Licht der Herrlichkeit

Foto: (c) wak

Das Licht der Herrlichkeit
scheint mitten in der Nacht.
Wer kann es sehn?
ein Herz, das Augen hat und wacht.

Angelus Silesius / Johannes Scheffler (1624–1677) in: Cherubinischer Wandersmann, Fünftes Buch, Nr. 12

Werbung

Eigenschaften des einsamen Vogels

Photo by Flo Maderebner on Pexels.com

Der einsame Vogel hat fünf Eigenschaften:
die erste, dass er zum höchsten Punkt fliegt;
die zweite, dass er keine Gesellschaft erträgt,
auch wenn sie von seiner Art ist;
die dritte, dass den Schnabel in den Wind hält;
die vierte, dass er keine bestimmte Farbe hat;
die fünfte, dass er sehr leise singt.

Johannes vom Kreuz (1541-1591) in „Worte von Licht und Liebe“

Eine Revolution des Herzens herbeiführen

Foto: (c) wak

Die größte Herausforderung unserer Zeit ist: Wie können wir eine Revolution des Herzens herbeiführen, eine Revolution, die bei jedem einzelnen von uns beginnen muss. Wenn wir anfangen, den niedrigsten Platz einzunehmen, den anderen die Füße zu waschen, unsere Brüder und Schwestern mit jener brennenden Liebe zu lieben, jener Leidenschaft, die zum Kreuz führte, dann können wir wirklich sagen: „Jetzt habe ich begonnen.“

Dorothy Day (1897-1980)

Sein Herz wie einen Spiegel gebrauchen

Foto: (c) wak

Der höchste Mensch gebraucht sein Herz wie einen Spiegel. Er geht den Dingen nicht nach und geht ihnen nicht entgegen; er spiegelt sie wider, aber hält sie nicht fest. Darum kann er die Welt überwinden und wird nicht verwundet. Er ist nicht der Sklave seines Ruhms;  er hegt nicht Pläne; er gibt sich nicht ab mit den Geschäften; er ist nicht Herr des Erkennens. Er beachtet das Kleinste und ist doch unerschöpflich und weilt jenseits des Ichs. Bis aufs letzte nimmt er entgegen, was der Himmel spendet, und hat doch, als hätte er nichts. Er bleibt demütig.

Dschuang Dsi. Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm, Jena 1912, S. 59

Reden oder Schweigen

Photo by Sharad Bhat on Pexels.com

Theophilus, der Erzbischof, kam einmal in die Wüste.
Die Brüder versammelten sich und baten Abba Pambo:
Halte vor dem Vater eine Ansprache,
damit er Gewinn habe.
Der Alte aber sagte zu ihnen:
Wenn er aus meinem Schweigen keinen Nutzen zieht,
dann kann er es auch nicht aus einer Rede.

Aus der Tradition der Wüstenväter (5. Jh.)

Ganz auf dem Grund der Seele

Jean Benner: Extase. 1896 / Foto: (c) wak

Allein es gibt ein Erlebnis, das aus der Seele selber in ihr wächst, ohne Berührung und ohne Hemmung, in nackter Eigenheit. Es wird und vollendet sich jenseits des Getriebes, vom Anderen frei, dem Anderen unzugänglich. Es braucht keine Nahrung, und kein Gift kann es erreichen. Die Seele, die in ihm steht, steht in sich selber, hat sich selber, erlebt sich selber – schrankenlos. Nicht mehr, weil sie sich ganz an ein Ding der Welt hingegeben, sich ganz in einem Ding der Welt gesammelt hat, erlebt sie sich als die Einheit, sondern weil sie sich ganz in sich eingesenkt hat, ganz auf ihren Grund getaucht ist, Kern und Schale, Sonne und Auge, Zecher und Trank zugleich. Dieses allerinnerlichste Erlebnis ist es, das die Griechen Ekstasis, das ist Hinaustreten, nannten.

In: Ekstatische Konfessionen. Gesammelt von Martin Buber. Veränderte Neuausgabe, Leipzig 1921, S. 12 (Einleitung: Ekstase und Bekenntnis)

Ohne Mittel, Bild oder Gleichnis

Fotographik: (c) wak

Gott bedarf keines Bildes und hat auch kein Bild: Gott wirkt in der Seele ohne alles Mittel, Bild oder Gleichnis, ja, tief in dem Grunde, wo nie ein Bild hinkam, als er selbst mit seinem eigenen Wesen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in: Meister Eckharts Mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. 2. Auflage 1920. S. 15

Die Zeit der Früchte

Foto: (c) wak

Nun geht der Winzer bald in seinen Weinberg und schneidet den Reben das wilde Holz ab; täte er das nicht und ließe es am guten Holze stehen, so brächte der Weinstock nur sauren, geringen Wein; so soll der edle Mensch auch tun, er soll sich selbst beschneiden von aller Unordnung und vom Grund ausroden all seine Arten und Neigungen, in Liebe und Leid …

Die Natur ist an sich selber gut und edel; was willst du daran abhauen? Wenn dann die Zeit der Früchte kommen sollte, das heißt das göttliche Leben, hast du die Natur verdorben.

Johannes Tauler (1300 – 1361) in seiner Predigt „Simile est regnum caelorum“ – Das Himmelreich ist gleich (Matth. 20, 1—16)

Die Leere hält das Rad

Foto: (c) wak

Jeder ist im Kern seines Wesens, seines Selbst, Leere, analog zu der Nabe eines Rades. Ein Rad besteht aus Speichen, die aufgrund eine Nabe miteinander verbunden sind. Diese Leere hält das Rad.
Auf genau die gleiche Weise hat unser Lebensrad eine Leere, ein Nicht-Sein zum Zentrum; diese Leere nennen wir gewöhnlich unser Selbst. Wenn wir dies erkannt haben, wird uns die Absurdität dessen, was wir bisher geglaubt, erkannt und getan haben, bewusst – und wir fangen zu lachen an.

Hans-Peter Hempel: Im Hier und Jetzt. Unterweisungen im Zen-Yoga. Leipzig 2002, S. 156