Durchbruch des Nichts – Johannes Tauler und Zen

Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften.
Heinrich Heine

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„Du musst auf dein Nichts gewiesen werden und sehen, was in dir verborgen und verdeckt liegt. Bleib bei dir selber!“ Oder: „Soll Gott sprechen, so musst du schweigen, soll Gott eingehen, so müssen alle Dinge ihm den Platz räumen.“ Oder: „Du sollst dieses tiefe Schweigen oft und oft in dir haben und es in dir zu einer Gewohnheit werden lassen, so dass es durch Gewohnheit ein fester Besitz in dir werde.“ Anweisungen eines buddhistischen Zen-Meisters? So könnte man auf den ersten Blick zunächst meinen. Doch es sind die Worte eines Menschen des Spätmittelalters, eines christlichen Mystikers. Es sind Sätze von Johannes Tauler, der wahrscheinlich kurz nach 1300 geboren wurde und 1361 starb. Das ihm lange Zeit zugeschriebene Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen …“ kennen viele. Weniger bekannt jedoch ist die tiefe mystische Schau Taulers, die in weiten Teilen ganz erstaunliche Parallelen zum Zen aufweist. Sie ist nicht in philosophisch-theologischen Abhandlungen spekulativer Mystik überliefert, sondern in knapp über achtzig Predigten, die vermutlich kurze Zeit nach dem Tode Taulers niedergeschrieben wurden.

Was ist Zen? Und was ist Mystik?

Eine Bemerkung vorab: Wer in der umfangreichen Literatur zum Zen der Frage „Was ist Zen?“ nachgeht, stößt auf mehr oder weniger einleuchtende Be-und Umschreibungen, die häufig in negativer Darstellung angeben, was Zen nicht ist. Was aber ist Zen? Diese Frage muss beantwortet werden, bevor wir Parallelen bei Tauler suchen und finden können. „Zen lehrt, dass die Buddha-Natur, oder die Möglichkeit, Erleuchtung zu erreichen, in jedem innewohnt, aber aus Unwissenheit brachliegt …“ Erreicht wird die Erleuchtung »mit einem plötzlichen Durchbruch der Grenzen des gewöhnlichen, alltäglichen, logischen Denkens« beschreibt die „New Encyclopaedia Britannica“ den Sinn des Zen. Mit den Sätzen: „Im Mittelpunkt der Zen-Praxis steht die ‚sitzende Versenkung‘ (zazen). Sie soll zur Erleuchtung (satori) führen, der plötzlich eintretenden Erkenntnis der Einheit allen Seins, des Heiligsten und des Profansten“, versucht „Meyers Enzyklopädisches Lexikon“ dem Wesen des Zen näher zu kommen.

Und ein Zweites: Was ist Mystik? Das ist wohl am klarsten und eindeutigsten mit dem zu fassen, was der Mystiker erfährt: „Durch die mystischen Berührungen wird der Mensch aus seinem verteilten, gewöhnlich-tag-täglichen Bewusstsein herausgeholt. Er wird ‚eingekehrt‘ und spürt nun, dass in seinem ‚Herzen‘ etwas geschieht. Er wird weiter aus der ‚Eigenheit‘ heraus- und in seinen ‚Grund‘ hereingezogen. Dieser plötzliche Übergang vom Durchschnittsbewusstsein, wo er selbst Herr und Meister ist, zu dem Niveau, auf dem sich der ‚ganz Andere‘ fühlen lässt, ist ein erschütterndes Erlebnis,“ schreibt Paul Mommaers. Und genau darauf gilt es, sich stets neu einzulassen.

