Rainer Maria Rilke: Buddha

Buddharelief von Vincenzo Kavod Altepost

Schon von ferne fühlt der fremde scheue
Pilger, wie es golden von ihm träuft;
so als hätten Reiche voller Reue
ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.

Aber näher kommend wird er irre
vor der Hoheit dieser Augenbraun:
denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre
und die Ohrgehänge ihrer Fraun.

Wüßte einer denn zu sagen, welche
Dinge eingeschmolzen wurden, um
dieses Bild auf diesem Blumenkelche

aufzurichten: stummer, ruhiggelber
als ein goldenes und rundherum
auch den Raum berührend wie sich selber.

Rainer Maria Rilke (1875 -1926) in: Neue Gedichte. Erster Teil, 1907, S. 70

Mehr zur Spiritualität des Keramikers Vincenzo Kavod Altepost in seinem empfehlenswerten Buch „Grundlegende Gutheit – Innere Freude“:

https://www.buecher.de/shop/buecher/grundlegende-gutheit-innere-freude/altepost-vincenzo-kavod/products_products/detail/prod_id/48065083/

Sich von allen Gedanken leer machen

Wenn einer seinen Geist im Ruhestand sehen will, muß er sich von allen Gedanken leer machen und dann wird er jenen schauen, der gleich einem Saphir ist oder wie die Himmelsfarbe.

Der heilige Nilus. Zitiert in: Das Herzensgebet. Mystik und Yoga der Ostkirche, München-Planegg 1957

Weder beurteilen noch festhalten

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Der Geist sollte wie ein Spiegel werden,
der die Gegenstände widerspiegelt,
aber sie weder beurteilt noch festhält.
Vorstellungen haben keine eigene Substanz.
Lass sie kommen und gehen, ohne sie zu beachten.

Aldous Huxley (1894 – 1963) in „Die ewige Philosophie – Philosophia Perennis“, Freiburg 2008, S. 362

Was wollte Böhme bewirken?

Foto: (c) wak

Um – ganz allgemein – die Rezeption Böhmes in ihren Eigenarten zu verstehen, können folgende Punkte ein je eigenes Thema darstellen:

– die historisch-soziologische Ebene: Wer hat Böhme gelesen, welche Schichten, Gruppen mit welchen Prägungen haben sich mit ihm beschäftigt,

– welches Selbstverständnis hatte Böhme von seinem Schreiben, was wollte er bewirken, wie sollten seine Schriften gelesen werden,

– gibt es in der Rezeptionsgeschichte eine Trennung beispielsweise zwischen theologischer, philosophischer, ästhetischer, psychologischer Rezeption?

– kann in der Rezeptionsgeschichte eine Entwicklung gesehen werden, die eine Säkularisierung der Wissenschaften abbildet, indem zunächst die theologisch-konfessionelle Rezeption im Pietismus, dann die idealistisch-philosophische im 19. Jahrhundert und schließlich die psychologische Aufnahme wenn nicht ausschließlich, so doch paradigmatisch vorherrscht?

Thomas Isermann: Die Rezeption Jacob Böhmes im 20. Jahrhundert

Der ganze Beitrag Isermanns, der näher auf diese Fragen eingeht, ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang September 2021 Heft 9, Thema: DIE MAGIE DER SPRACHE

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Gott kann geliebt aber nicht gedacht werden

Foto: (c) wak

Jetzt wirst du mich fragen: „Wie soll ich an Ihn denken, und was ist Er?“ Darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es auch nicht. Denn du hast mich mit deiner Frage in die gleiche Dunkelheit und in die gleiche Wolke des Nichtwissens versetzt, in der ich dich selbst gern sähe. Denn alle anderen Geschöpfe und ihre Werke ja sogar die Werke Gottes selbst kann man durch Gnade zur Gänze erkennen, und es ist gut möglich, sich mit ihnen in Gedanken zu beschäftigen. Aber Gott selbst kann kein Mensch gedanklich erfassen. Und daher will ich alles, was ich denken kann, hinter mir lassen und zum Gegenstand meiner Liebe das erwählen, das nicht gedacht werden kann. Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden. Von der Liebe läßt er sich fassen und halten, vom Intellekt jedoch nicht. Und wenn es darum auch zuweilen gut ist, an die Güte und Erhabenheit Gottes im besonderen zu denken und wenn das auch den Geist erleuchtet und einen Teil der mystischen Kontemplation bildet, müssen doch solche Gedanken bei diesem Werk abgeworfen und mit einer Wolke des Vergessens bedeckt werden.

Wolke des Nichtwissens, 14. Jahrhundert, Kapitel 6

Du führst meinen Geist ins Weite

Hildegard von Bingen / Bild: wikimedia~gemeinfrei

O heilende Kraft, die sich Bahn bricht! Alles durchdringst du, die Höhen, die Tiefen, den Abgrund. Du fügest und schließest alles in eins.

Durch dich fluten die Wolken, fliegen die Lüfte. Die Steine träufeln vom Saft, die Quellen sprudeln ihre Bäche hervor. Durch dich quillt aus der Erde das erfrischende Grün.

Du führst auch meinen Geist ins Weite, wehest Weisheit in ihn, und mit der Weisheit die Freude. Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht, und wie ein Tau, der auf die Gräser träufelt, und wie die Regenluft, die wachsen macht.

Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus  auf alle, die da Sehnsucht tragen. Ein Wind sei er, indem er den Elenden hilft, ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet, und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet, und sie mit der Lehre erfüllt wie Hungernde, indem er ihnen seine Seele gibt.

Hildegard von Bingen (1098-1179) zugeschrieben

Fluchworte, Segensworte

Foto: (c) wak

Das Wort bannt und verflucht. Unter der Last des magischen Fluchworts schleppt sich der Mensch von Unglück zu Unglück, unter der Lichtkraft des Segenswortes wird sein Dasein beglückt und besonnt. Unsrer viellesenden, vielschreibenden, vielsprechenden Zeit ist die Magie des Worts abhanden gekommen.

… Manchmal will es scheinen, als seien wir, durchgegangen durch die Niederungen einer völlig entgotteten Welt, am ersten Anfang wieder des Wegs zu einer neuen Gläubigkeit, darin es dann auch ein­mal etwas wird geben müssen wie die Magie des Worts.

Otto Maag (1885 – 1960) in: Magie des Wortes

Der vollständige Text „Magie des Wortes“ kann hier gelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang September 2021 Heft 9, Thema: DIE MAGIE DER SPRACHE

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu