Löse deinen Geist von allen Zwecken

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Löse deinen Geist von allen Zwecken, denen er verpfändet ist, von aller Liebe, allen Gedanken, allem Wohlwollen der Geschöpfe; denn soll Gott in deinen Geist eingehen, so muß notwendigerweise das Geschöpfliche heraus. Entleere deinen Geist (von den Geschöpfen), mache dich frei von unnützen Beschäftigungen, denn das Feuer steigt nicht so leicht nach oben, noch fliegt ein Vogel so leicht (durch die Luft), als ein lediger Geist aufsteigt zu Gott. Und darum sei euch wahrlich gesagt: sollen wir je in Gottes Grund gelangen und in Gottes Innerstes, so müssen wir zuvor mindestens in unseren eigenen Grund und in unser Innerstes kommen.

Johannes Tauler (1300 – 1361) in Predigt 38: Estote misericordes sicut et pater vester misericors est / Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Luk. 6, 36)

Liebesfeuer der Erkenntnis

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Alle echten Religionen in ihrem Reinheitszustande, alle wirklich Wissenden meinten geistige Erkenntnis. Taoismus meinte Erkenntnis durch selbstlos unbeschwerte Übereinstimmung mit dem Ganzen. Buddhismus meinte Erkenntnis durch Erbarmen und Loslösung. Christentum meinte Erkenntnis durch das dank der Liebe in der Seele erwachte Himmelreich. Die Apolliniker Sokrates und Platon meinten Erkenntnis durch Schönheit und Güte. Die Kabbalisten und Chassidim meinten Erkenntnis durch Betrachtung und anbetende Bewunderung der Hypostasen oder Eigenschaften Gottes. Bô Yin Râ lehrte liebende Erkenntnis durch richtige Vorstellungen, Selbstvertrauen und entsprechende Lebensführung. So machte er dem Erdenmenschen den eigenen Lebensgrund erfahrbar, als Religion an sich.

Alle meinen das gleiche: Erlösung durch das Liebesfeuer der Erkenntnis.

Aus: Symbolform und Wirklichkeit in den Bildern des Malers Bô Yin Râ von Rolf Schott

MAGISCHE BLÄTTER


CII. Jahrgang, HERBST 2021, Heft 8, August 2021

Thema: MUSIK

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Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Magischer Wortklang formend die Seele

Bô Yin Râ – Porträt mit Signatur

Seltsam sind seine Bücher. Seltsam und groß. Wer sie zum ersten Mal in die Hand nimmt, wird eigentümlich berührt. Es ist, wie wenn ganz fern im eignen Innern etwas klinge, kaum vernehmbar. Es ist, wie wenn sich leise Hüllen im Innern lösten. Du legst das schmale Buch wieder fort, wenn du es gelesen hast, wie du andere Bücher fortlegst. Aber es klingt in dir weiter, es zieht dich zurück. Und allmählich werden dir diese schmalen Bücher dick und schwer. Sie wachsen mit dir, sie weiten sich aus – und du erkennst in deinem Innersten, dass alles Licht und alle Weisheit in ihnen verborgen ist. Bist du noch so in Wirrung und innerer Not: hier wird die Lösung aus dir selber geweckt, hier ist ein Quell, aus dem dein innerstes Wesen sich Kraft und Vertrauen trinkt. Eines Tages erkennst du auch, dass diese Bücher nicht wie gewöhnliche Bücher geschrieben sind. „Dichter mögen allein nach Schönheit streben, Seher geben den Worten ewigen Klang“ heißt es im „Buch vom lebendigen Gott“ einmal. Das erlebst du nun. Alle diese Bücher wirken mit magischem Wortklang formend auf deine Seele.

Bô Yin Râ von Hans Christoph Ade (1888 -1981). Hans Christoph Ade wurde 1925 Schriftleiter von „Magische Blätter“. Der Text stammt aus gleicher Zeit.