Ganz Schüler Meister Eckharts / Foto © wak

 

Weg und Wirkung Johannes Taulers

Wahrscheinlich kurz nach 1300, so wird berichtet, ist Tauler als Sohn einer Straßburger Patrizierfamilie geboren. Früh tritt er in den Predigerorden der Dominikaner ein, widmet sich der Seelsorge und predigt etwa ab 1330 vor allem in Gemeinschaften der Dominikaner und in Häusern der Beginen. Im Zuge eines politischen Machtkampfes zwischen Kaiser und Papst muss Tauler jedoch zusammen mit den anderen Dominikanern aus Straßburg emigrieren. Er geht zunächst nach Basel ins Exil. Verschiedene Reisen führen ihn später nach Köln und an den Niederrhein, bis er 1361 in seiner Heimatstadt stirbt. Die Wirkungsgeschichte Taulers ist ebenso wechselhaft wie eindrucksvoll. Seine Predigten beeinflussten den frühen Reformatoren Martin Luther ebenso wie Luthers Gegenspieler, den revolutionären Thomas Münzer der Bauernkriege. Fast ins Schwärmen kommt im 19. Jahrhundert der Dichter Heinrich Heine in seiner „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, wenn er schreibt: „Hier erwähnen wir daher namentlich des Johannes Tauler … Er gehörte zu jenen Mystikern, die ich als die platonische Partei des Mittelalters bezeichnet habe… Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften.“ Die geistesgeschichtliche Traditionslinie, auf die Tauler sich bezieht, beginnt mit dem spätantiken Philosophen Proklos (411 – 485 n. Chr.), also etwa um die Zeit, als Bodhidarma, der vor allem in China lebte und 528 gestorben ist, den Zen-Buddhismus begründete. Tauler zitiert Proklos als „heidnischen Lehrmeister“ mit den Worten „willst du aber noch höher kommen, so lass das vernünftige Hinschauen und Anstarren, denn die Vernunft liegt unter dir, und werde eins mit dem Einen. Und er nennt das Eine eine göttliche Finsternis, still, schweigend, schlafend, übersinnlich.“ Auf Proklos stützt sich auch Dionysius Areopagita (um 550 n. Chr.). In seiner Abhandlung über die „Unfassbarkeit Gottes“ schreibt er unter anderem: „Er allein ist der Urgrund, der allumfassende Ursprung alles Seins und Nichtseins, darin Vollkommenheit und Überschwang, die Fülle von Allem und der Verzicht auf alles und die Jenseitigkeit selbst über alles umschlossen liegt. Kein Sein und kein Nichtsein kann Ihn treffen und Ja und Nein erreichen Ihn nicht.“ Auf diese Traditionen greift Tauler zurück, die noch anzureichern sind mit Platon (428/27 – 348/47) und Plotin (um 205 – 270) und die ergänzt werden müssen mit den Kirchenvätern Augustinus (354 – 430) und Thomas von Aquin (1225/6 – 1274) sowie Dominikus (um 1170 – 1221), den Gründer des Dominikanerordens. Etwa in dieser Zeit waren übrigens innerhalb des Buddhismus in Japan die Rinzai-Schule (Eisai 1141 – 1215) und die Soto-Schule (Dogen 1200 – 1253) entstanden. Vor allem und in besonderer Weise ist jedoch der Mystiker Meister Eckhart (um 1260 – 1327) zu nennen, dessen direkter Schüler Johannes Tauler gewesen ist.

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Aufstieg aus dem Grund

Für Johannes Tauler ist der Mensch immer im Aufstieg, immer in Bewegung. Denn nur so kann er zu dem Durchbruch gelangen, der ihn auf seinem Weg weiterbringt. Nicht eindimensional, sondern in drei Schichten bewegt sich nach Taulers Überzeugung der Mensch dabei von der Selbst- zur Gotteserkenntnis. Eine Passage aus der Predigt „Von der Geburt Gottes im Menschen“ verdeutlicht dies: „Die Seele hat drei edle Kräfte, in denen sie ein reines Abbild der heiligen Dreifaltigkeit ist: Gedächtnis, Verstand und freier Wille. Und mittels dieser Kräfte erfasst sie Gott und ist für ihn empfänglich, so dass sie alles dessen empfänglich werden kann, was Gott ist und hat und geben kann, und vermittels ihrer schaut sie in die Ewigkeit. Denn die Seele ist zwischen Zeit und Ewigkeit geschaffen: Mit ihrem obersten Teile gehört sie in die Ewigkeit, und mit ihrem untersten Teile, mit ihren sinnlichen, tierischen Kräften, gehört sie in die Zeit. Nun ist die Seele sowohl mit ihren obersten wie mit ihren untersten Kräften in die Zeit und die zeitlichen Dinge ausgeströmt, infolge der nahen Verwandtschaft, die die obersten Kräfte zu den untersten haben; daher wird ihr auch dieser Lauf sehr leicht, und sie ist sogar bereit, ganz in die sinnlichen Dinge auszulaufen, und geht so der Ewigkeit verlustig. Wahrhaftig, es muss notwendig ein Rücklauf geschehen, soll diese Geburt geboren werden, es muss eine kräftige Einkehr geschehen, ein Einholen, ein inwendiges Sammeln aller Kräfte, der untersten und der obersten, und so muss eine Vereinigung von aller Zerstreuung stattfinden …“

