Der gelassene Mensch

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Der Mensch, der gelassen hat und gelassen ist und der niemals mehr nur einen Augenblick auf das sieht, was er gelassen hat, und beständig bleibt, unbewegt in sich selbst und unwandelbar, – der Mensch allein ist gelassen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in Predigt 13: Qui audit me (Eccli. 24,30)

Es hat für Myriaden Formen Raum und Licht…

Es hat für Myriaden Formen Raum und Licht,
Nur überlässt es denen sich wahrhaftig nicht,
Die es sich selbst als Eigengut erstreben
Und sich ihm selber nicht zu eigen geben.

Erst, wenn verzichtet wird auf eig‘nen Schein,
Kehrt das, was wirklich ist, im Menschen ein: –
Nur wer sich selbst zu leerem Raume weitet,
Findet sich ewig lichtem Leben zubereitet.

Bô Yin Râ (1876 – 1943) in: Mancherlei, Basel 1939

 

Aktuell erschienen in den Magischen Blättern, Frühjahr 2020. Mehr zu Bô Yin Râ, den Jacob-Böhme-Bund und die Magischen Blätter hier:  https://verlagmagischeblaetter.eu/

 

Der Urgrund ist ein ewig Nichts

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Der Urgrund ist ein ewig Nichts, und machet aber einen ewigen Anfang, als eine Sucht; denn das Nichts ist eine Sucht nach etwas: und da doch auch nichts ist, das etwas gebe; sondern die Sucht ist selber das Geben dessen, das doch auch nichts ist als bloß eine begehrende Sucht. Und das ist der ewige Verstand der Magiae, welche in sich machet, da nichts ist; sie machet aus nichts etwas, und das nur in sich selber, und da doch dieselbe Sucht auch ein Nichts ist, als nur bloß ein Wille. Er hat nichts, und ist auch nichts, das ihm etwas gebe, und hat auch keine Stätte, da er sich finde oder hinlege.

Jacob Böhme (1575 – 1624)

Von einer Welt des Unsichtbaren getragen

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Dass uns eine unsichtbare Welt umgibt, zu der wir mit unseren Sinnesorganen keinen Zugang haben, dass wir von einer Welt des Unsichtbaren getragen und umspült werden wie ein Ball, der auf den Wogen schwimmt, dass das Unsichtbare in unser Leben eintritt und uns beeinflusst, das ahnen und wissen wir, und das soll uns genügen

Alfred Döblin (1878 – 1957) in „Der unsterbliche Mensch“

Mehr zu Engeln, Mystik und Doing Nothing am 16. Februar 2020 beim Mystik-Sonntag in Köln: https://mystikaktuell.wordpress.com/2019/12/11/doing-nothing-engel-und-mystik-mystik-sonntag-am-16-februar-2020-herzliche-einladung/

Harald-Alexander Korp: Dem ruhigen Geist ist alles möglich – Mit Meister Eckhart lernen, im Hier und Jetzt zu sein / Buchtipp VI 2019

Harald-Alexander Korp

Dem ruhigen Geist ist alles möglich
Mit Meister Eckhart lernen, im Hier und Jetzt zu sein

Gütersloher Verlagshaus in der Verlagsgruppe Random House, 2019,

240 Seiten, ISBN: 978-3-579-01461-6, 2019, 20,00 €

 

„Meister Eckhart ist zu gut für historische Würdigung; er muss als Lebendiger auferstehen“. An diesen Satz aus Gustav Landauers Einleitung zu seiner Ausgabe von „Meister Eckharts Mystische Schriften“ musste ich sofort denken, als ich das Buch von Harald-Alexander Korp in die Hand bekam. Denn Korp lässt Meister Eckhart, „als Lebendigen auferstehen“, holt ihn in den Alltag und das Leben unserer Zeit.

Warum schreibt ein Mann heute über Meister Eckhart. Ein Blick in die Biographie des Autoren kann da Auskunft geben: Harald-Alexander Korp ist Religionswissenschaftler, Achtsamkeitstrainer, Sterbebegleiter, Humor-Coach. Der 1961 geborene bringt also alles mit, von einem zunächst spröde scheinenden Thema ein lebendiges, lehrreiches und anregendes Buch zu schreiben, das nicht nur informiert, sondern den Leser durch Übungen, Meditationshinweise, Kontemplations-Anregungen immer wieder in sein Hier und Jetzt holt.

