Wirklich aber nicht wahr

Impression von der Raketenstation HombroichFoto: © wak

Im Osten und im Westen gibt es einen Unterschied in der Definition der Wahrheit. In der westlichen Philosophie ist Wahrheit das Äquivalent des Wirklichen, Im Osten ist Wahrheit das Äquivalent des Ewigen. Denn im Osten sagen wir, selbst das Momentane ist wirklich – wirklich für den Augenblick – aber nicht wahr, weil es nicht ewig ist. Es ist nur ein Widerschein. Der Widerschein ist ebenfalls wirklich! Du siehst den Mond am Himmel und sein Spiegelbild auf dem See – das Spiegelbild ist ebenfalls wirklich, denn es ist da!

Rajneesh Chandra Mohan Jain (1931 – 1990)

Pfeiler der Hoffnung

Foto: © wak

Wenn die innere und äußere Welt zusammentreffen und mit der Sicherheit der Liebe zusammengehalten werden können, dann wird diese jetzige Phase des Übergangs zu einem Aufblühen der Weltseele führen. Im Zentrum dieser Welt müssen Seine Liebenden als Pfeiler der Hoffnung stehen, denn sie kennen die Bedeutung der Vereinigung. Ihre Hoffnung wird die Furcht des Kollektivs ausgleichen, das sich so sehr mit der äußeren Welt identifiziert hat, dass der Gedanke der Vereinigung mit der inneren Welt den Schrecken des Unbekannten zusammen mit der Dunkelheit des Schattens hervorruft. Furcht lässt uns Schutz im Ego suchen, während Hoffnung uns für die Seele öffnet. Furcht betont die Polarisierung, Hoffnung fügt uns zusammen. Hoffnung gibt der Zukunft Raum zur Entfaltung.

Llewellyn Vaughan-Lee (* 1953)in: Der Liebesbund. Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Weges. Interlaken 1993, S. 57

Das Eine in sich ergründen

Es gibt etwas in uns, das n i c h t von dieser Erde ist, auch wenn es sich in unserem Erdendasein nur in erdenhaft bestimmter Form erfassen läßt. —

Di e s e s gilt es zu e r g r ü n d e n !

Di e s e s , vor allem, gilt es an sich w a h r z u n e h m e n !

Wer dieses E i n e nicht in sich ergründet hat, der ist gleich einem Bettler, der durch dunkle Gassen zwischen wohlverschlossenen Häusern irrt, und in Verzweiflung aufspäht zu den hellen Fenstern, die ihm zeigen, daß die Anderen ihr Fest begehen, — während er zu s e i n e m Feste längst noch nicht „geladen“ ist…

Bo Yin Ra  / Joseph Anton Schneiderfranken (1876 – 1943 in: Das Gespenst der Freiheit, S. 180 – 181, Kober’sche Verlagsbuchhandlung, Basel, 1930

 

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Die Grenzen durchbrechen die unsere sichtbare Welt von einer dahinter liegenden unsichtbaren trennt

Was will die große Masse des Publikums mit solchen Büchern, Vorträgen, Vorführungen und Sitzungen? – Die Grenzen durchbrechen, die unsere sichtbare Welt von einer dahinter liegenden unsichtbaren trennt; denn die Überzeugung oder wenigstens das dunkle Gefühl, dass es eine solche Welt gibt, ist aus dem Bewusstsein der Menschheit, auch in den Zeiten des Materialismus und der sogenannten „Aufklärung“, niemals ganz verschwunden, beruhen ja doch auf dem „metaphysischen Bedürfnis“, wie es Schopenhauer nennt, alle Reliionen und viele philosophischen Systeme. – Ein Durchbrechen dieser Grenze ist sicher möglich. Es fragt sich nur, wo und wie man sie durchbricht.