Louise Gnädinger beschreibt in ihrer Biographie des spätmittelalterlichen Mystikers Tauler, worum es ihm vor allem geht: „Im eigenen, als tief innerlich liegend empfundenen Abgrund stößt der Mensch, hat er sich den Weg dorthin einmal frei gemacht, auf den göttlichen Abgrund. Beide Abgründe, der menschliche und der göttliche, rufen einander zu und herbei, und in dem dynamisch wogenden Hin-und-Her-Rufen führt und leitet der göttliche Abgrund den menschlichen in sich hinein in den Umschwung der Gottheit“. Denn Tauler bleibt in seinen Predigten nicht dabei stehen, die Suche des Menschen nach Reichtum, Ordnung, Gestalt, Wahrheit, Wesen etc. in seiner Ganzheit zu beschreiben. Er geht weiter: „Er tastet nach der letzten Wesenstiefe im Menschen«, schreibt Josef Zapf. „Er ringt um den Überschritt in den göttlichen Grund. Dort vollzieht sich die Geburt Gottes im Menschen.“ Ganz entscheidend für diese Gottesgeburt im Menschen ist Taulers Überzeugung, dass der Mensch ein Nichts ist. Allerdings nicht in dem gemeinhin negativ verstandenen Sinn, sondern so begriffen, dass er dem eigenen Nichts auf den Grund geht. Dass er es sehen kann als Nichtigkeit und Sinnlosigkeit der Welt. Tauler meint, dass der Mensch „von Grund aus sein natürliches und sein gebrechliches Nichts erkennen“ soll. Der Mensch „muss alles lassen, dieses Lassens selbst noch ledig werden es lassen, es für nichts halten und in sein lauteres Nichts sinken.“ Tauler weiß: „Willst du in Gottes Innerstes aufgenommen, in ihn gewandelt werden, so musst du dich deiner selbst entäußern, aller Eigenheit, deiner Neigungen, aller Tätigkeit, aller Anmaßung, aller Weise, in der du dich selber besessen hast; darunter geht es nicht. Zwei Wesen und zwei Formen können nicht zugleich nebeneinander bestehen. Soll das Warme hinein, so muss das Kalte notwendigerweise hinaus. Soll Gott eintreten? Das Geschaffene und alles Eigene muss dafür den Platz räumen. Soll Gott wahrhaftig in dir wirken, so musst du in einem Zustand bloßen Erduldens sein; all deine Kräfte müssen so ganz ihres Wirkens und ihrer Selbstbehauptung entäußert sein, in einem reinen Verleugnen ihres Selbst sich halten, beraubt ihrer eigenen Kraft, in reinem und bloßem Nichts verharren. Je tiefer dieses Zunichtewerden ist, um so wesentlicher und wahrer ist die Vereinigung.“

