Grundstürzende Erneuerung

Foto: (c) wak

In Eckhart und seiner Schule hat sich nichts Geringeres vollzogen als die Geburt einer neuen Religion, eine völlige Umschöpfung des bisherigen christlichen Glaubens, zu der sich die lutherische Reformation verhält wie eine Erderschütterung zu einer geologischen Umbildung oder wie ein reinigendes und befruchtendes Gewitter zu einem irdischen Klimawechsel, der eine neue Fauna und Flora ins Leben ruft. Hätte diese Bewegung sich durchgesetzt, so wäre für Europa ein neues Weltalter angebrochen; sie ist aber von der Kirche unterdrückt worden, und dass dies so vollständig gelang, spricht weniger gegen die Kirche, die nur in ganz logischer Wahrung ihrer Interessen handelte, als gegen die europäische Menschheit, die offenbar für eine solche grundstürzende Erneuerung noch nicht reif war.

Egon Friedell (1878 – 1938) in: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1969, S. 162

Im Rauschen der Stille sprach Gott

Foto: (c) wak

Und siehe, der Herr ging vorüber,
und es kam ein gewaltiger Sturm,
der die Berge stürzte und die Felsen zerbrach.
Aber Gott sprach nicht im Wind.

Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben,
und es wütete im ganzen Land.
Aber Gott sprach nicht im Erdbeben.

Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer,
das alles von Menschen Geschaffene verbrannte.
Aber Gott sprach nicht im Feuer.

Und nach dem Feuer kam Stille.
Und im Rauschen der Stille,
da sprach Gott.

Martin Buber: Erstes Buch Könige 1,19

Mich selbst vergessen können

Foto: (c) wak

Ich trinke nicht
aus purer Freude am Wein –
und auch nicht,
um über den Glauben zu spotten.
Nein, ich trinke nur,
um mich selbst für einen Augenblick
vergessen zu können.
In Wirklichkeit erwarte ich nur das
von der Betäubung, ausschließlich das.

Omar Khayyam (1048 – 1131)

Mehr hier zu Alkohol und Spiritualität: https://alkoholundspirit.wordpress.com/

Ewald Vetters Altar

Altar von Ewald Vetter (1894–1981)

 

… Bei der körperstarken Wesenheit der Darstellung auf den beiden Flügeln bringt das Mittelbild durch seine Transzendenz Zwiespalt in die Komposition. Unsere Augen suchen immer wieder die beiden Schächer. Hier fühlen wir die irdische Sensation, die uns packt, während unsere Seele durch die umarmende Lichtsphäre des Mittelbildes übermächtig ins Unirdische gezogen wird. Religiös bedeutet das für uns das Weh des Dualismus, unter dem wir in heutiger Zeit besonders leiden; künstlerisch liegt darin eine Zerrissenheit, die beunruhigt, und die trotz des Themas der Erlösung die Seele des Beschauers doch nicht ganz erlöst. …

Zeitschrift für christliche Kunst, 34 Jahrgang, Heft 1-3, S. 37 – 40, 1921, L. Schwan Druckerei und Verlag, Düsseldorf

Der vollständige Beitrag „Ewald Vetters Altar“ von Egid Beitz ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH V
CII. JAHRGANG FRÜHJAHR 2021

gebunden. ISBN 978-3-948594-06-0 – 20,00 €

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Den Fuß jedes Wesens mit der Kette der Individualisierung gefesselt

Foto: © wak

O du heiliges Tal und absolute Existenz – wie sehr auch der lautere Grund der Stufe Deiner Absolutheit das Gestrüpp der zusätzlichen Zuschreibungen von sich gefegt hat und im eigenen Auge von all diesen begrenzten Beziehungen frei ist, so schlägt doch das gesamte Wanderdünenland der imaginären Kontingenzen auch in dieser Weite Wellen und fesselt den Fuß jedes Wesens mit der Kette der Individualisierung.

Khwaja Mir Dard (1720-1785)

Höhen und Tiefen ohne Regel und Recht

Die Habgier ist die Mutter der Ungleichheit, erbarmungslos und menschenfeindlich. Ihretwegen gerät das Leben der Menschen aus der geordneten Bahn. Die einen müssen sich vor Übersättigung erbrechen, als ob sie die Nahrung, mit der sie sich überfüllt haben, von sich speien müssten; die anderen sind, von Hunger und Mangel bedrängt, am Rande des Abgrunds. Das ist die Folge der unersättlichen Habsucht. Hätte sie nicht ins Leben die Ungleichheit eingeführt, so gäbe es nicht diese Höhen und Tiefen ohne Regel und Recht, noch würde das Auf und Nieder soviel Verdruss und Tränen in unser Leben hineintragen.

Asterios von Amaseia (ca. 330 – um 410) / Zeitgenosse von Johannes Chrysostomos

Sichtbare Schönheit lässt uns die Schönheit Gottes erahnen

Foto: © wak

Seht ihr das Licht! Das Sonnenlicht ist das von Gott kommende Gute. Gott verströmt sein Licht in die Welt und gibt den Dingen, so wie hier die Sonne es tut, Gestalt und Leben. Er ruft den Vereinzelten zur Einheit zurück. Deshalb wird das Licht von uns und allem Lebendigen so verehrt und geliebt.
Alle Schönheit der Welt kann immer nur ein Widerschein der göttlichen Schönheit sein. Gott ist ihr Urheber, er hat diese ihrem Wesen nach gute Welt geschaffen.
Sichtbare Schönheit lässt uns die Schönheit Gottes erahnen. Jeder schöne Gegenstand macht den Betrachter scheinend, erkennend für eine höhere Wirklichkeit für die Wahrheit des gutheitlichen Wirkens Gottes. Sichtbare Schönheit macht es offenbar, zeigt das Göttliche, macht das Unsichtbare sichtbar.

Raimundus Lullus (1232-1316)

Einförmig sein mit Gott

Foto: © wak

Was ist des abgeschiedenen Herzens Gebet? Darauf antworte ich wie folgt und sage: Abgeschiedene Lauterkeit kann nicht beten, denn wer betet, der begehrt etwas von Gott, das ihm zuteil werden solle, oder aber begehrt, daß ihm Gott etwas abnehme. Nun begehrt das abgeschiedene Herz gar nichts, es hat auch gar nichts, dessen es gerne ledig wäre. Deshalb steht es ledig allen Gebets, und sein Gebet ist nichts anderes als einförmig zu sein mit Gott.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seinem Traktat „Von der Abgeschiedenheit“