Der vollständige Vortrag ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: JOSEPH SCHNEIDERFRANKEN

Heft 7, Juli 2021

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Es ist in dir

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Der Jünger sprach zum Meister: „Wie mag ich kommen zu dem übersinnlichen Leben, dass ich Gott sehe und höre reden?“ Der Meister sprach: „Wenn du dich magst einen Augenblick in das schwingen, da keine Creatur wohnet, so hörest du, was Gott redet“.

Der Jünger sprach: „Ist das nahe oder ferne?“ Der Meister sprach: „Es ist in dir; und so du magst eine Stunde schweigen von allen deinen Wollen und Sinnen, so wirst du unaussprechliche Worte Gottes hören.“

Der Jünger sprach: „Wie mag ich hören, so ich von Willen und Sinnen stille stehe?“ Der Meister sprach: „Wann du von Sinnen und Wollen deiner Selbheit stille stehest, so wird in dir das ewige Hören, Sehen und Sprechen offenbar und höret und siehet Gott durch dich; dein eigen Hören, Wollen und Sehen verhindert dich, dass du Gott nicht siehest und hörest.“

Jakob Böhme (1575 – 1624) in: Christosophia: oder Der Weg zu Christo

In Wahrheit das Selbst

Ramana Maharshi | Bild: Archiv

Das persönliche Selbst ist nichts anderes als das Gemüt: als solches hat es seine Einheit mit dem wahren Selbst verloren und hat sich im eigenen Netz verstrickt. Daher ist sein Suchen nach dem Selbst als einem eigenen ewigen und ursprünglichen Wesen, wie wenn ein Schäfer ein Lamm sucht, das er verloren wähnt, und er trägt es dabei auf seinen Schultern.

Aber das Ich, das so sein Selbst vergessen hat, gelangt nicht gleich zur Befreiung, nämlich zum wirklichen Erlebnis des Selbst, wenn es das Selbst einmal gewahr wird; da stehen lang angesammelte Neigungen und Gewohnheiten des Gemütes hemmend im Wege, und häufig bringt es den Leib und das Selbst durcheinander und vergisst, dass es in Wahrheit das Selbst ist.

Ramana Maharshi (1879 – 1950) in: Heinrich Zimmer, Der Weg zum Selbst. Lehre und Leben des Shri Ramana Maharshi. Kreuzlingen/München 1975, S. 171

Obgleich’s bei Nacht ist

Im Lied vom Urquell singt die Seele wieder von etwas, was sie selbst im Innersten bewegt, wie in der „Dunklen Nacht“ und in der „Liebesflamme“. Aber was sie bewegt, ist nicht wie dort ihr eigenes Geschick, sondern das innerste Leben der Gottheit, wie es ihr der Glaube offenbart: der ewige flutende Quell, dem alle Wesen entstammen, der ihnen allen Licht und Leben spendet; der aus sich seinen ihm gleichen Strom gebiert und mit dem zweiten gemeinsam einen dritten von gleicher Fülle hervorbringt. Das Lied, das von diesen Wahrheiten singt, ist durchaus keine „Gedankendichtung“. Es „singt“ wirklich, in reinsten musikalischen Klängen. Die Glaubenslehre ist darin fließendes Leben geworden: das ewige Meer wogt in ruhigem Wellenschlag in der Seele und singt sein Lied darin. Und jedesmal, wenn es an das Ufer schlägt, gibt es einen dunklen Widerhall: „Aunque es de noche“ („Obgleich’s bei Nacht ist“). Die Seele ist begrenzt – sie kann das unendliche Meer nicht fassen. Ihr Geistesauge ist dem himmlischen Licht nicht angepaßt – es erscheint ihr als Dunkel. Und so lebt sie mitten in der Vereinigung mit dem Dreieinigen, selbst im Genuß des Lebensbrotes, worin Er sich ihr mitteilt, ein Leben der Sehnsucht: „Porque es de noche“ („weil es bei Nacht ist“). Das Wesen der dunklen Beschauung ist in diesen Versen ausgesprochen.

