Wird unsere Energie nicht täglich erneuert, werden wir kraftlos und unfähig, uns zu regen.
Ausser der eigentlichen Nahrung, im buchstäblichen Sinn des Wortes, sind alle Anreize Energiequellen für uns. Das Geld, die Beförderung, das Ansehen, die Auszeichnungen, die Berühmtheit, die Macht, die Wesen, die wir lieben, alles, was uns zum Handeln befähigt, ist wie Brot.
Dringt eine dieser Verhaftungen tief genug in uns ein, bis zu den Lebenswurzeln unserer fleischlichen Existenz, so kann die Entbehrung uns zerbrechen und sogar den Tod herbeiführen. Man nennt dies: vor Kummer sterben. Das gleicht dem Hungertod.
All diese Gegenstände der Verhaftung stellen, zusammen mit der eigentlichen Nahrung, unser irdisches Brot dar. Es hängt völlig von den Umständen ab, ob es uns gewährt wird oder versagt bleibt.
Und was die Umstände betrifft, sollen wir nichts erbitten, ausser dass sie dem Willen Gottes gemäss seien. Wir sollen das irdische Brot nicht erbitten.
Es gibt eine transzendente Energie, deren Quell im Himmel entspringt, die in uns einströmt, sobald wir es begehren. Dies ist wirklich unsere Energie; sie vollbringt Taten durch unsere Seele und unseren Leib.
Diese Nahrung sollen wir erbitten.

Simone Weil (1909 -1943), Betrachtungen über das Vaterunser, 1941/42

Gefunden habe ich diesen Text hier: http://blog.nootheater.de/2012/12/18/buch-der-freunde-vii/

Sag mir ein Wort dass ich davon lebe

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„Abba Evagrios hat gesagt: ,Einmal ging ich zu Abba Makarios, geplagt von den Gedanken der Leidenschaften des Leibes. Ich sagte zu ihm: ,Mein Vater, sag‘ mir ein Wort, daß ich davon lebe!‘

Abba Makarios antwortete mir: ,Befestige das Tau am Pflock, und durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus wird die Barke die dämonischen Wellen durchqueren, die Wogen dieses schlammigen Meeres und die Dunkelheit der Finsternis dieser eitlen Welt.‘

Ich sagte zu ihm: ,Was bedeutet die Barke, was das Tau und was der Pflock?‘

Abba Makarios sagte zu mir: ,Die Barke, das ist dein Herz: behüte es. Das Tau, das ist dein Intellekt: befestige ihn an unserem Herrn Jesus Christus, der der Pflock ist. Er hat Macht über alle Wogen und dämonischen Wellen, die die Heiligen bekämpfen. In der Tat, ist es nicht ein leichtes, bei jedem Atemzug zu sagen: Mein Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner! Ich preise dich, mein Herr Jesus! Und wenn du von den Leidenschaften bedrängt wirst und den Widerwärtigkeiten dieser Welt, zu sagen: Mein Herr Jesus, komm mir zu Hilfe? Während der Fisch noch die Welle verschlingt, ist er schon gefangen, ohne es zu merken…'“

Gebet macht kalte Seele brennend

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Das Gebet hat große Kraft,
das ein Mensch vollbringt
mit aller seiner Macht:
Es machet ein bitteres Herz süß,
ein trauriges Herz froh,
ein armes Herz reich,
ein törichtes Herz weise,
ein zaghaftes Herz kühn,
ein kraftloses Herz stark,
ein blindes Herz sehend,
eine kalte Seele brennend-

Die Beginenmystikerin Mechthild von Magdeburg (ca. 1210-1299)

Im Schweigen redet es…

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Im Schweigen redet es,
Im Reden schweigt es.
Das große Tor der wahren Liebe steht offen;
Es kennt keine Hindernisse.
Fragt jemand: „Welche Wahrheit hast du erkannt?“,
Sag ich: „Die Macht der transzendenten Weisheit.“

Yoka Daishi (665 – 713) im „Shodoka“

 

Meine Seele sieht das Land der Freiheit

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Es steht geschrieben, dass Maria sagte
meine Seele erhebt den Herren
und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen
siehe von nun an werden mich seligpreisen alle
Kindeskinder

Heute sagen wir das so
meine Seele sieht das Land der Freiheit
und mein Geist wird aus der Verängstigung
herauskommen die leeren Gesichter der Frauen
werden mit Leben erfüllt
und wir werden Menschen werden
von Generationen vor uns, den Geopferten, erwartet

Es steht geschrieben, dass Maria sagte
denn er hat grosse Dinge an mir getan, der da mächtig
ist und dessen Name heilig ist
und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu
Geschlecht

Heute sagen wir das so
die grosse Veränderung, die an uns und durch uns
geschieht wird mit allen geschehen – oder sie bleibt aus
Barmherzigkeit wird geübt werden, wenn die
Abhängigen das vertane Leben aufgeben können
und lernen, selber zu leben.

Es steht geschrieben, dass Maria sagte
er übt Macht mit seinem Arm und zerstreut
die Hochmütigen
er stösst die Gewaltigen von ihren Thronen
und die Getretenen richtet er auf

Heute sagen wir das so
wir werden unsere Besitzer enteignen und über die,
die das weibliche Wesen kennen,
werden wir zu lachen kriegen
die Herrschaft der Männchen über die Weibchen wird
ein Ende nehmen
aus Objekten werden Subjekte werden
sie gewinnen ihr eigenes besseres Recht.

Es steht geschrieben, dass Maria sagte
Hungrige hat er mit Gütern gefüllt
und die Reichen leer hinweggeschickt
er denkt der Barmherzigkeit und hat sich Israels
seines Knechts angenommen.

Heute sagen wir das so
Frauen werden zum Mond fahren und in den Parlamenten entscheiden
ihre Wünsche nach Selbstbestimmung werden in
Erfüllung gehen
und die Sucht nach Herrschaft wird leer bleiben
ihre Ängste werden gegenstandslos werden
und die Ausbeutung ein Ende haben.

Dorothee Sölle (1929 – 2003)

Mechthild von Magdeburg: Die Kraft des Gebetes

Gedenktafel für Mechthild von Magdeburg und andere Beginen in Helfta ~ Foto: © wak

 

Das Gebet hat große Kraft,
das ein Mensch vollbringt
mit aller seiner Macht:
Es machet ein bitteres Herz süß,
ein trauriges Herz froh,
ein armes Herz reich,
ein törichtes Herz weise,
ein zaghaftes Herz kühn,
ein kraftloses Herz stark,
ein blindes Herz sehend,
eine kalte Seele brennend-

Die Beginenmystikerin Mechthild von Magdeburg (ca. 1210-1299)

Frei von der Macht der Menschen

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Wenn ich in mir den Raum der Stille entdecke, zu dem niemand Zutritt hat außer Gott, und wenn ich in diesem Raum meine Heimat finde, dann fühle ich mich frei von der Macht der Menschen, von der Macht ihrer Erwartungen und Ansprüche, und auch von der Macht des eigenen Über-Ichs, das mich sonst so oft verurteilt und knechtet, das mich abwertet und entwertet.

In: Anselm Grün / Gerhard Riedl: Mystik und Eros. Münsterschwarzach 2001, S. 43