Wahre Natur des Geistes

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Wenn wir bereit sind, auf die Stille selbst zu hören
und nicht nur auf das, was in ihr erscheint,
wenn wir uns des unendlichen Raums bewusst bleiben
und nicht nur die Phänomene des Innen und Außen wahrnehmen,
die allesamt vergänglich,
allesamt leer an eigener Substanz sind,
dann stehen wir in Staunen und Ehrfurcht da
und erkennen uns als das,
was immer ungetrennt war von der Unendlichkeit,
von der Liebe,
vom reinen Bewusst-Sein,
von der wahren Natur des Geistes.

Pyar (*1960)

Wahre Natur der Unwissenheit

Halte nicht fest an Vorstellungen,
die aus Unwissenheit gezimmert sind;
schaue mitten hinein
in die wahre Natur der Unwissenheit.

Der Schwarm von Gedanken, befreit, sobald er aufsteigt,
ist Leerheit-Gewahrsein;
Dieses Leerheit-Gewahrsein ist nichts anderes
als die Weisheit des absoluten Raumes.

In der spontanen Befreiung der Unwissenheit rezitiere:
„Om mani peme hung.“

Patrul Rinpoche (1808-1887)

Widerspiegeln der Seele in Gott

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Ich nimm ein Becken mit Wasser und lege darin einen Spiegel und setze es unter das Rad der Sonnen. Die Sonne wirft aus ihren lichten Schein in den Spiegel und vergehet doch nicht. Das Widerspiegeln des Spiegels in der Sonne ist Sonne in der Sonne, und der Spiegel ist doch das er ist. Also ist es um Gott. Gott ist in der Seele mit seiner Natur und seinem Wesen und seiner Gottheit, und er ist doch nicht die Seele. Das Widerspiegeln der Seele in Gott ist Gott in Gott und die Seele ist doch das sie ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

In Licht verwandelt

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Die ihrer eigenen Natur überlassene Menschenseele ist wie ein in Potenz leuchtender Kristall in der Dunkelheit. Als Natur ist er vollkommen. Doch fehlt ihm etwas, das er nur von außen, von oben her, empfangen kann. Bestrahlt ihn nun das Licht, so wird er gewissermaßen in Licht verwandelt, seine Natur geht auf im Glanz einer höheren Natur, der des Lichtes, das in ihm ist.

Thomas Merton (1915 – 1968) in „Der Berg der sieben Stufen“

Einen neuen Weg finden

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Wenn wir nicht in der Lage sind, einen neuen Weg zu finden, um unsere wahre Natur zu entdecken, könnte die Menschheit zum Verschwinden verurteilt sein. Noch nie in der Geschichte sahen wir uns derart vielen verhängnisvollen Gefahren auf einmal ausgesetzt wie heute. Wir haben die Kontrolle über die Lage verloren. Die ökonomischen, politischen und militärischen Systeme, die wir entwickelt haben, kehren sich gegen uns selbst und zwingen sich uns auf, und wir werden in zunehmendem Maß „entmenschlicht“

Thich Nhat Hanh (*1926)

Die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele

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Die Mystik ist zugleich mit der Menschheit selbst geboren. Sie ist zugleich mit der Entstehung des Menschenreiches auf Erden offenbar geworden, und sie wird auch mit seiner Vollendung ihr Ziel errichen.

Als der Urmensch diese irdische Welt betrat, und seine Augen das Licht empfinen; – als er zum ersten Male die mannigfache Schönheit und die reizvolle Pracht der Natur um sich herum erschaute, – und als er seine Blicke, einem unschuldigen Kinde gleich, nach oben erhebend die Sonne, den Mond und die unzählbaren Gestirne in dem hohen Gewölbe des Himmels betrachtete, –

da bewegte sich in einem unbefleckten Herzen ein namenloses Sehnen, ein zartes, bebendes und geheimnisvolles Gefühl der Bewunderung, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit. Dies war die Geburt der Mystik in der menschlichen Seele.

Vorwort zu „Leben und Sprüche der Sufi-Meister des Islams“. Aus dem Persischen übersetzt von Hossein Kazemzadeh Iranschähr (1884 – 1962), Berlin 1934

Meister Eckhart – Heilende Texte

Ausgewählt und (auf dem Hintergrund der Gestalttherapie) kommentiert von Stefan Blankertz. Herausgegeben und eingeleitet von Erhard Doubrawa.

Inhalt:

Unaussprechlich: Gott
Alles um seiner selbst willen tun:
So lebenswert ist das Leben
Wie gesund ist gesund?
Du sollst kein Maß haben
Das Wirken der Seele:
Das Leibselbst
Die Gnade der Gelassenheit:
Das Paradox der Veränderung
Feuer und Axt fürs Werden:
Aggressio
Nicht beten und nicht feiern:
Deflektion
Wie ich nicht werde, der ich bin:
Introjektion
Du machst dir ein Bild: Projektion
Unterscheiden tut weh: Konfluenz
Leiden: Retroflektion
Die Fruchtbarkeit der Jungfrau:
Die Seele als Mann und Frau
Die Kraft des ewigen Nun:
Hier-und-Jetzt
Von Engeln und Menschen:
Urbild und Abbild

Aus der Einleitung von Erhard Doubrawa:

Meister Eckhart ist ein christlicher Mystiker. Es geht ihm um Gott und darum, wie sich der Mensch mit Gott vereinigen könne. Spiritualität ist heute eine sehr private Sache geworden. Fast ist es, als läge ein Tabu darüber, über den eigenen Glauben zu sprechen, jedenfalls wenn es sich um ein religiöses Erleben handelt und nicht um die kirchen- oder sozialpolitische Dimension der Religion. Es ist allerdings keine Voraussetzung dafür, die heilende Kraft von Meister Eckharts Gedanken in sich fruchtbar werden zu lassen, sich zu einem speziellen Glauben zu bekennen oder überhaupt an einen persönlichen Gott zu glauben. Denn die Themen von Meister Eckhart sind existenzieller Natur. Gott steht für das Unermessliche, von dem kaum einer bestreiten könnte, dass es einen wesentlichen Teil unserer Existenz ausmacht, seien es Liebe, Freude, Schmerz, Trauer, Mitgefühl, Verzweiflung, Hass, seien es Sinn-, Grund- und Wahrheitsuche, seien es schöpferische Kraft, Gnadenerlebnis oder auch Heilung. Die Leichtigkeit des Seins ist nicht weniger spirituell gefärbt als die Schwere des Seins.

gikPRESS 2018 (Neuauflage)
GIK Gestalt-Institute Köln & Kassel
180 Seiten , Paperback: 17,80 EUR, eBook: 11,99 EUR

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