Das Erscheinende über der Erscheinung verloren

Franz Gareis: Novalis ~ um 1799

Alles, was wir erfahren, ist eine Mitteilung. So ist die Welt in der Tat eine Mitteilung – Offenbarung des Geistes. Die Zeit ist nicht mehr, wo der Geist Gottes verständlich war. Der Sinn der Welt ist verloren gegangen. Wir sind beim Buchstaben stehengeblieben. Wir haben das Erscheinende über der Erscheinung verloren. Formularwesen.

Friedrich von Hardenberg / Novalis ( 1772 – 1801)

Aus: Die Sprache ist Delphi. Hommage an Friedrich von Hardenberg / Novalis ausgewählt von Ronald Steckel

 Der vollständige Text  ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH V
CII. JAHRGANG FRÜHJAHR 2021

gebunden. ISBN 978-3-948594-06-0 – 20,00 €

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

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Einförmig sein mit Gott

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Was ist des abgeschiedenen Herzens Gebet? Darauf antworte ich wie folgt und sage: Abgeschiedene Lauterkeit kann nicht beten, denn wer betet, der begehrt etwas von Gott, das ihm zuteil werden solle, oder aber begehrt, daß ihm Gott etwas abnehme. Nun begehrt das abgeschiedene Herz gar nichts, es hat auch gar nichts, dessen es gerne ledig wäre. Deshalb steht es ledig allen Gebets, und sein Gebet ist nichts anderes als einförmig zu sein mit Gott.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seinem Traktat „Von der Abgeschiedenheit“

Der Seele Göttlichstes ins Auge fassen

 

Die Seele und der Seele Göttlichstes muss ins Auge fassen, wer den Geist erkennen will, und was er ist. Das nun kann vielleicht auch auf die Weise geschehen, dass du vom Menschen, und zwar natürlich von dir selbst, zuerst den Leib abstreifst; dann auch die Seele, die ihn formt, aber auch fein säuberlich die Wahrnehmung, dazu Begierde, Zorn und all diese Narrenpossen, die sich doch nur dem, was sterblich ist, zuneigen, erst recht: und das, was dann von der Seele übrig bleibt, das ist jenes Stück, welches wir Abbild Gottes nannten, das ein wenig Licht von Jenem in sich bewahrt, so wie bei der Sonne das Licht, das über die Kugel ihrer Masse hinaus um sie und aus ihr erstrahlt.

Plotin (203 – 269)

Die zu Grund gelassene Seele

Der Jünger sprach: „Wo ist das, wo der Mensch in sich selber nicht wohnet?“ Der Meister sprach: „Das ist die zu Grund gelassene Seele, da die Seele ihres eigenen Willens erstirbet, und selber nichts mehr will, ohne was Gott will, da wohnet sie. Denn so viel der eigene Wille ihme selber todt ist, so viel hat sie die Stätte eingenommen; da zuvorhin eigener Wille saß, da ist jetzt nichts; und wo nichts ist, da ist Gottes Liebe alleine wirckend.“

Cynthia Bourgeault (*1947) Eine Einführung in die Kosmologie des Jakob Böhme

Der komplette Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH V
CII. JAHRGANG FRÜHJAHR 2021

HEFT 2 | Februar 2021
TITELTHEMA: Jacob Böhme (2)

gebunden. ISBN 978-3-948594-06-0 – 20,00 €

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Zu welchem Ufer willst du gelangen mein Herz?

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Zu welchem Ufer
willst du gelangen, mein Herz?
Es gibt keinen Weg
und niemand, der dir vorangeht.
was heißt schon Kommen und Gehen?
An jenem Ufer
kein Boot und kein Fährmann
das Boot zu verankern.
Da gibt es weder Himmel noch Erde,
weder Zeit noch irgendein Ding,
kein Ufer und keine Küste.
Bedenke es wohl, mein Herz!
Gehe nicht anderswohin.