Sich lösen von äußeren Bildern

Zu dieser Vereinigung von Gott und Mensch, die alle Trennungen aufhebt, gehört für den Seelsorger und Prediger, dass sich der Mensch von allen Bildern löst. „Man findet gar manchen, der in der bildhaften Weise sehr bewandert ist und große Freude an solcher Übung besitzt, aber keinerlei Zugang zur Innerlichkeit seiner Seele hat … Das kommt daher, dass sie zu sehr bei den sinnlichen Bildern verweilen und dabei verharren und nicht vorwärtskommen und nicht in den Grund durchbrechen, wo die lebendige Wahrheit leuchtet: denn man kann nicht zwei Herren dienen: den Sinnen und dem Geist.“ Seine Zuhörer fordert er auf, dass sie „die Bilder bald fahren lassen und mit flammender Liebe durch den mittleren in den allerinnersten Menschen hindurchdringen.“ Und wie Proklus meint Tauler: „Solange der Mensch mit den Bildern, die unter uns sind, beschäftigt ist und damit umgeht, wird er niemals in den Grund gelangen.“ Für Tauler gehört existentiell zum Gelingen des Durchbruchs die Abgeschiedenheit vom Äußeren, das Aufgeben der Anhänglichkeit an Dinge, Geschöpfe oder Gewohnheiten, der Blick der Einfachheit, die Einkehr in den Grund und der Einklang mit Gott, der Grund des Menschen und sein Nichts mit all seinen Facetten, das Erkennen des Selbst, das Schweigen, damit Gott sprechen kann …

 

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Vom Gewahr-Werden zum Gewahr-Sein: hier und jetzt

Tauler geht es in seinen Predigten nicht um intellektuelle Anregungen, sondern er gibt praktische Anweisungen. Er mahnt seine Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder, ihres Selbst gewahr zu werden, aufmerksam zu werden, sich zu beachten und zu beobachten, um in diesem Prozess ihres Selbst gewahr zu sein. In der beobachtenden Teilnahme des Menschen ist er fähig, die Kräfte seines Gemütes zu erkennen und zu aktivieren, den Grund unseres Geistes. Denn das Gemüt „steht bei weitem höher und innerlicher als die Kräfte; diese haben all ihr Vermögen von ihm und sind darin und von da heraus geflossen … es erkennt sich als Gott in Gott, und dennoch ist es geschaffen.“ Und wieder zitiert Tauler hier in der 53. Predigt den spätantiken Philosophen Proklus mit den Worten: „Wir suchen auf verborgene Weise das Eine, das weit über Vernunft und Erkenntnis steht.“.

Dazu gehört auch: das Un-Erklärbare, das Un-Beschreibliche, dem wir uns ständig gegenübersehen, hat sich nicht irgendwo, sondern im konkreten Leben zu bewähren, im Hier und Jetzt. Das gilt für Zen ebenso wie für Mystik. Im Buddhismus wie bei Tauler. Entscheidend ist dafür jedoch nicht eine spirituelle Innendekoration, ein Verhüllen der inneren Wände mit frommen Tüchern. Ganz existentiell ist die Erfahrung der Tiefe des eigenen Grundes im wirkenden Grund göttlichen Seins. Bei Tauler klingt das so: „Dann soll der Mensch die Eigenschaft der Einsamkeit Gottes in der stillen Leere betrachten … Denn dort ist alles still, geheimnisvoll und leer. Darin ist nichts als die lautere Gottheit. Dorthin kam nie etwas Fremdes, kein Geschöpf, kein Bild, keine Form.“

© Werner Anahata Krebber

Des Denkens Raum überqueren

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Was Buddha lehrt,
hat nur das eine Ziel:
Des Denkens Raum zu überqueren.
Ist still geworden der Gedanken Spiel,
was nützen dann noch Buddhas Lehren?

Huang Po (um 850)

Herzen mit Worten erweitern

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„Im Anfang war das Wort…“ – so beginnt das Johannes-Evangelium des Neuen Testaments. Für den Apostel Johannes sind Wort und Gott untrennbar miteinander verbunden. „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, heißt es in der katholischen Messfeier. In den verschiedenen Weltspiritualitäten hat sich die mentale Kraft heilender Worte immer wieder neu manifestiert. Doch was für Worte sind es, die Vorboten der Heilung werden können? Welche Worte haben jene so eindringliche Initialwirkung, dem Menschen neue Wege aufzuzeigen, ihn zu Heil und Heilung zu führen?

Worte, die heilen können, haben oft mit dem zu tun, was als Gebet bekannt ist. Das Wort stammt von dem althochdeutschen „gibet“ und bedeutet Bitte. Gebete können Lobpreisung ebenso formulieren wie Bitte, Buße oder Dank. Für uns heute sind wohl vor allem jene Gebete wichtig, die eine Beziehung zur eigenen Mitte und über diesen Weg zu Gott suchen – also das „innere Gebet“. Auf seiner meditativen Grundlage findet sich hier eine große Nähe zu der in den östlichen Religionen geübten Meditationspraxis.

