Wahrheiten, Segen und Kraft geschöpft

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Die Mystik ist zugleich mit der Menschheit selbst geboren. Sie ist zugleich mit der Entstehung des Menschenreiches auf Erden offenbar geworden, und sie wird auch mit seiner Vollendung ihr Ziel erreichen.

Als der Urmensch diese irdische Welt betrat, und seine Augen das Licht empfingen; als er zum ersten Male die mannigfache Schönheit und die reizvolle Pracht der Natur um sich herum erschaute, und als er seine Blicke, einem unschuldigen Kinde gleich, nach oben erhebend die Sonne, den Mond und die unzählbaren Gestirne in dem hohen Gewölbe des Himmels betrachtete, da bewegte sich in seinem unbefleckten Herzen ein namenloses Sehnen, ein zartes, bebendes und geheimnisvolles Gefühl der Bewunderung, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit. Dies war die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele!

Dieses Gefühl können wir noch heute empfinden, besonders, wenn wir schweigend und einsam auf einem Berg stehend, die Natur bewundern, die Morgen- oder die Abenddämmerung erleben, oder in einer klaren Nacht den Himmel betrachten.

Diese Mystik hat nie aufgehört, sich im Leben der Einzelnen, wie auch der Völker, in irgendeiner Form, in dieser oder jener äußeren Hülle zu offenbaren. Sie ist die göttliche Quelle gewesen, aus der alle Religionen ihre Lehre, ihre Wahrheiten, ihren Segen und ihre Kraft geschöpft haben.

Vorwort zu „Leben und Sprüche der Sufi-Meister des Islams“. Aus dem Persischen übersetzt von Hossein Kazemzadeh Iranschähr (1884 – 1962), Berlin 1934

Das Jetzt ist der Samen der Zukunft…

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Das Jetzt ist der Samen der Zukunft und muss von daher im Herzen und in der Seele gehalten werden, wenn er wachsen soll, wenn unsere Enkelkinder dieselben Farben im Regenbogen sehen sollen. Liebe und Sorge für die Erde und all ihre Gemeinschaften gehören dem Augenblick an, der voll gefühlt und von den Tiefen unseres Seins gelebt wird. Wenn Rumi sagt: „Kehre zur Wurzel der Wurzel deines Selbst zurück“, meint er das wahre Mysterium, welches in einem jeden von uns lebt, das uns mit der Sonne und dem Mond wie auch mit der gesamten Schöpfung verbindet.

 Llewellyn Vaughan-Lee (*1953) https://goldensufi.org/g_a_Den_Augenblick_der_Liebe_leben.html

 

O Gott gib Licht …

 

Musik aus dem Zyklus HAGIOS von Komponist Helge Burggrabe. Aufnahme im Rahmen des Bremer Friedenskonzertes am 8. Mai 2020 im Bremer Dom. Mitwirkende: Sabrina Reist (Sopran),  Sophia Holdt (Alt), Clemens Löschmann (Tenor), Birger Radde (Bariton) und Helge Burggrabe (Klavier)

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Auf der Seite „Nische der Lichter“ findet sich dieser Hinweis zu einer etwas anderen und ausführlicheren Version des Textes: „Das Lichtgebet (Du’a an-Nur) ist zweifellos eines der schönsten Gebete, ein Juwel. Es heißt, dass Mevlana Rumi (auf den der Mevlevi-Derwisch-Orden zurück geht) das Gebet des Lichts jeden Morgen rezitierte.“ https://nischederlichter.wordpress.com/das-lichtgebet/

„O Gott gib Licht in mein Herz, Licht in mein Grab,
Licht in meine Hände, Licht hinter mich, Licht über
mich, Licht unter mich, Licht in meine Ohren, Licht in
meine Augen, Licht auf meine Haut, Licht in mein Haar,
Licht in mein Fleisch, Licht in mein Blut, Licht in meine
Knochen.
O Gott! Mehre mein Licht und mach mich zu Licht.
O Gott! Gib Licht in mein Herz. Licht auf meine Zunge,
Licht in meine Auge, Licht in meine Ohren, Licht auf
meine rechte Seite, Licht auf meine linke Seite, Licht
über mich, Licht unter mich, Licht vor mich, Licht
hinter mich. Licht in mich.
O Gott, ich bitte dich! Gib mir Licht, mehre mein Licht
und mach mich zu Licht! Amen“

 

Der Spiegel des Herzens

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Der höchste Mensch
gebraucht sein Herz wie einen Spiegel.
Er geht den Dingen nicht nach
und geht ihnen nicht entgegen;
er spiegelt sie wider,
aber hält sie nicht fest.
Darum kann er die Welt überwinden
und wird nicht verwundet.

Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Jena 1912, Buch VII, Seite 59

Glauben um zu begreifen

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Ich versuche nicht, Herr,
zu Deiner Höhe zu dringen,
weil mein Verstand mit ihr
in keinen Vergleich zu bringen ist;
ich wünsche nur einigermaßen Deine Wahrheit zu begreifen,
die mein Herz glaubt und liebt.
Denn ich suche nicht
zu begreifen, um zu glauben,
sondern glaube, um zu begreifen.

Anselm von Canterbury (* um 1033 – 1109)

Kehre in dich selbst zurück

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Herz, mein Herz
nicht in der Weite,
In der Nähe liegt das Glück!
Glaube, liebe, hoffe, leide
Und kehre in dich selbst zurück.

Julius Sturm (1816–1896)

Der vollständige Text findet sich z.B. hier: https://gedichte.xbib.de/Sturm%2C+Julius_gedicht_005.+Nicht+in+der+Weite.htm

Kein Entrinnen vor uns selbst

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Wir sind hier; weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt.
Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht.
Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit.
Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen – er wird allein sein.

Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten?

Hier in der Gemeinschaft kann ein Mensch erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der – Teil eines Ganzen – zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet.
In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; nicht mehr allein – wie im Tod – sondern lebendig als Mensch unter Menschen.

Richard Beauvais (1964)

 

Mehr zu Sucht und Spiritualität hier: https://alkoholundspirit.wordpress.com/

William James: Mystik und Alkohol

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Der nächste Schritt in mystische Zustände führt uns in einen Bereich, den öffentliche Meinung und philosophische Ethik immer schon als pathologisch gebrandmarkt haben, während ihn die private Praxis und bestimmte lyrische Kreise anscheinend immer noch idealisieren. Ich meine den Bewusstseinszustand, der durch Gifte und Anästhetika, besonders Alkohol erzeugt wird. Die Macht des Alkohols über die Menschheit beruht ohne Frage in seinem Vermögen, die mystischen Fähigkeiten der menschlichen Natur zu stimulieren, die in den nüchternen Stunden von den kalten Fakten und der trockenen Kritik niedergehalten werden. Nüchternheit verkleinert, unterscheidet und sagt Nein; Trunkenheit erweitert, verbindet und sagt Ja. Sie ist in der Tat der große Ja-Erreger im Menschen. Sie bringt ihren Jünger von der kalten Peripherie der Dinge zum strahlenden Herzen. Für den Moment vereint sie ihn mit der Wahrheit. Die Menschen laufen ihr nicht aus bloßer Perversität nach. Für den Armen und Ungebildeten nimmt sie den Platz ein, den für uns Symphoniekonzerte und Bücher einnehmen; und es gehört zu den unergründlichen Geheimnissen und der Tragik des Lebens, dass vielen von uns nur der Hauch und der Schimmer dessen gewährt wird, was wir in den flüchtigen Anfängen zunächst als etwas Großartiges wahrnehmen, was als Ganzes jedoch eine erniedrigende Vergiftung ist. Das trunkene Bewusstsein ist ein Stück des mystischen Bewusstseins, und unser Gesamturteil über dieses Teilstück muss in unser Urteil über das größere Ganze eingebettet sein.

William James (1842 – 1910) in: Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur. Frankfurt am Main/Leipzig 1997, S. 389-390

Mehr zu Alkohol und Spiritualität hier: https://alkoholundspirit.wordpress.com/

Jacob Böhme: Einatmen ausatmen

Johannes Itten, Spruch von Jacob Böhme: Einatmen, ausatmen, 1922

 

Du Pendel der Welt
Einatmen Ausatmen
So schwinge du hin so schwinge du her
Du Atem der Engel so brenne und glühe
Vermehre Verstärke
Die Seele der Welt
Du Atem der Engel im Herzen werde menschlich
Bleib ewig wenn auch noch im Menschen begrenzt
Zum Herzen vom Herzen
Einatmen Ausatmen
So schwinge du ewig du Pendel der Welt

Jacob Böhme (1575 – 1624)

 

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

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Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Im Herzen eurer Mitmenschen dem Göttlichen Geliebten dienen

Meher Baba | Foto: Archiv

 

Wenn ihr, statt Kirchen, Tempel oder Moscheen zu erbauen, das Haus für euren göttlichen Geliebten in euren Herzen errichtet, ist meine Arbeit beendet.

Wenn ihr, statt Zeremonien und Rituale mechanisch nach alter Tradition zu zelebrieren, im Herzen eurer Mitmenschen dem Göttlichen Geliebten dient, wird meine Arbeit vollendet sein.

Meher Baba (1894 – 1969)