Leben vom Standpunkt des Erwachens

Ganz und gar lebendig zu sein, ganz und gar Mensch und wirklich wach zu sein, bedeutet, unaufhörlich aus dem Nest geworfen zu werden. Voll und ganz zu leben bedeutet, sich ständig im Niemandsland zu befinden, jeden Augenblick völlig neu und frisch zu erleben. Wahres Leben ist die Bereitschaft, immer wieder aufs neue zu sterben. Das ist Leben vom Standpunkt des Erwachens. Tod hingegen ist der Wunsch, an dem, was man hat, festzuhalten und sich von jeder Erfahrung bestätigen und auf die Schulter klopfen zu lassen, weil man alles so schön im Griff hat.

Pema Chödrön (*1936)

Tiefen Frieden verschaffen

Von Bodhidharma wird berichtet, dass ein Schüler zu ihm kam.
„Mein Geist ist noch nicht im Frieden“, soll der Schüler zu ihm gesagt haben. „Bitte, mein Lehrer, verschaffe ihm Frieden.“
Darauf soll Bodhidharma geantwortet haben: „So bringe mir Deinen Geist her. Ich will ihn in Frieden bringen.“
Da entgegnete der Schüler ihm: „Ich habe gesucht nach meinem Geist – aber ich kann ihn nicht finden.“
Worauf Bodhidharma entgegnete: „So habe ich ihn für Dich in tiefen Frieden versetzt.“

Aus dem Zen

Der Schöpfer im Menschen ist das eigene Selbst

Der Schöpfer im Menschen ist das eigene Selbst, dessen letzte, von seinem eigenen Mittelpunkt entfernteste Manifestation das kleine „Ich“, das persönliche „Ichbewusstsein“ ist. Das persönliche „Ich“ in ihm ist das durch die Materie – im Körper – widergespiegelte Bild Gottes. Wenn der Mensch also aus dem Fernsein in die Identität mit Gott zurückgelangen will, muss er mit seinem Bewusstsein denselben Weg einschlagen: er muss sein Bewusstsein, von seinem persönlichen „Ich“ ausgehend, immer tiefer und tiefer in sich zurückziehen, und sich zu seinem wahren Selbst, zu seinem Schöpfer, hinwenden, bis er sich in Ihm bewusst erkennt.

Elisabeth Haich (1897-1994)