Hier ist die Pforte des Himmels

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Die Welt ist ein Spiegel unendlicher Schönheit, doch sieht dies kein Mensch. Sie ist ein Tempel der Majestät, doch achtet dies kein Mensch. Sie wäre ein Gebiet des Lichts und des Friedens, wenn die Menschen sie nicht in Unruhe stürzen würden. Sie ist das Paradies Gottes. Sie ist dem Menschen mehr, seitdem er gefallen ist. Sie ist die Stätte der Engel und das Tor des Himmels. Als Jakob aus seinem Traum erwachte, sagte er: „Gott ist hier und ich wusste es nicht. Wie furchtbar ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, hier ist die Pforte des Himmels.“

Thomas Traherne (1636 – 1674)

Sehen im Nicht-Sehen

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Darin liegt die eigentliche Erkenntnis des Gesuchten,
darin das Sehen im Nicht-Sehen
dass der Gesuchte alle Erkenntnis übersteigt,
wie durch Finsternis durch seine Unbegreiflichkeit
auf allen Seiten abgeschlossen.

Gregor von Nyssa (334-394)

 

Feuer der Liebe

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Feuer gibt nicht nur Helle und Wärme,
es wandelt von Grund auf,
wenn es das Feuer der Liebe ist.
Es macht transparent wie die Metalle in den Ikonen.
Man schaut einen seltenen Glanz,
und schaut wie hindurch und sieht mehr.
Verborgenes. Tiefes.

Josua Boesch (1922-2012)

Umstrahlt und glänzend im eigenen Licht

Thomas Merton / Bild: Archiv

Das vollkommene Tun ist leer. Wer kann es sehen? Derjenige, der die Form vergisst. Jenseits der Form tritt das ungeformte, das leere Tun mit der eigenen Form hervor. Vollkommene Form ist das Geschehen eines Augenblicks. Seine Vollkommenheit vergeht sofort. Vollkommenheit und Leere gehen zusammen, denn sie sind dasselbe: der Zusammenfall einer Augenblicksform mit dem ewigen Nichts. Form: der Schein des Nichts. Vergiss die Form, und sie wird plötzlich sichtbar, umstrahlt und glänzend im eigenen Licht, das das Nichts ist. Dann aber suche nicht mehr. Lass es geschehen. Lass es kommen und gehen. Was denn? Alles und jedes, das meint: Nichts.

Thomas Merton (1915-1968)

Unendlich vollkommenes Auge

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Da aber dein Blick Auge ist, das heißt lebendiger Spiegel, sieht er in sich alles. Ja, weil er der Grund alles Sichtbaren ist, umfasst und sieht er alles im Grunde und im Sinne von allem, das heißt in sich selbst. Dein Auge, Herr, nimmt ohne sich nach verschiedenen Richtungen zu wenden den Weg zu allem. Unser Auge wendet sich jeweils einem Gegenstande zu, und zwar deshalb, weil unser Blickvermögen nur in einem Winkel von begrenzter Größe sieht. Der Sehwinkel deines Auges aber, Gott, ist nicht so oder so groß, sondern unendlich; ist er doch auch ein Kreis, ja unendliche Kugel, weil dein Blick das gleichsam sphärische und das unendlich vollkommene Auge ist. Es blickt also alles sowohl im Umkreis wie aufwärts und abwärts zugleich.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464) in: De visione Dei, 9,37,19

Bô Yin Râ über Gustav Meyrink

Man wird dem Gesamtwerk des dahingegangenen Dichters nur dann gerecht, wenn man die in seinen Romanen und Erzählungen stofflich mitverwendeten Lehren nur auf die Gestalten bezieht, denen er diese Lehren in den Mund legt. Er selbst aber wollte sich niemals etwa als Lehrer okkulter oder mystischer Anschauungen, sondern als freier Künstler beurteilt sehen, dem jede Stoffbenützung erlaubt ist, durch die er in künstlerischer Gestaltung sein Werk bereichern kann.

Aus „Im Spiegel“ von Bô Yin Râ Erschienen in: Magische Blätter, XIV. Jahrgang, S. 44 – 47, Richard Hummel Verlag, Leipzig, 1933

 Jetzt aktuell nachzulesen in: Magische Blätter. Monatsschrift für geistige Lebensgestaltung.CI. Jahrgang, Mai 2020, Heft 4, S. 36

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/

Das wahre Menschenherz

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Willst du dich selbst erkennen, so wisse, daß du aus zwei Dingen geschaffen bist. Das eine ist diese äußere Hülle, die man Leib nennt und mit dem äußeren Auge sehen kann. Das andere ist jenes Innere, das man bald Seele, bald Geist und bald Herz nennt, und das nur von dem inneren Auge erkannt werden kann. Dies Innere ist dein wahres Wesen, alles andere ist nur sein Gefolge, sein Heer und seine Dienerschaft. Wir wollen es das Herz nennen. Wenn wir also von dem Herzen sprechen, so wisse, daß wir damit das wahre Wesen des Menschen meinen, das man sonst bald Geist, bald Seele nennt, nicht aber jenes Stück Fleisch, das in der linken Seite deiner Brust sitzt; denn das hat keinen Wert, und auch die Tiere und die Toten besitzen es, und man kann es mit dem äußeren Auge sehen. Alles aber, was man mit diesem Auge sehen kann, gehört dieser Welt an, der Welt des Augenscheins. Das wahre Menschenherz aber ist nicht von dieser Welt, sondern ist als Fremdling zu kurzer Wanderung in diese Welt gekommen.

Abu Hamid al-Ghazzali (1055/56 – 1111) in: Das Elixier der Glückseligkeit

Bertolt Brecht: Solche Engel gefallen mir

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Daß der Engel des Güstrower Ehrenmals (Bronze 1927) mich überwältigt, ist nicht verwunderlich. Er hat das Gesicht der unvergeßlichen Käthe Kollwitz. Solche Engel gefallen mir. Und obwohl man weder einen Engel noch einen Mann je hat fliegen sehen, so ist doch das Fliegen glorios dargestellt.

Bertolt Brecht (1898 – 1956) Notizen zur Barlach-Ausstellung, in Sinn und Form, Viertes Jahr, 1952, Erstes Heft. Mehr hier: https://www.ernst-barlach-stiftung.de/ernst-barlach/plastiken/guestrower-ehrenmal/

Seele, Geist und Herz

Willst du dich selbst erkennen, so wisse, dass du aus zwei Dingen geschaffen bist. Das eine ist diese äußere Hülle, die man Leib nennt und mit dem äußeren Auge sehen kann. Das andere ist jenes Innere, das man bald, Seele, bald Geist und bald Herz nennt, und das nur von dem inneren Auge erkannt werden kann.

Muhammad  ibn Muhammad al-Ghazali (ca. 1058–1111) in: Das Elixier der Glückseligkeit