Worte, die helfen
Meine Erinnerungen an Bitte und Beten sind eng mit der katholischen Liturgie verbunden. Nach der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi lädt der Priester dort die Gläubigen zur Kommunion ein, die darauf unter anderem antworten: „…aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Ich erinnere mich auch an ein Treffen mit einem Theologen. Der berichtete von einem Gespräch, das er mit einem Mann geführt hatte, der ihm von seinen Problemen berichtete. Am Ende des Gesprächs sagte der Mann zu dem Geistlichen: “Sie haben mir sehr geholfen.” Gesagt hatte der Theologe ihm allerdings nichts, er hatte ihm keinen Rat erteilt oder ähnliches. Aber er hatte der Not des Mannes zugehört – er hatte ihm den nötigen Raum gewährt, damit dieser seinen Schmerz in seinen eigenen Worten ausdrücken kann. Ganz nach der Erfahrung von Selbsthilfegruppen: „Wer nicht spricht, zerbricht.“

„Wir sind, was wir denken…“
Gerade in der westlichen Kultur sind die Menschen außerordentlich kopflastig. Sie haben damit allerdings auch eine enorme Chance. Clemens Kuby, unter anderem Regisseur des Filmes „Unterwegs in die nächste Dimension“ weist auf eine wichtige Voraussetzung dafür hin, Vertrauen in jene Worte zu entwickeln, die es vermögen, weiter zu helfen: „Die wichtigste Eigenschaft des Gehirns ist es, die eigene Wirklichkeit zu erschaffen. Dafür nimmt es über 90 Prozent der Informationen aus dem eigenen Fundus und nicht über die Sinnesorgane von außen auf. Also muss das, was für wahr gehalten wird, bei jedem etwas anderes sein. Das Gehirn weist den an sich bedeutungsfreien neuronalen Prozessen die Bedeutung erst zu.“ Ganz so, wie es im Dhammapada von Buddha überliefert ist:

Wir sind, was wir denken.
Alles, was wir sind, entsteht mit unserem Denken,
mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt.

Sprich und handle mit unreinem Geist, und Ungemach wird dir folgen.
Wie das Rad dem Ochsen folgt, der den Karren zieht.

Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht mit unserem Denken,
mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt.

Sprich oder handle mit reinem Geist, und Beglücktheit wird dir folgen,
wie dein Schatten, unerschütterlich.

 

Die Kraft der Worte
Johannes der Täufer – auch Johannes der Vorläufer genannt – hat auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald einen übergroß scheinenden Finger, der auf den Mond zeigt. Er ist Wegweiser und Vorläufer dafür, die größere und tiefere Wirklichkeit erkennen zu lassen: die Göttlichkeit des Menschen Jesus und damit unsere eigene Gotteswirklichkeit, die beispielsweise in der Mystik immer wieder hervorgehoben wird. Aber unsere Zweifel, die immer wieder aufkommen, verstellen den Blick auf diese innere Wahrheit, da unsere Neigung mitunter allzu gering ist, der Kraft der Worte zu vertrauen.

Eine ungewöhnliche Visualisierung, die der japanische Forscher Masaru Emoto vorgenommen hat, kann diese Zweifel vielleicht verringern. Emoto machte die Wirkung von Worten auf Wasser mit Hilfe von Photographien sichtbar. Er ist hergegangen und hat die geometrische Struktur des Wassers als Kristall, bei minus 30°C unter dem Mikroskop fotografiert. Dabei fand er Erstaunliches heraus: „Durch die Art und Weise, wie das Wasser auf unsere Worte reagiert, lernen wir etwas über uns selbst und die Wirkung, die unsere Worte haben.“ Konkret heißt das nach seinen Erkenntnissen: „Wenn ich ein Schild auf eine Wasserflasche klebe, und auf das Schild schreibe ich ein durch und durch positives Wort wie ‚Dankbarkeit‘, dann bildet das Wasser einen schönen Kristall. Schreibe ich ‚Idiot‘ drauf, kommt ein mickriger, hässlicher Kristall heraus. Ich habe beide Worte auf ein Schild geschrieben und erwartet, dass sich das Positive und das Negative gegenseitig aufheben. Aber es kam trotzdem ein schöner Kristall heraus.“

