Im Innersten der Seele

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Gott ist in allen Dingen: Je mehr Er in den Dingen ist, desto mehr ist Er außerhalb von ihnen. Je mehr Er im Innern ist, desto mehr ist Er im draußen.

Gott ist in allen Dingen, aber insofern Gott göttlich ist und insofern Gott vernünftig ist, ist Gott nirgends so eigentlich wie in der Seele, in dem Innersten der Seele und in dem Höchsten der Seele. Wo die Zeit nie hinkam, wo nie ein Bild hineinleuchtete, im Innersten und im Höchsten der Seele erschafft Gott die ganze Welt. Alles was vergangen ist und alles was künftig ist, das schafft Gott im Innersten der Seele.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Gefunden habe ich dieses Eckhart-Zitat hier: https://www.ellopos.net/theology/eckhart-allen-dingen.asp

In allen Dingen nichts als Gott

Dieses Wort, das ich gesprochen habe auf lateinisch, das schreibt Sankt Lukas in actibus über Sankt Paulus, und es lautet so: „Paulus stand auf von der Erde, und mit offenen Augen sah er nichts“ (Apg. 9, 8).

Mich dünkt, dass dies Wörtlein nichts vierfachen Sinn habe.

Der eine Sinn ist dieser: Als er aufstand von der Erde, sah er mit offenen Augen nichts, und dieses Nichts war Gott; denn, als er Gott sah, das nennt er ein Nichts.

Der zweite Sinn: Als er aufstand, da sah er nichts als Gott.

Der dritte: In allen Dingen sah er nichts als Gott.

Der vierte: Als er Gott sah, da sah er alle Dinge als ein Nichts.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in DW, Predigt 71, Surrexit autem Saulus de terra apertisque oculis nihil videbat (Act. 9,8)

Vom Etwas zum Nichts

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Du sollst Gott lieben,
wie er ist
ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist,
eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild,
mehr noch:
wie er ein lauteres, reines,
klares Eines ist,
abgesondert von aller Zweiheit.
Und in diesem Einen
sollen wir ewig versinken
vom Etwas zum Nichts

Meister Eckhart (1260 – 1328) / Quint, Predigt 42, S. 355

Grundstürzende Erneuerung

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In Eckhart und seiner Schule hat sich nichts Geringeres vollzogen als die Geburt einer neuen Religion, eine völlige Umschöpfung des bisherigen christlichen Glaubens, zu der sich die lutherische Reformation verhält wie eine Erderschütterung zu einer geologischen Umbildung oder wie ein reinigendes und befruchtendes Gewitter zu einem irdischen Klimawechsel, der eine neue Fauna und Flora ins Leben ruft. Hätte diese Bewegung sich durchgesetzt, so wäre für Europa ein neues Weltalter angebrochen; sie ist aber von der Kirche unterdrückt worden, und dass dies so vollständig gelang, spricht weniger gegen die Kirche, die nur in ganz logischer Wahrung ihrer Interessen handelte, als gegen die europäische Menschheit, die offenbar für eine solche grundstürzende Erneuerung noch nicht reif war.

Egon Friedell (1878 – 1938) in: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1969, S. 162

Lass Gott in dir wirken

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Lass Gott in dir wirken, ihm erkenne das Werk zu, und kümmere dich nicht darum, ob er mit der Natur oder übernatür­lich wirke; beides ist sein: Natur wie Gnade. Was geht‘s dich an, womit zu wirken ihm füglich ist oder was er wirke in dir oder in einem andern? Er soll wirken, wie oder wo oder in welcher Weise es ihm passt.

Ein Mann hätte gern einen Quell in seinen Garten geleitet und sprach: „Dafern mir nur das Wasser zuteil würde, so achtete ich gar nicht darauf, welcher Art die Rinne wäre, durch die es mir zuflösse, ob eisern, hölzern, knöchern oder rostig, wenn mir nur das Wasser zuteil würde“. So machen‘s die ganz verkehrt, die sich darum sorgen, wodurch Gott seine Werke in dir wirke, ob es Natur sei oder Gnade. Lass ihn dabei (nur allein) wirken, und habe du nur Frieden.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in: Reden der Unterweisung 23, „Von den inneren und äußeren Werken“

Suchender und Findender werden

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…ich sprach in dieser Weise:
daß der Mensch ein Gott in allen Dingen suchender
und ein Gott zu aller Zeit
und an allen Stätten
und bei allen Leuten
in allen Weisen
findender Mensch werden müßte.
Darin kann man allzeit
ohne Unterlaß zunehmen und wachsen
und nimmer an ein Ende kommen des Zunehmens.