Kabir (1440 – 1518)

Eine Last auf meiner Seele… – Heinrich Böll über Simone Weil

Simone Weil (1909 – 1943) | Foto: Archiv

Die Autorin liegt mir auf der Seele wie eine Prophetin; es ist der Literat in mir, der Scheu vor ihr hat; es ist der potentielle Christ in mir, der sie bewundert, der in mir verborgene Sozialist, der in ihr eine zweite Rosa Luxemburg ahnt; der ihr durch seinen Ausdruck mehr Ausdruck verleihen möchte. Ich möchte über sie schreiben, ihrer Stimme Stimme geben, aber ich weiß: ich schaffe es nicht, ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht. Was sie geschrieben hat, ist weit mehr als ‚Literatur‘, wie sie gelebt hat, weit mehr als ‚Existenz‘. Ich habe Angst vor ihrer Strenge, ihrer sphärischen Intelligenz und Sensibilität, Angst vor den Konsequenzen, die sie mir auferlegen würde, wenn ich ihr wirklich nahe käme. In diesem Sinne ist sie nicht „Literatur als Gepäck“ , aber eine Last auf meiner Seele. Ihr Name: Simone Weil.

Heinrich Böll (1917 – 1985) „Eine Last auf meiner Seele.“ In: Literatur als Gepäck. Aufsätze und Gedichte, Mainz 1979, S. 28 f.

Das Diesseits besiegen ohne ins Jenseits zu flüchten

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Wenn wir aufgehört haben, unser inneres Leben auf Gott zu beziehen, dann können wir uns zu ebenso wirksamen Ekstasen erheben wie die Mystiker und wie diese das Diesseits besiegen, aber ohne in das Jenseits zu flüchten. Sollte uns dennoch die Obsession einer anderen Welt verfolgen, dann würden wir uns eine konstruieren dürfen, uns eine Gelegenheitswelt entwerfen, und sei es nur, um unser Bedürfnis nach dem Unsichtbaren zu befriedigen. Was zählt, sind einzig unsere Erlebnisse, ihre Intensität und ihre Kräfte, die uns zum Beispiel instandsetzen, uns in eine nichtsakrale Tollheit zu stürzen.

Emil M. Cioran (1911 – 1995) in: Dasein als Versuchung. Stuttgart 1983, S. 181

Vom Segen der Gelassenheit

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… Die Menschen sollten nicht so viel nachdenken, was sie tun sollen, sie sollten aber bedenken, was sie sind. Wären nur sie selber gut und ihre Weise, so möchten ihre Werke herrlich leuchten. Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht. Denke nicht Heiligkeit zu gründen auf ein Tun: man soll Heiligkeit gründen auf ein Sein. Denn nicht die Werke heiligen uns, sondern wir sollen die Werke heiligen. Denn wie heilig immer die Werke auch seien, so heiligen sie uns durchaus nicht, weil sie etwa von uns getan sind, vielmehr gilt: insoweit wir wahres Sein und Wesen haben, insoweit heiligen wir auch all unser Tun, es sei Essen, Schlafen, Wachen oder was das sei. Die nicht groß von Wesen sind – was die auch wirken mögen, daraus wird nichts. Hieran lerne, dass man allen Fleiß daran wenden soll, gut zu sein: nicht so sehr, was man tue oder welcher Art die Werke seien, sondern wie der Grund der Werke sei.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Aus den Reden der Unterweisung, die Meister Eckhart in Erfurt gehalten hat. Mehr hier: www.meister-eckhart-erfurt.de

Lachen lachen und Tränen weinen

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Ich denke, das Ziel im Leben
ist nicht, immer glücklich zu sein,
sondern all unser Lachen zu lachen
und all unsere Tränen zu weinen.
Was auch immer sich in uns offenbart,
es ist das Leben,
das sich darin zeigt
und es ist immer ein Geschenk,
sich damit zu verbinden.

Marshall B. Rosenberg (1934 – 2015) in: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils, Herder 2004, S. 18f