Sein Buch beginnt im Berliner Kloster Meister Eckhart, das leider nicht mehr existiert. Anders als die Beschäftigung mit dem Mystiker. Und Korp zeigt auf, wie viele Interpretationen es zum Werk von Meister Eckhart gibt. Und er verweist auf den „Eckhartschen Vierklang“ aus Vernunft, Wahrnehmen, Sich lösen und der Gottesgeburt.

In einem zweiten Kapitel nimmt er den Leser mit in die Welt Meister Eckharts und weist auf die Kontakte hin, die er unterhielt. Oder er berichtet von den Menschen, über die er etwas wusste. Spannend seine Ausführungen zu den Brüdern und Schwestern des freien Geistes, die Beginen, Mechthild von Magdeburg und Margarete Porète. Er stellt aber auch die Frage danach, ob Eckhart wirklich ein Mystiker war. Bei allen möglichen Einschränkungen, wird dies von Korp bejaht.

Das dritte Kapitel ist den mystischen Wegen gewidmet, um die es bei Eckhart geht: Erkenntnis, Übung und Ethik. Für Meister Eckhart ist Erkenntnis der Schlüssel, Gott unverhüllt zu finden. Zu dem Weg gehören auch Übungen, die helfen sollen, Gedankenaktivitäten herunterzufahren oder in heilsamen Bildern zu verweilen. Das lässt Korp anhand konkreter Übungen sehr anschaulich und nachvollziehbar werden. Dazu gehören Stille, Beten, Bilder, Erfahrungen, aber auch spirituelle Krisen. Zu all dem hat Korp Hinweise und Anregungen. Und auch in dem Teil, wo es um Ethik geht, wird Korp konkret. Auch wenn Meister Eckhart nicht explizit Ethik formuliert hat, wird durch die von ihm aufgezeigte Haltung von Innenschau und Gelassenheit aktives Handeln ebenso möglich wie im Rückzug „Gutes“ zu tun. Wie aktuell das ist, lässt Korp z.B. durch Erich Fromms Hinweis auf die Existenzweisen von Haben und Sein deutlich werden.

Das Kapitel „Ein Licht, viele Farben“ weist auf die Verbindung von Meister Eckharts Lehre und andere Religionen hin. Hier greift Korp noch einmal den „Eckhartschen Vierklang“ auf und setzt ihn z.B. mit dem Buddhismus in Verbindung. Aber auch dem Islam der Sufis, wenn er Ibn Arabi oder Rumi zu Wort kommen lässt.

Dem Satz am Ende von Harald-Alexander Korps Buch ist nichts hinzuzufügen. Ja, so ist es:

„Eckharts Empfehlungen sind aktueller denn je, sie unterstützen uns, den Geist und die Seele zu beruhigen, gelassener zu werden und im Nu in Berührung mit dem Seelengrund zu gelangen. So kann das Göttliche in uns wohnen und wir sind öfter mal zuhause.“

© Werner A. Krebber

Alles beginnt mit der Sehnsucht

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Alles beginnt mit der Sehnsucht,
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres –
Das ist des Menschen Größe und Not:
Sehnsucht nach Stille, nach Freundschaft und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf –
Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott,
mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
Dich zu suchen,
und lass sie damit enden,
Dich gefunden zu haben.

Nelly Sachs (1891 – 1970)

Attribute Gottes

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Wie viele vom Schnee gehört aber ihn nicht gesehen haben, so sind da viele religiöse Prediger, die nur in Büchern von Gottes Attributen gelesen, aber sie nicht in ihrem Leben erfahren haben. Und wie viele den Schnee gesehen aber ihn nicht gekostet haben, so sind da viele religiöse Lehrer, die nur einen Blick der göttlichen Glorie erhascht aber ihr wahres Wesen nicht verstanden haben.

Wer den Schnee gekostet hat, kann sagen, wie er schmeckt. Wer die Gemeinschaft Gottes in verschiedenen Erscheinungen genossen hat, jetzt als Diener, jetzt als Freund, jetzt als Geliebter, oder als in ihm Versunkener, der allein kann sagen, welches die Attribute Gottes sind.

Ramakrishna (1833 – 1886)