Besiege dein Herz

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Du kannst auf dem Wasser gehen? Dann hast du nicht mehr zustande gebracht als ein Strohhalm. Du kannst durch die Lüfte fliegen? Dann hast du nicht mehr getan als eine Schmeißfliege. Besiege dein Herz. Dann wirst du vielleicht jemand werden.

Ansari von Herat (1006 – 1089)

Quelle unseres ganzen Lebens

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Das Bild Gottes ist essenziell und persönlich in allen Menschen vorhanden. Jeder besitzt es, ganz, vollständig und ungeteilt, und alle zusammen besitzen nicht mehr als einer allein. Auf dieser Weise sind wir alle Eins, innig vereint in unserem ewigen Bild, dem Bild Gottes, das die Quelle unseres ganzen Lebens in uns ist. Unser erschaffenes Wesen und unser Leben sind unmittelbar an diese Quelle gebunden, denn sie ist unsere ewige Ursache.

Jan van Ruysbroeck (1293 – 1381)

Such mich nirgends als in dir

Peter Paul Rubens stellte Teresa von Avila so dar / Quelle: wikimedia

Such mich nicht in weiter Ferne,
Da ich dir doch allzeit nahe!
Mir genügt dein Sehnsuchtsruf,
Und schon hast du mich gefunden.
Such mich nirgends als in dir!

Teresa von Avila (1515 – 1582)

In allen Dingen nichts als Gott

Dieses Wort, das ich gesprochen habe auf lateinisch, das schreibt Sankt Lukas in actibus über Sankt Paulus, und es lautet so: „Paulus stand auf von der Erde, und mit offenen Augen sah er nichts“ (Apg. 9, 8).

Mich dünkt, dass dies Wörtlein nichts vierfachen Sinn habe.

Der eine Sinn ist dieser: Als er aufstand von der Erde, sah er mit offenen Augen nichts, und dieses Nichts war Gott; denn, als er Gott sah, das nennt er ein Nichts.

Der zweite Sinn: Als er aufstand, da sah er nichts als Gott.

Der dritte: In allen Dingen sah er nichts als Gott.

Der vierte: Als er Gott sah, da sah er alle Dinge als ein Nichts.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in DW, Predigt 71, Surrexit autem Saulus de terra apertisque oculis nihil videbat (Act. 9,8)

Grundstürzende Erneuerung

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In Eckhart und seiner Schule hat sich nichts Geringeres vollzogen als die Geburt einer neuen Religion, eine völlige Umschöpfung des bisherigen christlichen Glaubens, zu der sich die lutherische Reformation verhält wie eine Erderschütterung zu einer geologischen Umbildung oder wie ein reinigendes und befruchtendes Gewitter zu einem irdischen Klimawechsel, der eine neue Fauna und Flora ins Leben ruft. Hätte diese Bewegung sich durchgesetzt, so wäre für Europa ein neues Weltalter angebrochen; sie ist aber von der Kirche unterdrückt worden, und dass dies so vollständig gelang, spricht weniger gegen die Kirche, die nur in ganz logischer Wahrung ihrer Interessen handelte, als gegen die europäische Menschheit, die offenbar für eine solche grundstürzende Erneuerung noch nicht reif war.

Egon Friedell (1878 – 1938) in: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1969, S. 162

Du bist wie ein kostbarer Edelstein

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Ein Bruder fragte den Altvater Poimen: „Es ist eine Verwirrung über mich gekommen: ich möchte diesen Platz verlassen.” Der Greis antwortete: „Aus welchem Grund?” Und jener sagte: „Weil ich von einem Bruder Reden hören muß, die mich nicht erbauen.” Und der Greis fragte: „Ist das wahr, was du gehört hast?” Er sagte ihm: „Ja, Vater, es ist wahr, denn der Bruder, von dem ich es vernahm, ist verläßlich.” Er entgegnete ihm: „Nein, er ist nicht verläßlich, der dir das sagte; denn wenn er verläßlich wäre, dann hätte er dir nie so etwas gesagt. Auch Gott glaubte nicht, als er das Geschrei der Sodomiter hörte, sondern stieg herab und sah mit seinen eigenen Augen” (Gen 18, 20). Darauf sagte jener: „Auch ich habe mich augenscheinlich überzeugt.”

Als der Greis das hörte, blickte er auf den Boden, nahm einen kleinen Splitter und fragte ihn: „Was ist das?” Jener antwortete: „Ein Splitter!” Darauf blickte der Greis an die Decke der Zelle und fragte ihn: „Was ist das?” Jener antwortete: „Es ist ein Balken, der das Dach trägt!” Da sagte der Alte: „Bewahre in deinem Herzen, daß deine Sünden so sind, wie dieser Balken; die Sünden jenes Bruders aber, von dem du sprachst, sind wie dieser kleine Splitter.” Als der Altvater Sisoes das hörte, ward er verwundert und sprach: „Wie kann ich dich genug selig preisen, Abbas Poimen? Wahrlich, du bist wie ein kostbarer Edelstein, so voller Gnade und Herrlichkeit sind deine Worte.”

Aus den Apophthegmata Patrum – Weisung der Väter. Übersetzung von Bonifaz Miller, Trier 1986

In dich selbst kehre zurück

Darstellung des Augustinus in der römischen Lateranbasilika / wikimedia, gemeinfrei

Geh nicht nach außen,
in dich selbst kehre zurück,
denn im inneren Menschen
wohnt die Wahrheit.
Und wenn du deine Natur
als wandelbar empfindest,
übersteige dich selbst.

Augustinus (354 – 430)

Kommunikation damit Stille eine Gnade sein kann

 

Thomas Merton in der Abtei Gethsemani | Bild: Archiv

 

Es muss genug Kommunikation geben, damit Stille eine Gnade sein kann. Diese Art von Stille erfordert eine tiefere Liebe, und bis diese Liebe entwickelt ist, hat es keinen Sinn, so zu tun, als ob die Liebe da wäre, wenn sie es nicht ist. Die Rechtfertigung der Stille in unserem Leben ist, dass wir einander lieben, um gemeinsam zu schweigen…
In der Tiefe des Gemeinschaftslebens erkennen wir die Gnade des gemeinsamen Schweigens, aber wir kommen nicht dazu, indem wir andere ausschließen oder als Objekte behandeln. Es geschieht allmählich, während wir lernen zu lieben…
Das Bedürfnis ist ein wahres Schweigen, das lebendig ist und eine liebende Gegenwart in sich trägt.

Thomas Merton (1915 – 1968) in: The Springs of Contemplation

Unseren unvoreingenommenen Seinszustand entdecken

Meditation gibt uns die Möglichkeit, uns im Mittleren Weg zu üben – darin, genau im Brennpunkt zu bleiben. Wir werden ermutigt, nichts von dem zu beurteilen, was in unserem Geist vor sich geht. Tatsächlich werden wir ermutigt, nach nichts von dem zu greifen, was in unserem Geist vor sich geht. Was wir gewöhnlich als gut oder schlecht klassifizieren, akzeptieren wir – ohne das ganze, üblicherweise mit richtig oder falsch einhergehende Drama -, einfach als Denken. Wir werden angewiesen, die Gedanken einfach kommen und gehen zu lassen, als berührten wir eine Seifenblase mit einem Federchen. Diese schlichte Disziplin bereitet uns darauf vor, mit dem Kämpfen aufzuhören und einen frischen, unvoreingenommenen Seinszustand zu entdecken.

Pema Chödrön / Deirdre Blomfield-Brown (* 1936) in: Wenn alles zusammenbricht. Hilfestellung für schwierige Zeiten. Hamburg 1998, S. 92-93