… bis auf den Grund meiner Seele

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Wende mein Herz zu Dir
bis auf den Grund meiner Seele,
wo ich im Schweigen
vom Geräusche der Geschöpfe,
ungehindert vom Aufruhr störender Gedanken,
bei Dir weile,
Dich immer gegenwärtig finde,
Dich liebe und verehre.

Leonard Lessius S.J. (1554–1623)

Wahre Einheit in der Mystik der Religionen

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Religionen sind vergleichbar mit Glasfenstern. Sie bleiben dunkel, wenn sie nicht von hinten durch das Licht erhellt werden. Dieses Urlicht ist dem Verstand und den Sinnen nicht greifbar. Im Glasfenster aber bekommt es Struktur und wird für jeden Menschen erkennbar. Wir sollten jedoch nie vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letzte ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet. Religion hat oft die Tendenz, ihre Anhänger auf die Strukturen des Fensters festzulegen. Nur wenige sagen ganz offen, dass heilige Schriften, Symbole und Riten nur die Finger sind, die auf den Mond zeigen, aber nicht der Mond (die Wahrheit) selbst. Die Einheit der Religionen kann nie in ihren Aussagen, Bildern, Symbolen und Liturgien liegen, sie liegt in der Erfahrung dessen, was Worte, Bilder und Riten kundtun wollen. Darum ist die wahre Einheit nur in der Mystik der Religionen zu finden. Nur wer hinter all den Strukturen die Erste Wirklichkeit erfährt, hat Sinn und Ziel der Religion verwirklicht. Es bleibt daher für die Religionen wichtig, ihre Begriffe, Symbole und Bilder durchsichtig zu halten, damit sie das, was sie offenbaren wollen, nicht verdecken.

Willigis Jäger (1925 – 2020) in: Geh den inneren Weg.Texte der Achtsamkeit und Kontemplation. Herausgegeben und eingeleitet von Willigis Jäger, Freiburg/Br. 1999, S. 10-11

Auf dem Weg nicht stehenbleiben

Mystik bringt innere Freiheit und äußere Perspektive. Mystiker hören den Ruf, der sie auffordert, auf ihrem Weg nicht stehen zu bleiben. Es genügt ihnen nicht, sich häuslich niederzulassen, sie müssen immer weitergehen, immer mehr und mehr entdecken… Mystiker sind die Boten des interspirituellen Zeitalters, in welchem die gesamte Weisheit der Menschheit gesammelt und miteinander geteilt wird wie eine gemeinsame Tradition.

Wayne Teasdale (1945 – 2004) in: Das mystische Herz. Spirituelle Brücken bauen. o. O. 2004, S. 324

Licht im Licht

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Das Licht, das ich sehe, ist nicht räumlich, sondern viel strahlender als eine Wolke, die die Sonne trägt und ich vermag seine Höhe, Länge und Breite nicht zu ermessen. Und es wird mir als Schatten des Lebendigen Lichts bezeichnet. Und wie Sonne, Mond und Sterne im Wasser erscheinen, so strahlen Schriften, Worte, Tugenden und manche Werke der Menschen – in ihm dargestellt – für mich wieder …. Und in demselben Licht erblicke ich zuweilen – nicht oft – ein anderes Licht, das mir als Lebendiges Licht bezeichnet wird. Allerdings bin ich noch viel weniger imstande, auszusagen, wie ich es sehe, als beim vorhergehenden, und doch wird mitunter, während ich es schaue, alle Traurigkeit und aller Schmerz aus meiner Erinnerung genommen, so dass ich mich wie ein einfaches Mädchen verhalte und nicht wie eine ältere Frau.

Hildegard von Bingen (ca. 1098 – 1179)

Licht das über ihnen allen ist

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Jesus sprach: Ich bin das Licht, das über ihnen allen ist. Ich bin da All, das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist bis zu mir ausgedehnt. Spaltet ein Holz, ich bin da. Hebt den Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.

Aus dem Thomas-Evangelium

Wandelnde Gedanken

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In der Meditation können wir beobachten, wie fließend, unbeständig, sich dauernd verwandelnd Denken ist. Je näher wir dem inneren Erleben der Wandelbarkeit der Gedanken kommen und einsehen, wie unbefriedigend sie sind, desto leichter ist es, sie loszulassen.

Ayya Khema (1923 – 1997)

Durch mystische Salbung umgestaltet

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Willst du wissen, wie Erleuchtung geschieht,
dann frage die Gnade, nicht die Wissenschaft;
die Sehnsucht, nicht den Verstand;
das Seufzen des Gebetes, nicht das forschende Leben;
den Bräutigam, nicht den Lehrer;
Gott, nicht den Menschen;
die Dunkelheit, nicht die Helle;
nicht das Licht, sondern jenes Feuer,
das ganz und gar entflammt und durch mystische Salbung
und brennendste Liebe in Gott umgestaltet.
Dieses Feuer hat Christus in uns entzündet.

Bonaventura von Bagnoreggio (1221 – 1274)

Im Stall von Bethlehem ist Platz für alle

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Dieses Geheimnis duldet keine Kompromisse! Es verträgt keine Retusche! Ich kann es nur aus seiner letzten Transzendenz verstehen und verkünden! Aber aus seiner Fülle kann ich an alle sprechen! Funkspruch an alle Welt! Im Stalle von Bethlehem ist Platz für alle. Deren Auge sucht! Deren Herz hämmert! Deren Geist aufklingt! Die „guten Willens“ sind! Denen der Egoismus, die Brutalität, die Gemeinheit nicht Letztes ist. Bei Dostojewski bricht die Wirtshausszene in die Einladung des  Erlösers aus: „Kommet alle zu mir“! Platz für alle! An der Krippe des „Kyrios“! So sollen die Geistigen der Erde, wohin sie an Konfession, wohin sie an Partei, wohin sie an Lebensstil sich stellen mögen, in die „Arbeitsgemeinschaft“ des Nazareners treten! Sie sollen hier vor Anker gehen! Über diesen Leuchtturm ragt kein anderer lichtgewaltig! Kein Strom riß je in die Geschichte tieferes Bett! Keine Symphonie ließ je, wie diese, die Sphären erbeben! Wie immer die Menschen, die heutigen, die zukünftigen, die Offenbarung zum Problem gestaltend, vor Weihnachten stehen mögen, sie sollen ganz in die Nähe, ganz in den Radius, ganz in die Dynamik des Tages treten!

Carl Sonnenschein (1876 – 1929) in „Notizen“, Band 8, S. 73 ff. vom 25. Dezember 1927

Zitiert habe ich diese Passage in meinem Buch „Den Menschen Recht verschaffen. Carl Sonnenschein – Person und Werk“. EchterVerlag, Würzburg 1996, S. 110

Mit diesen Gedanken wünsche ich allen Leserinnen und Lesern meines Blogs „Mystik aktuell“ gute Weihnachtstage.

Werner A. Krebber

Von siebenhand Vollkommenheiten

Gedenktafel in Helfta / Foto: (c) wak

Gerne ungeehrt;
gerne ungefürchtet;
gerne allein;
gerne still;
gerne unansehnlich;
gerne gepriesen;
gerne der Creatur gemein.

Die Beginenmystikerin Mechthild von Magdeburg (ca. 1210-1299) in ihrem Buch „Das fließende Licht der Gottheit“