Aufsteigen zum wahren Schauen Gottes

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Hesychia ist Stillesein des Geistes und der Welt, Vergessen des Niedrigen, geheimnisvolles Erkennen des Höheren, das Hingeben der Gedanken für etwas Besseres als sie selber sind. Das ist auch das wahre Tun, das Aufsteigen zum wahren Sehen und Schauen Gottes  …

…so schauen die, die ihr Herz durch solches heilige Schweigen gereinigt und sich auf unaussprechliche Weise mit dem alles Denken und Erkennen übersteigenden Lichte vereinigt haben, Gott in sich wie in einem Spiegel.

Mönch Wassilij (1900 – 1985) Kloster St. Pantaleimon / Athos in: Die asketische und theologische Lehre des hl. Gregorius Palamas (1296 – 1359), Würzburg 1939, S. 33

Junge Seele

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Wisset, meine Seele ist so jung,
wie da sie geschaffen ward,
ja, noch viel jünger!
Und wisset,
es sollte mich nicht wundern,
wenn meine Seele morgen
noch jünger wäre als heute!

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Gefunden habe ich diesen Text hier: Alois M. Haas / Thomas Binotto: Meister Eckhart – der Gottsucher. Aus der Ewigkeit ins Jetzt. Freiburg/Br. 2013

Innere Geschichte der Weltreligionen

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Wenn man die innere Geschichte der meisten Weltreligionen näher betrachtet, wird man herausfinden, dass jede von ihnen sich schnell in einen linken und rechten Flügel aufspaltete, das heißt, in die „Gipfler“, die Mystiker, die Transzendenten oder privat religiösen Menschen auf der einen Seite und auf der anderen in diejenigen, die kleine Holzstücke anbeten anstelle dessen, für das sie stehen, die Texte wörtlich nehmen und vergessen, wofür die Worte ursprünglich stehen und die, was vielleicht am bedeutsamsten ist, die Organisation, die Kirche als wichtigstes nehmen, wichtiger als den Propheten und seine ursprüngliche Offenbarung.

Abraham H. Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker. Wuppertal 2014, S. 76

Die Wahrheit dieser Welt

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Der Buddha realisierte Dhamma, und zwar den Dhamma, der ständig in der Welt vorhanden ist. Man kann ihn mit Grundwasser vergleichen, was permanent im Boden vorrätig ist. Wenn jemand einen Brunnen auszuheben wünscht, dann muss tief gegraben werden, um den Grundwasserspiegel zu erreichen. Das Grundwasser ist bereits vorhanden, man braucht es nicht zu erschaffen, sondern einfach nur zu entdecken. Auf ähnliche Weise hatte der Buddha den Dhamma nicht erfunden oder gar verfügt, sondern er offenbarte lediglich, was bereits vorhanden war. Der Buddha schaute Dhamma in innerer Betrachtung. Deshalb sagt man vom Buddha, dass er erleuchtet war, denn Erleuchtung bedeutet, Dhamma zu erkennen. Dhamma ist die Wahrheit dieser Welt. Seit Siddhattha Gotama dies erkannt hatte, wurde er als der „Buddha“ bezeichnet; und Dhamma ist das, dessen Erkenntnis es anderen Menschen möglich macht, ein Buddha zu werden.

Ajahn Chah (1918 – 1992)

Anmerkung: Dhamma im Pali oder Dharma im Sanskrit umfasst die Gesamtheit der religiösen und ethischen Pflichten und zeigt damit den Weg, auf dem man zum transzendentalen Bewusstsein, zum reinen geistigen Selbst-Sein kommt.

Weitersteigen und wissender werden

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Das lebendige Verweilen bei einem wirklichen Kunstwerk ist ein Eintreten in einen Tempel, ein Aufgerüttelt- und Erhobenwerden, in dem der Erlebende seiner eigenen Höhe nahegebracht wird, da eben das Kunstwerk aus der Höhe kommt. Dabei kann und wird es oft genug geschehen, daß der Lesende, der Hörende, der Sehende eines Tages entdeckt, daß er selbst weiterstieg und wissender wurde als ein Werk, welches ihn einstmals bedeutend aufwühlte, so daß er als geradezu leere Hülse weit hinter ihm liegt. Das Werk ist das Gleiche geblieben, aber er selber hat sich im Wandern gewandelt.

Hans Christoph Ade (1888 -1981). Die oben stehenden Zeilen entstammen seinem Beitrag „Miszelle“, die hier vollständig nachzulesen sind:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VIII
CII. JAHRGANG WINTER 2021/2022

Januar 2022: Sakralkunst

Mehr auch hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

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Befreiendes Lachen

Foto: privat

Das befreiende Lachen zu besitzen
und es vermitteln zu können,
ist eine besondere Gabe.
Es ist mir keine religiöse Form
der Menschheit bekannt,
die das Zwerchfell mehr strapaziert
als das Zen.

Fritz Hungerleider (1920 – 1998) in: Das Zen-Seminar. Ein Leitfaden für Übende und Lehrer. Wien/Freiburg/Basel 1976, S.52

Gottes Sein in ihm erhöht

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Wenn ich aber gesagt habe,
Gott sei kein Sein
und über dem Sein,
so habe ich nicht
das Sein abgesprochen,
vielmehr habe ich es
in ihm erhöht.

Nehme ich Kupfer im Golde,
so ist es dort (vorhanden )
und ist da in einer höheren Weise,
als es in sich selbst ist.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in: Predigt 9, Deutsche Werke I, S. 107

Warte bis du in dich selber blickst

Rumi / Bild: Archiv

Warte, bis du in dich selber blickst –
Erkenne, was dort wächst.
O Suchender.
Ein Blatt in diesem Garten
Bedeutet mehr als alle Blätter,
Die im Paradies du findest!

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 – 1273)

Vom Zeitlichen ins Ewige

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Als ob es die Toten gäbe!
Es gibt keine Toten,
es gibt nur Lebende –
auf unserer Erde
und im Jenseits.
Den Tod gibt es.
Aber er ist nur ein Moment,
ein Augenblick,
eine Sekunde,
ein Schritt:
der Schritt vom Vorläufigen
ins Endgültige,
der Schritt vom Zeitlichen
ins Ewige.

Michel Quoist (1921-1997)

Spiritueller Materialismus

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Solange wir einer spirituellen Sichtweise nachfolgen, die Erlösung, Wunder, Befreiung verspricht, sind wir mit der „goldenen Kette der Spiritualität“ festgebunden. Es könnte ganz schön sein, eine derartige Kette, mit ihren eingelegten Edelsteinen und verschlungenen Einkerbungen, zu tragen: aber trotzdem macht sie uns zu einem Gefangenen. Die Menschen glauben, sie können die goldene Kette als Schmuckstck tragen, ohne von ihr gefesselt zu werden, aber sie täuschen sich. Solange unsere Betrachtung von Spiritualität auf einer Bereicherung des Egos beruht, handelt es sich um spirituellen Materialismus, was eher ein selbstmörderischer als ein schöpferischer Prozess ist.

Chögyam Trungpa (1939 – 1987) in: Der Mythos Freiheit und der Weg der Meditation. Reinbek 2006, S. 19 – 20