Mitten im Weltenbau steht der Mensch

Aus einem Codex der Hildegard von Bingen   wikimedia/gemeinfrei

Mitten im Weltenbau steht der Mensch, denn er ist bedeutender als alle übrigen Geschöpfe. An Statur ist er zwar klein, an Kraft seiner Seele jedoch gewaltig. Sein Haupt nach oben gerichtet, die Füße auf festem Grund, vermag er alles in Bewegung zu setzen. Was er mit seinem Werk bewirkt, das durchdringt das All. Wie nämlich der Leib des Menschen das Herz an Größe übertrifft, so sind auch die Kräfte der Seele gewaltiger als die des Körpers, und wie das Herz des Menschen im Körper verborgen ruht, so ist auch der Körper von den Kräften der Seele umgeben, da diese sich über den gesamten Erdkreis erstrecken. So hat der gläubige Mensch sein Dasein im Wissen aus Gott und strebt in seinen geistlichen wie weltlichen Bedürfnissen zu Gott. Immer richtet sich sein Trachten auf Gott, dem er in Ehrfurcht entgegentritt. Denn wie der Mensch mit den leiblichen Augen allenthalben die Geschöpfe sieht, so schaut er im Glauben überall den Herrn. Gott ist es, den der Mensch in jedem Geschöpf erkennt. Weiß er doch, daß Er der Schöpfer aller Welt ist.

Hildegard von Bingen (um 1098 – 1179)

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Die Bilder der Dinge fahren lassen

Der Mensch lasse die Bilder der Dinge
ganz und gar fahren
und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert,
und wären die Phantasien,
die den Tempel besetzt halten, draußen,
so könntest Du ein Gotteshaus werden,
und nicht eher, was Du auch tust.
Und so hättest Du den Frieden Deines Herzens und Freude.
Und dich störte nichts mehr von dem, was Dich jetzt ständig stört,
Dich bedrückt und leiden lässt.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

Ruhelos ist unser Herz…

Augustinus mit dem Herz in der rechten Hand       Foto: © wak

 

Du schaffest,
daß er mit Freuden dich preise,
denn zu deinem Eigentum erschufst du uns,
und ruhelos ist unser Herz,
bis es ruhet in dir.

Augustinus von Hippo (Augustinus von Thagaste / Augustin /Aurelius Augustinus – 354-430) in seinen „Bekenntnissen“

Zu Heilung und Ganzheit finden

Foto: © wak

 

Wie können wir
zur Heilung und Ganzheit finden,
solange wir jene Komponenten unseres Lebens,
die wir für inakzeptabel
– oder sogar für verachtenswert –
halten,
aus unserem Herzen verbannen.

Stephen Levine (1937 – 2016)

Unser wahres Zuhause in unserem Leben finden

Foto: © wak

Nach und nach
verwandelt sich
das Gefühl von Trostlosigkeit
in ein Gefühl wahrer Zugehörigkeit.

Dies ist eine langsame
und nie eigentlich abgeschlossene Entwicklung,
aber sie meist absolut unerlässlich,
wenn wir zum Rhythmus
unserer eigenen Individualität finden wollen.

In diesem Sinne ist sie die niemals vollendete Aufgabe,
unser wahres Zuhause in unserem Leben zu finden.
Dies ist kein narzistisches Ziel, denn
sobald wir uns im Haus unseres Herzens
niedergelassen haben,
beginnen sich immer mehr Türen und Fenster
in die Welt zu öffnen.

John O’Donohue (1956 -2008) in: Echo der Seele. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit, München 1999, S. 129

Im Grund des Herzens Gott sprechen hören

Foto: © wak

In der mystischen Theologie ist allerdings die vorzügliche Übung:
mit Gott zu sprechen,
und Gott im Grunde des Herzens sprechen zu hören;
und weil dies Gespräch durch sehr geheime Sehnsucht und Einflößungen geschieht,
nenne wir es ein stilles Zwiegespräch.

Die Augen sprechen zu den Augen
und das Herz zum Herzen;
und niemand versteht was gesprochen wird,
außer die Liebenden,
die zu einander sprechen.

Franz von Sales (1567-1622) In: Theotimus oder von der Liebe Gottes (S. 540-542)