Gottes lebendiger Tempel bist du

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Der hohe Kirchenraum ist das Gleichnis der unendlichen Ewigkeit, des Himmels, darinnen Gott wohnt. Wohl sind die Berge noch höher, unmeßbar die blaue Weite draußen. Doch  alles offen, keine Grenze darin und keine Gestalt. Hier aber ist der Raum für Gott ausgesondert. Für ihn geformt, heilig durchbildet. Wir fühlen in die ragenden Pfeiler hinauf, in die breiten, starken Wände, in die hohe Wölbung: Ja, das ist Gottes Haus, Gottes Wohnung in einer besonderen innerlichen Weise.

Und die Pforte führt den Menschen in dies Geheimnis. Sie sagt: „Wirf das Kleine ab, fort mit allem, was eng und ängstlich ist. Weg mit allem Niederdrückenden. Weit die Brust. Hinauf die Augen. Frei die Seele! Gottes Tempel ist dies, und ein Gleichnis von dir selbst. Denn Gottes lebendiger Tempel bist du ja, dein Leib und deine Seele. Mach ihn weit, mach ihn frei und hoch!“

Romano Guardini (1885 -1968) in: Von heiligen Zeichen. Mainz 1933, S. 32

Alles Himmlische, alles Unsichtbare…

Friedrich Christoph Oetinger / Porträt von Georg Adam Eger ~ Jakob Böhme / Gemälde von Christoph Gottlob Glymann ~ wikimedia, gemeinfrei

Alles Himmlische, alles Unsichtbare
hat seine Gestalt, Form und Figur,
wie das Irdische.
Das ist die Summe von J. Böhm,
darum hat ihn Gott uns gesandt.

Friedrich Christoph Oetinger (1702 – 1782) der sich ab 1725 intensiv mit den Schriften Jacob Böhmes beschäftigt hat.

Mehr von und über Jakob Böhme ist hier zu lesen, im Jacob Böhme-Lesebuch: https://mystikaktuell.wordpress.com/2022/06/16/jacob-bohme-lesebuch-vorzugliche-auswahl/

Gestaltlose Gestalt

Einst betrat ein Sannyasin den Tempel von Jagganath. Während er das Gottesbild betrachtete, überlegte er bei sich, ob Gott wohl eine Gestalt habe oder gestaltlos sei. Er bewegte einen Stab von links nach rechts, um zu spüren, ob dieser an das Bildnis stoße. Der Stab stieß an nichts. Der Sannyasin entnahm daraus, daß da gar kein Bildnis vor ihm stehe, und schloß, daß Gott gestaltlos sei. Dann bewegte er den Stab von rechts nach links. Dieser stieß an das Bild. Der Sannyasin entnahm daraus, daß Gott eine Gestalt habe. So ward er inne, daß Gott Gestalt habe und doch auch wieder gestaltlos sei

The Gospel of Shri Ramakrishna. New York, 1942,S. 858

Aus Geist entstand die Welt und gehet auf in Geist

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Wol der Gedanke bringt die ganze Welt hervor,
Der, welchen Gott gedacht, nicht den du denkst, o Thor.

Du denkst sie, ohne daß darum entsteht die Welt,
Und ohne daß, wenn du sie wegdenkst, sie wegfällt.

Aus Geist entstand die Welt, und gehet auf in Geist,
Geist ist der Grund, aus dem, in den zurück sie kreist.

Der Geist ein Aetherduft hat sich in sich gedichtet,
Und Sternennebel hat zu Sonnen sich gelichtet.

Der Nebel hat in Luft und Wasser sich zersetzt,
Und Schlamm ward Erd‘ und Stein, und Pflanz‘ und Thier zuletzt,

Und menschliche Gestalt, in der der Menschengeist
Durch Gottes Hauch erwacht, und Ihn, den Urgeist, preist.

Friedrich Rückert (1788 – 1866) in: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2. Leipzig, 1837, S. 24

Heilig ist Gott der Vater des Alls…

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Heilig ist Gott, der Vater des Alls.
Heilig ist Gott, dessen Wille durch seine eigenen Kräfte erfüllt wird.
Heilig ist Gott, der erkannt werden will und von den Seinen erkannt wird.
Heilig bist du, der du durch das Wort das Seiende hast entstehen lassen.

Heilig bist du, dessen Abbild die gesamte Natur ist.
Heilig bist du, dem nicht die Natur seine Gestalt gegeben hat.
Heilig bist du, der du jeder Kraft überlegen bist.
Heilig bist du, der du erhabener als alles Erhabene bist.
Heilig bist du, der du alles Lob übersteigst.

Nimm in heiligen Worten dargebrachte Opfer an
von meiner Seele und meinem Herzen, das sich dir zuwendet.
Du Unaussprechlicher, Unsagbarer, in Schweigen Angerufener.

Aus dem Corpus Hermeticum (2. – 3. Jh. u.Z.) / A. Hermes Trismegistos: Poimandres

Und Kamadeva lachte…

Am Anfang griff Kamadeva nach einem unentwickelten Kosmos und formte das das Vorstellbare aus dem Unvorstellbaren. Die Weisen, die mit Weisheit in ihre Herzen blickten, sahen die alles durchdringende Kraft als allmächtigen Gott Gestalt annehmen – Kamadeva.

