Die Wallfahrt nach Kevlaar

Schluckbildchen der Kevelaerer Madonna (um 1780)  Foto: © wak

Auf dem Druckbogen sind vier gleiche Darstellungen des Kevelaerer Gnadenbildes zu sehen. Sie wurden mit dem Kupferstich der Madonna berührt, geweiht, verkauft und von den Pilgernden gegessen. So sollten die Heilkräfte der Muttergottes im Körper der Pilgerinnen und Pilger wirken.
Zu sehen sind sie in der Ausstellung „Der geteilte Himmel“ im RuhrMuseum in Essen.

Siehe auch: Heinrich Heine, Die Wallfahrt nach Kevlaar

https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Kevlaar.html

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Den Raum berührend wie sich selber

Schon von ferne fühlt der fremde scheue
Pilger, wie es golden von ihm träuft;
so als hätten Reiche voller Reue
ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.

Aber näher kommend wird er irre
vor der Hoheit dieser Augenbraun:
denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre
und die Ohrgehänge ihrer Fraun.

Wüßte einer denn zu sagen, welche
Dinge eingeschmolzen wurden, um
dieses Bild auf diesem Blumenkelche
aufzurichten: stummer, ruhiggelber
als ein goldenes und rundherum
auch den Raum berührend wie sich selber.
Rainer Maria Rilke, Neue Gedichte, Erster Teil (1907)

Ich folge der Religion der Liebe

Mein Herz ward fähig, jede Form zu tragen:
Gazellenweide, Kloster wohlgelehrt,
ein Götzentempel, Kaaba eines Pilgers,
der Tora Tafeln, der Koran geehrt:
Ich folge der Religion der Liebe,
wo auch ihr Reittier zieht,
hab‘ ich mich hingekehrt.

Ibn ‚Arabi (1165-1240)

Religion der Liebe

Welche Herrlichkeit!
Ein Garten inmitten der Flammen!
Mein Herz hat sich für jegliche Form geöffnet:
Es ist eine Weide für Gazellen,
und ein Kloster für christliche Mönche,
und ein Tempel für Götzenbilder,
und die Kaaba der Pilgernden,
und die Tafeln der Tora, und das Buch des Korans.
Ich folge der Religion der Liebe:
Welchen Weg die Kamele der Liebe auch einschlagen,
das ist meine Religion und mein Glaube.

Ibn Arabi (1165–1240)

1.000 auf dem Weg zum Selbst

Das eBook „Den Weg zum Selbst gehen – Texte zu Mystik und Spiritualität“ haben sich jetzt 1.000 Besucher angesehen oder heruntergeladen.

Mehr hier:

https://mystikaktuell.wordpress.com/2011/12/14/den-weg-zum-selbst-gehen/

Seit kurzer Zeit ist der Text auch in niederländischer Sprache online: http://archive.org/details/DeWegNaarHetZelfGaan

Gibt es ein Selbst?

„Gibt es ein Selbst?“ fragte ein Pilger, der zu Buddha kam. Buddha jedoch schwieg. Ein zweites Mal stellte der Pilger die Frage: „Gibt es ein Selbst?“. Doch wieder schwieg Buddha. Und der Pilger ging ohne eine Antwort

Sein Schüler Ananda fragte ihn daraufhin: „Warum habt Ihr die Frage dieses Pilgers nicht beantwortet?“ Und Buddha entwickelte folgendes:

„Hätte ich ‚Es gibt ein Selbst‘, wäre ich den Lehren gefolgt, die von etwas Ewigem ausgehen. Hätte ich gesagt ‚Es gibt kein Selbst‘ wäre ich den Lehren gefolgt, die alle Existenz negieren. Hätte ich gesagt ‚Es gibt ein Selbst‘ würde dies nicht der Erkenntnis entsprechen, die davon redet, alle Erscheinungen seien ohne ein Selbst. Hätte ich gesagt ‚Es gibt kein Selbst‘ hätte der Pilger gedacht ‚Ich habe kein Selbst mehr‘. Und darüber wäre er in Verwirrung geraten.“

Gleichwertigkeit der Religionen

O ihr tauben , die ihr den arak- und bänbaum umflattert, habet mitleid mit mir. Verdoppelt durch euer klagendes girren nicht meine sehnsuchtsschmerzen.

Habet doch erbarmen! Locket durch euer lautesklagen und weinen nicht die verborgenen, in den tiefen einer natur wurzelnden gefühle der heftigsten Sehnsucht und trauer hervor.

Abends und morgens rufe ich ihnen dasselbe als antwort zu : das stöhnen eines sehnsüchtig verlangenden und die klage eines verliebten.

Die geister standen sich in dem sumpfigen dickicht von tamerisken gegenüber, indem sich die zweige mit ihnen über mir zusammenbogen und mich vernichteten (ins Nirwana versenkten).

Sie brachten mir die verschiedenartigen gefühle peinigender Sehnsucht , leidenschaftlicher liebe (zu gott) und eigenartiger (seltener) prüfungen.

Wer gibt mir die gewissheit (des Versprechens) betreffs der Vereinigung, Muhassabs in tale Minä, des edlen und der glückseligkeit.

Sie umdrängten stunde für stunde mein herz um liebe und liebesqual zu erregen und küssten über dem Schleier die elemente (fundamente, säulen) meines wesens.

Umkreiste doch auch das beste der geschöpfe (Muhammad) die Kaba, welche die evidenz des Verstandes als mit unvollkommenheit behaftet bezeichnet (bezeichnenmuss).

Küssend verehrte er dort steine, obwohl er ein prophet war. Welches ist schliesslich der rang des mekkanischen tempels im vergleich mit dem werte des menschen.

Wie oft versprachen sie (die frauen) in vertrag und eid treu zu bleiben. Aber eine mit henna geschminkte kennt kein erfüllen von eiden.

Eines der wunderbarsten dinge ist eine verschleierte gazelle, die mit roten fingerspitzen zeichen gibt und mit augenlidem winkt.

Der Weideplatz dieser gazelle ist zwischen brüst und eingeweiden — ein wie wunderbarer garten inmitten von feuern

Mein herz ist für jede form (des religiösen kultus) aufnahmefähig („aufnehmend“) geworden. Es ist daher ein Weideplatz für gazellen (indisch – mystische Weisheit) , ein kloster christlicher mönche.

Ein tempel für götzen, eine Kaba für einen muslimischen pilger, die gesetzestafeln der Thora und die buchrolle des Koran.

Ich hänge der religion der mystischen liebe an.Wohin auch immer deren kamele ihren weg einschlagen, — dieses ist meine religion und mein glaube.

Ein Vorbild dieser liebe haben wir an Bischr, dem geliebten der Hind und ihrer Schwester, an der Kais, Laila, Maija und Gailan (arabische mädchennamen).

Aus: Mystische Texte aus dem Islam – Drei Gedichte des Arabi. Aus dem Arabischen übersetzt und erläutert von M. Horten, Privatdozent für Orientalische Sprachen zu Bonn. Bonn, A. Marcus Und E. Weber’s Verlag, 1912. (Orthographie wie dort)