Auch am Institut für Statik und Dynamik der Luft- und Raumfahrtkonstruktionen (ISD) der Universität Stuttgart wird seit einigen Jahren an der Informationsübertragung im Wasser geforscht. Hier war den Wissenschaftlern aufgefallen, dass sich schwache Feldwirkungen, die mit üblichen Messmethoden sonst nicht feststellbar sind, im Wasser abbilden und unter dem Mikroskop betrachtet und dokumentiert werden können.

Die Kraft des Gebets
Der Einfluss von positiv wirkenden Worten kann aber nicht nur vermutet, sondern auch bewiesen werden. Dies haben Forscher um Luciano Bernardi verifiziert, indem sie Versuchsgruppen mit unterschiedlichen Gebeten untersuchten. Sie haben die Wirkung des lateinisch gesprochenen Rosenkranzes und die Rezitation von Mantren bei Patienten überprüft, die an Herzproblemen litten. Ihr Ergebnis zeigte, dass beide Gebetsübungen bei den Patienten hervorragende psychische wie physische Effekte mit sich brachten, und sich das Wohlbefinden verbesserte.

Bestätigt werden damit auch Untersuchungen wie jene, die 1999 in der amerikanischen Zeitschrift „Demography“ veröffentlicht wurden. Die dort publizierte repräsentative Studie hatte 204 Personen neun Jahre lang begleitet. Das Ergebnis war, dass 20-jährige US-Amerikaner eine um gut sechseinhalb Jahre höhere Lebenserwartung haben, wenn sie „einmal pro Woche zur Kirche, Synagoge oder Moschee gehen“.

Der Religionspsychologe Bernhard Grom ist deshalb der Frage nachgegangen, ob „Gebet, Meditation und Gottesdienst innerhalb des Immunsystems die Produktion von Abwehrkräften fördern“ können. Seine Antwort klingt plausibel: „Die ‚Kraft des Gebets‘ liegt vermutlich nicht darin, dass es irgendwelche ‚Heilungskräfte‘ mobilisiert, sondern dass es gesundheitsschädigenden Stress mindert; nicht darin, dass es das Immunsystem anregt, sondern darin, dass es das Immunsystem schont – und damit Erkrankungen eher verhindert und Heilungsprozesse entstört.“ Seiner Meinung nach ist diese „stresstheoretische Erklärung“ jene, die den gemachten Beobachtungen sowie dem heutigen medizinischen Wissen am besten gerecht wird: „Starke emotionale Belastungen, ‚psychischer Stress’, wie er aus Verlusterfahrungen, Zukunftsängsten, Ärger und Enttäuschungen entsteht, löst oft körperlichen Stress aus, der längerfristig sowohl die Gefahr von Thrombosen und Herzinfarkten als auch da Risiko von Infektionen und Krebserkrankungen steigert. Nun können religiös motivierte Bewältigungsformen die emotionalen Belastungen verringern, abpuffern und damit eine Ursache von krankheitsförderndem Stress verringern. Der Glaube kann dazu einladen, sich wegen Misserfolgen, Krankheit und altersbedingter Einschränkung nicht minderwertig zu fühlen, weil man sich ja von der höchsten denkbaren Instanz als ‚Ebenbild‘ und ‚Freund‘ geachtet weiß.“