Edith Stein / Sr. Teresia Benedicta a Cruce (1891 – 1942) in: Kreuzeswissenschaft – Studie über Johannes vom Kreuz

Hebt die Schätze die in euch verborgen liegen

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Ihr tätet gut daran, Menschen des Nicht-Handelns zu werden. Unablässig seid ihr mit irgend etwas beschäftigt. Ihr gebt vor, die Wahrheit zu suchen, euch in der Meditation zu üben, und legt eure Auffassungen über die Buddhalehre dar. Dieses ganze Treiben ist nur hinter leeren Worten her sein und ist völlig sinnlos.
Unmittelbar nachdem mir mein Lehrer sagte: “In deiner eignen Schatzkammer ist alles in seiner ganzen Vollkommenheit enthalten. Du solltest besser davon Gebrauch machen als vergeblich irgendwo sonst danach zu suchen”, habe ich das ganze Suchen eingestellt.
Hebt die Schätze, die in euch verborgen liegen und – was kann es Besseres geben – macht von ihnen Gebrauch!

Hui Hai (720-814)

Du bist wie ein kostbarer Edelstein

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Ein Bruder fragte den Altvater Poimen: „Es ist eine Verwirrung über mich gekommen: ich möchte diesen Platz verlassen.” Der Greis antwortete: „Aus welchem Grund?” Und jener sagte: „Weil ich von einem Bruder Reden hören muß, die mich nicht erbauen.” Und der Greis fragte: „Ist das wahr, was du gehört hast?” Er sagte ihm: „Ja, Vater, es ist wahr, denn der Bruder, von dem ich es vernahm, ist verläßlich.” Er entgegnete ihm: „Nein, er ist nicht verläßlich, der dir das sagte; denn wenn er verläßlich wäre, dann hätte er dir nie so etwas gesagt. Auch Gott glaubte nicht, als er das Geschrei der Sodomiter hörte, sondern stieg herab und sah mit seinen eigenen Augen” (Gen 18, 20). Darauf sagte jener: „Auch ich habe mich augenscheinlich überzeugt.”

Als der Greis das hörte, blickte er auf den Boden, nahm einen kleinen Splitter und fragte ihn: „Was ist das?” Jener antwortete: „Ein Splitter!” Darauf blickte der Greis an die Decke der Zelle und fragte ihn: „Was ist das?” Jener antwortete: „Es ist ein Balken, der das Dach trägt!” Da sagte der Alte: „Bewahre in deinem Herzen, daß deine Sünden so sind, wie dieser Balken; die Sünden jenes Bruders aber, von dem du sprachst, sind wie dieser kleine Splitter.” Als der Altvater Sisoes das hörte, ward er verwundert und sprach: „Wie kann ich dich genug selig preisen, Abbas Poimen? Wahrlich, du bist wie ein kostbarer Edelstein, so voller Gnade und Herrlichkeit sind deine Worte.”

Aus den Apophthegmata Patrum – Weisung der Väter. Übersetzung von Bonifaz Miller, Trier 1986

Pfingsten

Bild: Archiv


Zum Fest der Feuerzungen
wollen wir uns kehren,
Das Fest des Allerinnersten
in ihm zu ehren! –

Zu feiern, wie der Geist sich selbst
die Sprache schafft
Aus seiner eignen, feuergleichen Kraft,
wie er sich selbst im Innern spricht,
Als Flamme Zeugnis zeugend
aus dem reinsten Licht! –

Die Flammenzungen können aber
nicht in jedem singen;
Doch jedem können sie
im Wort erklingen,
Wenn er nur ihre Hymnen
dort erhören mag,
Wo sie sich auch ihm formen,
sucht er sie in seinem Tag! –

Bô Yin Râ, Pfingstvornacht 1940

Mehr von und über Bô Yin Râ hier:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

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Zwiegespräch mit seiner Seele

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Wer den Weg nach innen fand,
Wer in glühndem Sichversenken
Je der Weisheit Kern geahnt,
Daß sein Sinn sich Gott und Welt
Nur als Bild und Gleichnis wähle:
Ihm wird jedes Tun und Denken
Zwiegespräch mit seiner eignen Seele,
Welche Welt und Gott enthält.

Hermann Hesse, 1918