Meister Eckhart (1260 bis 1328) in „Reden der Unterweisung“, XXII

… lauf in den Frieden

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Sein ist Leben, Aktivität, Geburt, Erneuerung, Ausfließen, Verströmen, Produktivität. In diesem Sinn ist es das Gegenteil von Haben, von Ichbindung und Egoismus. Sein im Sinne Eckharts heißt aktiv sein im klassischen Sinn, als produktiver Ausdruck der dem Menschen eigenen Kräfte, es heißt nicht „geschäftig“ sein im modernen Sinn. Aktivität bedeutet bei ihm „aus sich selbst ausgehen“ (Quint DPT 6)*, was er in vielen Bildern beschreibt: Er nennt Sein einen Vorgang des „Kochens“, des „Sich-selbst-Gebärens“, etwas, das „in sich selbst und über sich selbst verfließt“… Manchmal benützt er das Symbol des Laufens, um den aktiven Charakter zu beschreiben: „… lauf in den Frieden! Der Mensch, der sich im Laufen und in beständigem Laufen befindet, und zwar in den Frieden, der ist ein himmlischer Mensch. Der Himmel läuft beständig um, und im Laufe sucht er Frieden“. (Quint DPT 8)

Erich Fromm (1900 – 1980) in: „Haben oder Sein“. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Stuttgart 1976, S. 69 – 70 /

* Josef Quint (Hg.), Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate. München 1963

Ein Weg in die Stille

Meditations-Radbild von Niklaus von Flüe (1417 – 1487)

Der vollendende Weg der Mystik ist ein Weg in die Stille. In die Abgeschiedenheit. Ein Weg der Selbstverkleinerung. Es hat auch mit einer Art spirituellen, religiösen Begabung zu tun. Bei einigen mit weitreichenden kreativen Folgen für den Betroffenen, mit Wirkung auch auf die Außenwelt. Er wurde jedoch kein Lehrer der Mystik, blieb reiner Praktiker, „Lebemeister“, wie Meister Eckhart gesagt hätte.

Das vollständige Interview über Niklaus von Flüe von Marcelle de Michiel mit dem Schweizer Historiker Dr. Pirmin Meier ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Sprechen ohne Wort und ohne Laut

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Das Fließen ist in der Gottheit eine Einheit der drei Personen ohne Unterscheidung. In demselben Fluss fließt der Vater in den Sohn, und der Sohn fließt zurück in den Vater und sie beide fließen in den heiligen Geist, und der heilige Geist fließt zurück in sie beide. Darum spricht der Vater seinen Sohn und spricht sich in seinem Sohne allen Kreaturen, alles in diesem Fließen. Wo sich der Vater wieder in sich zurückwendet, da spricht er sich selbst in sich selbst. Auf diese Weise ist der Fluss in sich selbst zurückgeflossen, wie Sankt Dionysius sagt. Darum ist dieser Fluss in der Gottheit ein Sprechen ohne Wort und ohne Laut, ein Hören ohne Ohren, ein Sehen ohne Augen. Darum spricht sich jede Person in der andern ohne Wort in dem Flusse. Darum ist es ein Fluss ohne Fließen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in dem Traktat „Von den Stufen der Seele“. In: Meister Eckharts Mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. 2. Auflage 1920 (bei dieser Ausgabe hat Martin Buber mitgearbeitet.) S. 97

In die Tiefen des eigenen Seinsgrundes hinabsteigen

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Eckeharts Imperativ „Stirb und werde!“, was besagt er nach alledem anderes als: „Mensch, werde wesentlich!“, erkenne dich selbst und werde, der du bist! d. h.: erfülle und vollende dein innerstes und wahrstes Wesen! Steig auf dem Wege der Abgeschiedenheit und der Gelassenheit hinab in die Tiefen deines eigenen Seinsgrundes, indem du die sterilen Hüllen und Schalen deines kleinen Ich durchbrichst. Dort unten aber in deinem Seelengrunde wohnt das Göttliche, hegt des Gottes eigne Kraft.

Aus der Einleitung zu: Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate. Herausgegeben und übersetzt von Josef Quint. München 1963, S. 48