Zum Wohl der anderen wirken

Die Sicht betrifft den Geist an sich:
Erkenne seine wahre Natur.

Die Meditation betrifft die leuchtende Klarheit:
Lass ihren Glanz sich voll entfalten.

Das Verhalten betrifft die illusorischen Phänomene:
Integriere alles, was erscheint, in den Weg.

Die Erfahrung ist die des Realen, das sich manifestiert:
Durchtrenne jegliches Anhaften von der Wurzel her.

Das Ergebnis ist ganz natürlich vorhanden:
Löse dich von Hoffnungen und Befürchtungen!

Die Aktivität des Erwachens besteht darin,
zum Wohl der anderen zu wirken:
Leite sie mit Mitgefühl.

Longchen Rabjam (1308 – 1363)

Die gewöhnliche Welt mit neuen Bedeutungen versehen

Der Künstler, der Prophet, der Metaphysiker,
jeder baut aus dem Material,
das sich dem Zugriff anderer Seelen entzieht,
eine Welt auf,
in der diese anderen Seelen
leben und träumen können:
eine Welt, die zudem die gewöhnliche Welt
des täglichen Lebens
in neuen Proportionen zeigt
und mit neuen Bedeutungen versieht.

Evelyn Underhill (1875 – 1941) in: The Mystic As Creative Artist, 1920

Er ist der Seher den man nicht sieht

Er ist der Seher, den man nicht sieht,
der Hörer, den man nicht hört,
der Denker, den man nicht denkt,
der Erkenner, den man nicht erkennt;

es gibt keinen anderen Seher,
es gibt keinen anderen Hörer,
es gibt keinen anderen Denker,
es gibt keinen anderen Erkenner,

das ist dein Âtman,
der heimliche Lenker,
der Unsterbliche. Leidvoll ist alles andere.


Brihad-Âranyaka-Upanishad, ~ 700–500 v.u.Z.

Gefunden habe ich diesen Text hier: https://blog.nootheater.de/2020/11/12/buch-der-freunde-liii/

Geteilte Welten in Christus transzendieren

Foto: (c) wak

Wenn ich in mir das Denken und die Frömmigkeit der östlichen und westlichen Christenheit, der griechischen und lateinischen Väter, der Russen mit den spanischen Mystikern vereinige, kann ich in mir die Wiedervereinigung der getrennten Christen vorbereiten. Von dieser geheimen und unausgesprochenen Einheit in mir selbst kann schließlich eine sichtbare und manifeste Einheit aller Christen entstehen.  Wenn wir zusammenbringen wollen was geteilt ist, können wir dies nicht tun, indem wir eine Spaltung über die andere stülpen oder die eine Spaltung in die anderen. Wenn wir das aber tun, ist die Vereinigung nicht christlich. Sie ist politisch, und zu weiteren Konflikten verdammt. Wir müssen alle geteilten Welten in uns enthalten und sie in Christus transzendieren.

Thomas Merton (1915 – 1968) in „Conjectures of a Guilty Bystander“

Joseph Beuys 100

Vierte Umschlagseite des Buches „Zeige deine Wunde Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys“ von Rüdiger Sünner

Hier zum Buch http://www.europa-verlag.com/buecher/zeige-deine-wunde/

Hier geht es zum Film: http://www.ruedigersuenner.de/Beuysfilm.html

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Vh6RUgKswYE

Wie nun Gott in der Welt wohnet…

Foto: (c) wak

Wie nun Gott in der Welt wohnet und alles erfüllet und doch nichts besitzet, und das Feuer im Wasser wohnet und das nicht besitzt, und wie das Licht in der Finsternis wohnet und die Finsternis doch nicht besitzet, der Tag in der Nacht und die Nacht im Tage, die Zeit in der Ewigkeit und die Ewigkeit in der Zeit also auch ist der Mensch geschaffen. Er ist nach der äußern Menschheit die Zeit und in der Zeit, und die Zeit ist die äußere Welt. Das ist auch der äußere Mensch. Und der innere Mensch ist die Ewigkeit und die geistliche Zeit und Welt, welche auch steht in Licht und Finsternis, nämlich in Gottes Liebe nach dem ewigen Licht, und in Gottes Zorn nach der ewigen Finsternis. Welches in ihm offenbar ist, darinnen wohnet sein Geist, entweder in der Finsternis oder im Lichte. Es ist beides in ihm, das Licht und die Finsternis. Ein jedes wohnet in sich selber; keines besitzet das andere.

Jakob Böhme (1621) in: De Regeneratione oder Von der neuen Wiedergeburt

Texte aus der Langen Nacht über Jacob Böhme sind hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Von Mensch zu Mitmensch

Foto: (c) wak

Die echte Bindung von Mensch zu Mitmensch geht jedoch immer, mental gesprochen, über Gott. In ihm liegt der gültige Bezugspunkt. Alle andere Bindung zwischen Menschen, die um diesen fundamentalen Sachverhalt nichts weiß und ihn unberücksichtigt lässt, ist vergänglicher Rausch, vergängliches Gefühl, vergängliche Projektion des vergänglichen Ichs.

Jean Gebser (1905 – 1973)

Die Leere ist die höchste Fülle

Simone Weil | Bild: Archiv

 

Die Leere ist die höchste Fülle,
aber der Mensch hat nicht das Recht,
dies zu wissen.
Der Beweis liegt darin,
dass Christus selber,
für die Dauer eines Augenblicks,
jedes Wissen davon abhandengekommen ist.
Ein Teil meiner Selbst soll es wissen,
aber nicht die anderen;
denn wüssten sie es auf ihre niedrige Weise,
so gäbe es keine Leere mehr.

Simone Weil (1909 – 1943) in: Schwerkraft und Gnade. Berlin 2021, S. 29

Wahrheit ist die Spur Gottes in der Welt

Foto: © wak

 

Mein Freund, suche Gott in den Wahrheiten des Christentums, aber suche ihn auch in den ewigen Wahrheiten der Anderen, der Juden und der Muslime! Denn jeder, der nach Wahrheit strebt, in welcher Form es auch sei mag, ist auf dem rechten Weg zu Gott, von dem alle Wahrheit stammt, auch die der Andersgläubigen. Wahrheit ist die Spur Gottes in der Welt.

Raimundus Lullus (1232-1316)