Felix Weingartner, aus dem Buch Bo Yin Ra / Text auf der Rückseite des aktuellen Bandes der „Magischen Blätter“

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Weltverantwortung aus dem Glauben

Cover des Buches, das Anton Zottl herausgegeben hat

Wenn Resignation, Selbstabschaffung und Irrationalität die eine … Möglichkeit ist, die Welt „fromm“ zu bestehen, so ist wohl Verantwortung die andere. Da es keine angstfreie Existenz gibt und sich derjenige, der sich in die Apokalypse flüchtet, aus der Politik zurückzieht, … so ist die Alternative zur privativistischen Flucht die politische Verantwortlichkeit.

Eine aktuelle „Weltverantwortung aus dem Glauben“ ist also entprivatisiertes politisches Handeln für die Welt. Es ist: politische Liebe, die „konkret auf die weltliche Fruchbarkeit der christlichen Erlösung“ hinweist.

Anton Zottl (1933 – 2015) in seiner Einführung zu dem Buch „Weltfrömmigkeit – Grundlagen, Traditionen, Zeugenisse„, das 1985 im Eichstätter Franz-Sales-Verlag erschien. Zottl zitiert hier u.a. Edward Schillebeeckx

 

Der Zuhörer ist der Resonanzraum, in dem der Andere sich freiredet

In Zukunft wird es womöglich einen Beruf geben, der Zuhörer heißt. Gegen Bezahlung schenkt er dem Anderen Gehör. Man geht zum Zuhörer, weil es sonst kaum jemanden mehr gibt, der dem Anderen zuhört. Heute verlieren wir immer mehr die Fähigkeit des Zuhörens. Vor allem die zunehmende Fokussierung auf das Ego, die Narzifizierung der Gesellschaft erschwert es. Narziss erwidert die liebende Stimme der Nymphe Echo nicht, die eigentlich die Stimme des Anderen wäre. So verkommt sie zur Wiederholung der eigenen Stimme.

Das Zuhören ist kein passiver Akt. Eine besondere Aktivität zeichnet es aus. Ich muss zunächst den Anderen willkommen heißen, das heißt den Anderen in seiner Andersheit bejahen. Dann schenke ich ihm Gehör. Zuhören ist ein Schenken, ein Geben, eine Gabe. Es verhilft dem Anderen erst zu sprechen. Es folgt nicht passiv der Rede des Anderen. In gewisser Hinsicht geht das Zuhören dem Sprechen voraus. Das Zuhören bringt den Anderen zum Sprechen. Ich höre schon zu, bevor der Andere spricht, oder ich höre zu, damit der Andere spricht. Der Zuhörer ist der Resonanzraum, in dem der Andere sich freiredet.

Byung-Chul Han in: „Die Austreibung des Anderen: Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute“. S. Fischer Wissenschaft, Frankfurt/M. 2016

Mehr zu meinem Angebot als Zuhörer für Sie hier: https://zuhoerer-ruhr.com/

Gott ist Vater und Mutter aller Dinge

Meister Eckhart spricht, Gott ist nicht allein ein Vater aller Dinge, er ist vielmehr auch eine Mutter aller Dinge. Denn er ist darum ein Vater, weil er eine Ursache und ein Schöpfer aller Dinge ist. Er ist aber auch eine Mutter aller Dinge, denn wenn die Kreatur von ihm ihr Wesen nimmt, so bleibt er bei der Kreatur und erhält sie in ihrem Wesen. Denn bliebe Gott nicht bei und in der Kreatur, wenn sie in ihr Wesen kommt, so müsste sie notwendig bald von ihrem Wesen abfallen. Denn was aus Gott fällt, das fällt von seinem Wesen in eine Nichtheit. Es ist mit andern Ursachen nicht so, denn die gehen wohl von ihren verursachten Dingen weg, wenn diese in ihr Wesen kommen. Wenn das Haus in sein Wesen kommt, so geht der Zimmermann hinaus, und zwar darum, weil der Zimmermann nicht ganz und gar die Ursache des Hauses ist, sondern er nimmt die Materie von der Natur; Gott dagegen gibt der Kreatur ganz und gar alles, was sie ist, sowohl Form wie Materie, und darum muss er dabei bleiben, weil sonst die Kreatur bald von ihrem Wesen abfallen würde.

Meister Eckharts mystische Schriften. Berlin 1903

Der Urquell

Foto: © wak

Wohl kenne ich den Quell, der rinnt und fließet,
obgleich’s bei Nacht ist.

Verborgen ist dem Blick die ewge Quelle,
doch weiß ich wohl zu finden ihre Stelle,
obgleich’s bei Nacht ist.

Ich weiß, nicht Ursprung hat sie je genommen,
doch aller Ursprung ist aus ihr gekommen,
obgleich’s bei Nacht ist.

Ich weiß, dass keine Schönheit ihrer gleiche,
sie tränkt die Erde und die Himmelreiche,
obgleich’s bei Nacht ist.

Ins Bodenlose, weiß ich, würde gleiten,
wer sie beträte, um sie zu durchschreiten,
obgleich’s bei Nacht ist.

Niemals hat ihre Klarheit sich verdunkelt,
und alles Licht weiß ich aus ihr entfunkelt,
obgleich’s bei Nacht ist.

Gewaltig weiß ich ihre Ströme eilen
durch Höllen, Himmel und wo Menschen weilen,
obgleich’s bei Nacht ist.

Den Wassern, die aus dieser Quelle steigen,
wohl weiß ich ihnen alle Macht zu eigen,
obgleich’s bei Nacht ist.

Den Strom, zu dem zwei Ströme sich verbinden,
weiß ich mit beiden nur zugleich zu finden,
obgleich’s bei Nacht ist.

Verborgen rinnt der Quell, auf dass wir leben,
in dem lebend’gen Brot, das uns gegeben,
obgleich’s bei Nacht ist.

Hier ruft er die Geschöpfe, dass sie kommen,
zu stillen sich, von Dunkelheit umschwommen,
obgleich’s bei Nacht ist.

Ersehnter Quell, dich such‘ ich nicht vergebens,
ich schaue dich in diesem Brot des Lebens,
Weil es bei Nacht ist.

Johannes vom Kreuz (1542 – 1591)

Warum nicht den Armen geben?

Foto: © wak

1. Den Armen geben
ist es, den Armen den Kauf zu ermöglichen.

2. Die Armen zum Kaufen befähigen
ist es, den Markt zu verbessern.

3. Den Markt verbessern
ist es, der Wirtschaft zu helfen.

4. Den Unternehmen helfen
ist die Verringerung der Arbeitslosigkeit.

5. Abbau der Arbeitslosigkeit
ist die Verringerung der Kriminalität.

6. Die Kriminalität reduzieren
ist die Reduzierung der Besteuerung.

7. Warum also nicht den Armen geben
der Wirtschaft zuliebe,
der Menschheit zuliebe,
um Gottes willen?

 

Peter Maurin (1877 – 1949) „The Wisdom Of Giving“ aus „Easy Essays“. Maurin hat 1933 zusammen mit Dorothy Day die Bewegung „Catholic Worker“ gegründet

Das Innere mit der Wahrheit berührt

Foto: © wak

Sankt Augustin sagt: Es gibt viele, die Licht und Wahrheit gesucht haben, aber nur immer draußen, wo sie nicht war. Und dann sind sie zuletzt so weit abgekommen, dass sie nimmermehr heim und nicht mehr hineinkommen. Wer also Licht finden will und Unterscheidung aller Wahrheit, der warte auf diese Geburt in sich und im Innern und nehme ihrer wahr: So werden alle Kräfte und der äußere Mensch erleuchtet. Denn so wie Gott das Innere mit der Wahrheit berührt hat, so wirft sich das Licht in die Kräfte und der Mensch versteht alsdann mehr, als ihn jemand lehren könnte.

Meister Eckhart (1260 – 1328)