Wirklich aber nicht wahr

Impression von der Raketenstation HombroichFoto: © wak

Im Osten und im Westen gibt es einen Unterschied in der Definition der Wahrheit. In der westlichen Philosophie ist Wahrheit das Äquivalent des Wirklichen, Im Osten ist Wahrheit das Äquivalent des Ewigen. Denn im Osten sagen wir, selbst das Momentane ist wirklich – wirklich für den Augenblick – aber nicht wahr, weil es nicht ewig ist. Es ist nur ein Widerschein. Der Widerschein ist ebenfalls wirklich! Du siehst den Mond am Himmel und sein Spiegelbild auf dem See – das Spiegelbild ist ebenfalls wirklich, denn es ist da!

Rajneesh Chandra Mohan Jain (1931 – 1990)

Sich in allen Dingen lassen können

Foto: wak

 

Man muss dahin kommen,
dass man sich
in allen Dingen lassen kann
und stets denken,
dass ein anderer
mehr recht habe als man selbst,
und nicht streiten und zanken, sondern lernen,
sich selbst zu lassen,
und stille sein und gütig,
woher der Wind auch weht.

Johannes Tauler (1300 – 1361)

Im Stillesein beharren

Foto: © wak

Stell dir eine Quelle vor,
die keinen anderen Ursprung hat,
sich aber selber ganz den Strömen dargibt
und dabei durch diese Ströme nicht verbraucht wird,
sondern im Stillesein beharrt.

Plotin (205 – 270)

Schule der Weisheit

Bild: Archiv

Der ist gelehrt,
Wer nichts für sich begehrt,
Wer nichts will sein bei allen,
Wer sich auch selbst nicht will gefallen,
Wer in sich selbst nichts find’t,
Als daß er wie ein kleines Kind
Sonst nichts will wissen, nichts will denken,
Als in sein Nichts sich zu ersenken.
O schönes Nichts,
Du Fülle alles Lichts,
Du Sonne voller Klarheit,
Du Brunnen aller reinen Wahrheit,
Verborgnes Winkelein,
So unansehnlich und so klein,
Wer sollte das von dir, du armes Häuslein, denken,
Daß du uns würdest so die wahre Weisheit schenken!

Gerhard Tersteegen (1697–1769) in: Geistliches Blumengärtlein

Der Spiegel des Herzens

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Der höchste Mensch
gebraucht sein Herz wie einen Spiegel.
Er geht den Dingen nicht nach
und geht ihnen nicht entgegen;
er spiegelt sie wider,
aber hält sie nicht fest.
Darum kann er die Welt überwinden
und wird nicht verwundet.

Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Jena 1912, Buch VII, Seite 59

Glauben um zu begreifen

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Ich versuche nicht, Herr,
zu Deiner Höhe zu dringen,
weil mein Verstand mit ihr
in keinen Vergleich zu bringen ist;
ich wünsche nur einigermaßen Deine Wahrheit zu begreifen,
die mein Herz glaubt und liebt.
Denn ich suche nicht
zu begreifen, um zu glauben,
sondern glaube, um zu begreifen.

Anselm von Canterbury (* um 1033 – 1109)

Das Eine in sich ergründen

Es gibt etwas in uns, das n i c h t von dieser Erde ist, auch wenn es sich in unserem Erdendasein nur in erdenhaft bestimmter Form erfassen läßt. —

Di e s e s gilt es zu e r g r ü n d e n !

Di e s e s , vor allem, gilt es an sich w a h r z u n e h m e n !

Wer dieses E i n e nicht in sich ergründet hat, der ist gleich einem Bettler, der durch dunkle Gassen zwischen wohlverschlossenen Häusern irrt, und in Verzweiflung aufspäht zu den hellen Fenstern, die ihm zeigen, daß die Anderen ihr Fest begehen, — während er zu s e i n e m Feste längst noch nicht „geladen“ ist…

Bo Yin Ra  / Joseph Anton Schneiderfranken (1876 – 1943 in: Das Gespenst der Freiheit, S. 180 – 181, Kober’sche Verlagsbuchhandlung, Basel, 1930

 

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Das Wesen der Dinge erkennen

Bild: wikimedia/gemeinfrei

Das Wesen der Dinge, also auch sein eigenes, zu erkennen, ist die Hauptaufgabe des magischen Wissens. Wer dieses erlangt hat, wird die Naturkräfte zum Heile der Menschheit gebrauchen. Er wird auch helfend die Natur unterstützen, wo sie von selbst nicht genug zur Wirkung gelangen kann, er wird das Chaotische in ihr formen und bilden, indem er ihr seinen eigenen Charakter aufdrückt. Denn der Mensch ist, obwohl er Natur ist, weiter als sie, ist gesteigerte Natur durch die Kraft des göttlichen Geistes, der in ihm lebt. So ist Magie im Sinne Hohenheims ein inniges Versenken in die Natur, ein aktives Schauen und Erkennen, das nichts mit dem Volksaberglauben zu tun hat, ein Versenktsein, das aber noch Kraft zum Handeln und zum Gestalten des Geschauten hat, kurz gesagt, eine dynamische Theologie der Natur.

Franz Spunda (1890 – 1963) in:  Das Weltbild des Paracelsus, Wien 1925

 

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
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4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
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HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

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Das was bleibt – was ist’s?

Foto: © wak

Der Geist-Mond ist einsam und vollendet:
das Licht verschlingt die zehntausend Dinge.
Es stimmt nicht, dass das Licht die Welt erhellt,
noch dass die Welt der Dinge existiert.
Licht, Welt und Dinge sind dahin,
und das, was bleibt – was ist’s?

Aus dem Zen

Heiligung ist Sehen – der Heilige ist Seher

Foto: © wak

Heiligung ist „Sehen“, der Heilige ist Seher. Diesen Tatbestand, der seinen inneren Beruf zum Schauen des Ewigen in Welt wie Seele beweist, der (gegen die Ablehnung des Faustischen durch die Reformation) eben solche Artung als die seine erhärtet, sucht er zu deuten. Seele und Welt, Selbsterkenntnis und Erkennen des Alls sind ein und dasselbe, nur in der Form verschieden. Indem er sorgend in frommer Be obachtung und Pflege seine Seele zu suchen wähnt, findet er die große Frage und das Wissen: „wie alle Wesen aus einem einigen Mysterio urständen und wie sich dasselbe Mysterium von Ewigkeit immer in sich selber erbäre, wie das Gute ins Böse und das Böse ins Gute verwandelt werde“. Böhme sieht und lebt kosmisch – auch das Persönlich-Menschliche. Das religiöse Interesse umgreift nicht mehr nur Seele und Menschheit, umgreift das All und bettet das Persönliche und Menschliche darin ein.

Paul Hankamer (1891 – 1945) in der „Einführung zu ‚Das Böhme-Lesebuch‘“

Der vollständige Text ist hier zu lesen:

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4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
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HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

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