Weg in die Freiheit

Hadewijch-Gedicht / wikimedia ~ gemeinfrei

Die Seele ist ein Weg, durch den Gott aus seinem Tiefsten in ihre Freiheit herauskommt; und Gott ist ein Weg, auf dem die Seele in ihre Freiheit herauskommt, d. h. in seinen Grund, an den nicht ohne der Seele Tiefe gerührt werden kann. Solange Gott noch nicht ganz der Seele gehört, kann er ihr auch noch nicht vollkommen genügen.

Hadewijch von Antwerpen (13. Jahrhundert) | Brief 18, 69–79

Reinste Diamanten im Kronschatz der Menschheit

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Wenn ich dieses Buch nun übersetzt habe, so geschah es einzig und allein, weil ich glaube, dass die Schriften der Mystiker die reinsten Diamanten im wunderbaren Kronschatz der Menschheit sind, wiewohl eine Übersetzung vielleicht unnütz ist; denn die Erfahrung scheint zu lehren, dass sehr wenig darauf ankommt, ob das Mysterium der Fleischwerdung eines Gedankens sich im Licht oder in der Finsternis vollzieht; genug, dass es stattgefunden hat. Aber wie dem auch sein möge, die mystischen Wahrheiten haben vor den gewöhnlichen Wahrheiten ein seltsames Vorrecht: sie können weder altern noch sterben.

Maurice Maeterlinck (1862 – 1949) in der Einführung zu seiner Übersetzung von Jan van Ruysbroecks „Zierde der geistlichen Hochzeit“Erschienen ist der Text auch in Maeterlincks Buch „Der Schatz der Armen“. Florenz / Leipzig 1898

https://www.projekt-gutenberg.org/maeterli/schatz/chap006.html

Wir nehmen nichts mit von dieser Welt

Das Jacob Böhme Lesebuch: Paul Hankamer, 1925 / Ronald Steckel, 2022

Wir nehmen doch nichts mit von dieser Welt, was zanken wir denn um das Eitele, und verscherzen damit das Unvergängliche; es muss doch zu dem Ziel kommen, oder wird ja noch böser werden; und welch Volk nicht wird wollen in dies Ziel eingehen, das muss ganz ausgezehrert und gefressen werden, deutet der Geist der Wunder.

Jacob Böhme (1575 – 1624 in Görlitz) in: Zweyte Schutz-Schrift wider Balthasar Tilken, S. 322, 324 – 325

In: Das Jacob Böhme Lesebuch. Aus Jacob Böhmes Schriften ausgewählt und eingeleitet von Paul Hankamer (1925). Neu herausgegeben, erweitert und mit einem Glossar versehen von Ronald Steckel (2022), Verlag Magische Blätter, Ronnenberg, S. 53

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/publikationsreihe/buecher

Die Seele ist eine Bodenlosigkeit

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Die Seele ist eine Bodenlosigkeit, worin Gott sich selbst genügt, und sein eigenes Selbstgenügen findet sein vollstes Genießen in ihr und sie wiederum in ihm. Die Seele ist ein Weg, durch den Gott aus seinem Tiefsten in ihre Freiheit herauskommt; und Gott ist ein Weg, auf dem die Seele in ihre Freiheit herauskommt, d. h. in seinen Grund, an den nicht ohne der Seele Tiefe gerührt werden kann. Solange Gott noch nicht ganz der Seele gehört, kann er ihr auch noch nicht vollkommen genügen.

Hadewijch von Antwerpen (um 1200 – 1248) in: Brief 18, 69–79

Verweile nur um dich zu stärken

Bild: Archiv

Bedenke: Ein Stück des Weges
liegt hinter dir,
ein anderes Stück
hast du noch vor dir.

Wenn du verweilst,
dann nur, um dich zu stärken,
nicht aber um aufzugeben.

Aurelius Augustinus / Augustinus von Hippo (354 – 430)

Junge Seele

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Wisset, meine Seele ist so jung,
wie da sie geschaffen ward,
ja, noch viel jünger!
Und wisset,
es sollte mich nicht wundern,
wenn meine Seele morgen
noch jünger wäre als heute!

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Gefunden habe ich diesen Text hier: Alois M. Haas / Thomas Binotto: Meister Eckhart – der Gottsucher. Aus der Ewigkeit ins Jetzt. Freiburg/Br. 2013

Glaube, Hoffnung, Liebe

Kruzifiz, Mittelrhein / um 1200 ~ Foto: (c) wak

Die Seele vereinigt sich mit Gott
in diesem Leben
nicht durch Verstehen,
noch durch Genießen,
noch durch Vorstellungen,
noch durch irgendetwas Sinnenhaftes,
sondern nur verstandesmäßig durch den Glauben,
gedächtnismäßig durch die Hoffnung
und willensmäßig durch die Liebe.

Johannes vom Kreuz / Juan de la Cruz (1542 – 1591)

Mehr Inspirationen nahezu täglich hier: https://wernerkrebber.wordpress.com/

Gewißheit des Nichtwissens und Nichtwollens

Graphik: (c) wak

Nun hat diese Seele ihren richtigen Namen, spricht die Liebe, vom Nichts, in dem sie verbleibt. Und da sie nichts ist, macht sie sich aus nichts etwas, weder aus ihren Nächsten noch aus Gott selbst. Denn sie ist so winzig, dass sie sich selbst nicht aufzufinden vermag. Und alle geschaffenen Dinge sind ihr so weit entfernt, dass sie sie nicht mehr empfindet. Und Gott ist so groß, dass sie von ihm nichts zu erfassen vermag. Und wegen dieses sogearteten Nichts ist sie in die Gewißheit des Nichtwissens und in die Gewißheit des Nichtwollens gestürzt.

Die Begine Marguerite Porete (1250/1260 – 1. Juni 1310) in: Der Spiegel der einfachen Seelen. Zürich/München 1987, S. 125