Der Schweizer Psychiater Jakob Bösch geht noch weiter: „Geistiges Heilen und Spiritualität gehören zusammen und bedeuten Globalisierung von Religion und Medizin. Die zentralen, spirituellen Botschaften der großen Weltreligionen sind weitgehend deckungsgleich. Die Besinnung auf dieses gemeinsame Wissen überschreitet die Grenzen von Nationen, Religionen und Rassen. Geistiges Heilen ist der Teil der Heilkunde, der armen und reichen Menschen auf dieser Erde gleichermaßen zur Verfügung steht.“ Er fand heraus, dass „die Hälfte von befragten Krankenhauspatient den Wunsch äußerten, ihre Ärzte möchten am Krankenbett mit ihnen beten.“ Doch sie stoßen damit auf ein Dilemma. „Solche Ergebnisse bringen die Ärzteschaft in Verlegenheit, wird doch an einem der großen Tabus gerüttelt. Anders als die Sexualität haben Spiritualität und Religiosität der Enttabuisierung bis heute standgehalten.“ Dabei sieht er in seiner Praxiserfahrung und dem Vergleich mit internationalen Studien, „dass religiös-spirituelle Menschen über bessere körperliche und seelische Gesundheit verfügen; wenige Prozent der Studien haben bei religiösen Menschen mehr Gesundheitsprobleme gefunden.“

Vielfalt und Individualität
Im Hinduismus ist davon die Rede, dass es tausend Namen Gottes gibt. Im Islam hat Allah 99 Namen. Deutlich wird hier die Vielfalt dessen, was wir als Gott ansehen und annehmen. Und ebenso vielfältig sind die Formen und Worte, die wir im Gebet verwenden. Beten und damit die Wahl jener Worte, mit denen wir beten, ist ein “Sehnen des Herzens”, wie Sophy Burnham meint. „Im Gebet manifestiert sich der unwiderstehliche Drang unserer Menschennatur, mit der Quelle der Liebe, mit der Energie des Universums, Kontakt aufzunehmen und zu kommunizieren. Im Gebet bitten wir in jenen Momenten um Hilfe, wo wir uns einer Situation absolut nicht gewachsen fühlen.“

Sind es aber bestimmte, spezielle, nur Insidern bekannte Worte, die dorthin führen können? Ich glaube nicht. Ich folge da lieber Jacques Gaillot, der sagt: „Jeder hat seinen Weg. Das Gebet hat einen persönlichen Stil so, wie jeder eine besondere Stimme, ein besonderes Gesicht hat; und der Körper ist mit einbezogen. Es ändert sich mit dem Alter, den Ereignissen, der Verantwortung.“ Mir fällt an dieser Stelle ein Bild ein: Wenn es darum geht, heilende Worte auf ihre Authentizität zu prüfen, muss man sie wie beim Goldwaschen behandeln. Immer wieder sieben, schütteln, den Schmutz und Dreck durch das klare Wasser von ihnen abspülen. Und dann den Gold-Kern nehmen und drauf beißen: Ist er wirklich echt? Gaillot sagt: „Das Gebet macht solidarisch. Es führt zum Wesentlichen. Es erweitert die Herzen.“ Und mir scheint: nur dann, wenn ein Gebet die Herzen zu erweitern vermag, ist es echt.

© Werner Anahata Krebber

 

Literatur

Burnham, Sophy: Der Weg des Gebets. München 2003;
Emoto, Masaru: Die Botschaft des Wassers. Burgrain, o.J. ;
Grom, Bernhard: Religiöser Glaube – ein Gesundheitsfaktor? In: Dr. Mabuse 27(2002), S. 16-19;
Krebber, Werner: Worte, die heilen können. Bibliotherapien aus buddhistischem Geist. In: Connection special Nr. 70, S. 54-57;
Krebber, Werner: Der Weg zum Selbst. Vom Weg in die Zukunft auf den Spuren der Mystik. In: Connection special Nr. 68, S. 26-29;

Großes Erbarmen

Foto: privat

Für den Weisen ist jenseits aller Gegensätze alles eins mit dem Absoluten. Wer das verwirklicht hat, der hat nicht mehr unterscheidendes Bewusstsein, sondern höchste Erkenntnis, in der er nicht mehr die Kreaturen schaut, sondern nur noch den Buddha, der in jedem Wesen ist; er schaut nicht mehr die Dinge, sondern nur noch die höchste Wahrheit. Aus seinem Herzen fließt das Große Erbarmen.

Milarepa (1052-1135)

Leere Rollen und spirituelle Wahrheit

Llewellyn Vaughan-Lee (* 1953) in: Der Liebesbund. Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Wegs. Interlaken 1993, S. 25