Buchtipp VIII – Weisheiten der Wüstenväter (Freddy Derwahl)

Freddy Derwahl

Weisheiten der Wüstenväter

Butzon & Bercker / 203 Seiten, 15 €
ISBN: 978-3-7666-2486-4
Kevelaer 2018

„Die ‚Wüsten‘ der Wüstenväter überschreiben immer wieder ihre geographischen Grenzen. Auch handelt es sich bei den über Jahrhunderte hinweg überlieferten Sprüchen keineswegs um exotische Weisheiten greiser und spleeniger Gottesnarren. In der ‚Wüste‘ der Glaubensferne, in der Leere flüchtiger Genüsse und in der Öde unserer anonymen Großstädte gewinnen sie neue Aktualität“, schreibt der belgische Journalist Freddy Derwahl in der Einleitung zu den „Weisheiten der Wüstenväter“. Neu verortet werden ihre Sprüche von Managern, Seelsorgern, Psychologen, Therapeuten. Gehen die Gedanken doch gezielt auf Fragen und Sehnsüchte ein, die Menschen heute beschäftigen.

Mehr zur Meditation und zum Gebet will er dann auch mit der Sammlung anregen. Kurz und knapp sind die Gedanken, die durch den Tag begleiten können. Schon ein Blick auf die Überschriften belegt, dass Derwahl die Menschen dort abholen will, wo sie heute sind: Fliehen, Etwas Leiden, Ein guter Arbeiter, Wer bin ich eigentlich? Vollendete Liebe undsofort. Dazwischen gestreut sind Gedanken von Dichtern, Theologen, Schriftstellern, Mystikern.

Am Ende hat Derwahl eine Bibliographie hinzugefügt, die dem Anregungen gibt, der sich ausführlicher mit Geschichte und Bedeutung der Texte von Wüstenvätern und -müttern befassen möchte.

Darüber hinaus ist das Buch sehr ansprechend gestaltet, dass man es auch beruhigt und gern verschenken kann.

© Werner A. Krebber

 

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Die Sehnsucht Gottes nach sich selber

Foto: © wak

Es wohnt eine tiefe Sehnsucht im Menschen, die das Göttliche selber ist. Gott drängt in uns zur Entfaltung und zum Erwachen. In uns Menschen stellt sich das Erwachen des Göttlichen dar als Verlangen nach Geborgenheit, Sicherheit und Heimat. Es ist die Sehnsucht, heim zu kommen, den Platz zu finden, wo alles gut ist, wo man geliebt und angenommen ist. Der Mensch erfährt aber sehr bald im Leben, dass kein Mensch dem Menschen diese letzte Sicherheit geben kann, auch nicht der liebste. Es bleibt diese unüberbrückbare Trennung, diese Heimatlosigkeit, bis er sein wahres Selbst gefunden hat, besser, bis sein wahres Selbst durch alle Verkrustungen und Fehlentwicklungen hindurchbrechen kann. Menschen machen sich also auf den Weg zu Gott, weil sie diese tiefste Sehnsucht in sich tragen, die letztlich die Sehnsucht Gottes nach sich selber ist.

Willigis Jäger (* 1925)

Mysterium wahren Einsseins

Foto: © wak

Man sieht oft alte Menschen, in deren Gegenwart – so alt ihr Körper auch sei – die majestätische und schwerelose Eleganz einer Ballettänzerin innewohnt. Sie sind in das Mysterium wahren Einsseins eingedrungen. Sie sind eins mit sich selbst. Dieses Einssein ist die Essenz aller Zugehörigkeit; ohne diese verborgene Einigkeit aller Dinge wäre kein Zugehören möglich. Das Einssein ist auch das geheime Anderswo, in dem jetzt die Gegenwart all jener aufgehoben ist, die aus unserem Leben verschwunden sind; sie gewährleistet, dass die Abwesenheit keine Leere ist.

John O’Donohue (1956 – 2008) in: Echo der Seele. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit

Hier bin ich, Gott vor dir…

Hier bin ich, Gott vor dir,
so wie ich bin —
mit meiner Sehnsucht,
meiner Hoffnung,
meiner Freude,
meinem Ärger,
meiner Müdigkeit.
Hilf mir zu sehen,
was du mir jetzt zeigen möchtest,
zu hören,
was du mir jetzt sagen möchtest,
zu spüren, dass du mit mir gehst,
und bei mir bleibst
so bin ich jetzt vor dir.

Dag Hammerskjöld (1905 – 1961)

In der Höhle des Herzens

Offenbar und doch verborgen
regt es sich in der Höhle des Herzens,
genannt „der höchste Ort“,
in Ihm hat alles seinen Bestand,
was sich bewegt und atmet und die Augen öffnet.

Erkenne Ihn als Sein und Nichsein,
als den Gegenstand der Sehnsucht:
Er, das höchte aller Wesen,
jenseits allem Erkennen.

Aus den Upanishaden