Sie verneigten sich vor der Gottheit, sangen Lobeshymnen und brachten feierliche Opfer dar. Aber Kamadeva lehnte ihre Opfergaben und Lieder ab und lachte. Als er sie so mit schallendem Gelächter verhöhnte, waren sie verwirrt und fragten nach dem Grund dafür.

Kamadeva schmiedete sein Lachen in Worte:

„Wenn ein Mensch, der fromm ist, Verdienst durch heilige Handlungen sucht, lache ich über ihn.

Wenn ein Mensch, der intelligent ist, durch Wissen Verständnis sucht, lache ich ihn aus.

Wenn ein Mensch, der rechtschaffen ist, Ehre durch tugendhafte Taten sucht, so lache ich ihn aus.

Wenn ein Mensch, ob weise oder töricht, tugendhaft oder verdorben, Befriedigung in der Liebe sucht, lache ich auch über ihn.

Wenn er sich einbildet, mein Verbündeter zu sein, lache ich besonders über ihn.“

„Aber warum?“, fragten die Weisen.

Und Kamadeva lachte über ihre Frage.

Aus dem Hasyalapa Brahmana

Sichtbare Schönheit lässt uns die Schönheit Gottes erahnen

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Seht ihr das Licht! Das Sonnenlicht ist das von Gott kommende Gute. Gott verströmt sein Licht in die Welt und gibt den Dingen, so wie hier die Sonne es tut, Gestalt und Leben. Er ruft den Vereinzelten zur Einheit zurück. Deshalb wird das Licht von uns und allem Lebendigen so verehrt und geliebt.
Alle Schönheit der Welt kann immer nur ein Widerschein der göttlichen Schönheit sein. Gott ist ihr Urheber, er hat diese ihrem Wesen nach gute Welt geschaffen.
Sichtbare Schönheit lässt uns die Schönheit Gottes erahnen. Jeder schöne Gegenstand macht den Betrachter scheinend, erkennend für eine höhere Wirklichkeit für die Wahrheit des gutheitlichen Wirkens Gottes. Sichtbare Schönheit macht es offenbar, zeigt das Göttliche, macht das Unsichtbare sichtbar.

Raimundus Lullus (1232-1316)

Editorial zu „Mystik aktuell“ / November 2020

 

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„Wann, wenn nicht Jetzt“ heißt es im Untertitel des Blogs „Mystik aktuell“. Ganz so, wie es Sosan um 600 formuliert hat: „Der Weg ist jenseits von Sprache, denn auf ihm gibt es kein Gestern, kein Morgen, kein Heute.“

Auf dem sprituellen Weg können Texte aus der mystischen Tradition wie aus der Gegenwart Begleiter sein, die eigene Verortung neu zu buchstabieren oder zu vertiefen. Dabei greife ich für den Blog  „Mystik aktuell“ auf Quellen zurück, die weit über die eigene spirituelle Herkunft hinausgehen und interreligiös, interspirituell, interkulturell neue Zugänge ermöglichen können. Stammen sie geographisch, kulturell oder spirituell auch von weit her, so können sie Anstoß, Anregung, Ansprache sein – immer neu sind sie danach zu befragen, welche Bedeutung sie für jede/n Einzelne/n haben. Jetzt.

Als 1923 Predigten von Johannes Tauler neu herausgegeben wurden, schrieb Walter Lehmann im Vorwort: „Die Mystik ist der großartigste Versuch, die Religion an sich zu finden. Und was ist die religiöse Sehnsucht unserer Tage? Die Religion zu finden, die keiner Konfession, keiner Dogmen, keiner heiligen Stätten, Priester und Handlungen, keiner Symbole, keiner Formen und Kulte, keiner Historie bedarf, sondern autonom in der Seele lebt. Die da hinein gebannt sind in die Massenreligion der Bevormundung, sehnen sich nach der Religion ihrer eigenen Seele …“

Ganz in diesem Sinn gilt der Satz von Sosan: Wann, wenn nicht Jetzt.

Werner Anahata Krebber im November 2020

Mystik – autonom in der Seele

Kirchenfenster von Josef Albers / Foto: © wak

Die Mystik ist der großartigste Versuch, die Religion an sich zu finden. Und was ist die religiöse Sehnsucht unserer Tage? Die Religion zu finden, die keiner Konfession, keiner Dogmen, keiner heiligen Stätten, Priester und Handlungen, keiner Symbole, keiner Formen und Kulte, keiner Historie bedarf, sondern autonom in der Seele lebt. Die da hinein gebannt sind in die Massenreligion der Bevormundung, sehnen sich nach der Religion ihrer eigenen Seele … Und die da sitzen in der halb erstorbenen Kirche, die ohne Gestalt und Schöne ist, sie schauen aus nach der mittlerlosen Religion.

Walter Lehmann im Vorwort einer Edition der Predigten von Johannes Taulers,  die 1923 im Verlag Eugen Diederichs, Jena, erschienen sind.

In der Stille zum Wissen gelangen

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Wo Wasser, Erde, Feuer und Luft
keinen Boden findet –
dort leuchten Lichter nicht,
nicht strahlt die Sonne,
dort scheint der Mond nicht,
nicht findet sich dort Dunkelheit.
Und wenn der Weise
durch sich selbst
in der Stille zum Wissen gelangt ist,
dann wird er frei
von Gestalt und Nicht-Gestalt,
von Glück und Leid.

Buddha in der Schrift Udāna (Aufatmen)