Erkenntnis ist ein Licht der Seele

Gedenktür für Meister Eckhart (1260 – 1328) in Erfurt

Noch gibt es eine andere Erklärungsweise und Belehrung für das, was unser Herr einen „edlen Menschen“ nennt. Man muß nämlich auch wissen, daß diejenigen, die Gott unverhüllt erkennen, mit ihm zugleich die Kreaturen erkennen; denn die Erkenntnis ist ein Licht der Seele, und alle Menschen begehren von Natur nach Erkenntnis, denn selbst böser Dinge Erkenntnis ist gut. Nun sagen die Meister: Wenn man die Kreatur in ihrem eigenen Wesen erkennt, so heißt das eine „Abenderkenntnis“, und da sieht man die Kreaturen in Bildern mannigfaltiger Unterschiedenheit; wenn man aber die Kreaturen in Gott erkennt, so heißt und ist das eine „Morgenerkenntnis“, und auf diese Weise schaut man die Kreaturen ohne alle Unterschiede und aller Bilder entbildet und aller Gleichheit entkleidet in dem Einen, das Gott selbst ist. Auch dies ist der „edle Mensch“, von dem unser Herr sagt: „Ein edler Mensch zog aus“, darum edel, weil er Eins ist und Gott und Kreatur im Einen erkennt.

Aus  Meister Eckharts Traktat „Vom Edlen Menschen“. In: Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate. Herausgegeben und übersetzt von Josef Quint. München 1963, 71995, S. 146

Vollkommenes Erwachen erlangen

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Aus Milch Butter zu gewinnen ist nur deswegen möglich, weil die Milch den Rahm schon enthält; dagegen hat niemand jemals Butter durch das Buttern von Wasser gewonnen. Ein Goldwäscher sucht dort nach Gold, wo Mineralien sind, und nicht zwischen Holzspänen. Dementsprechend ist das Bemühen, reines, vollkommenes Erwachen zu erlangen, nur deswegen sinnvoll, weil jedem Wesen die Natur des Erwachens bereits innewohnt. Ohne dies Natur wäre jegliches Bemühen unnütz.

Jamgön Kongtrull Lodrö Thaye (1813 – 1899)

Meditation ohne Erkenntnis…

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Meditation ohne Erkenntnis
mag zwar eine Zeit lang
wohltuend wirken;
verfehlt jedoch
ihr eigentliches Ziel.
Selbst wenn man Gold oder Silber
noch so sehr schmilzt:
Sobald das Feuer erlischt
verhärten sie wieder.

Gampopa (1079 – 1153)

Herz ist dein Name

Ramana Maharshi / Archiv

Niemand braucht zu suchen, wo seine Augen sitzen, wenn er sehen will. Das „Herz“ ist immer offen, wenn du wirklich hinein willst; es trägt alle Regungen und Bewegungen in dir, ohne dass du dessen gewahr wirst. Vielleicht sollte man lieber sagen: das Selbst ist das „Herz“ selber, als dass es „im Herzen“ sei. Fürwahr, das Selbst ist die Stätte und Mitte selber. Es ist immerdar seiner selbst inne als „Herz“, als Selbstgewahrsein. Darum habe ich gesagt: „Herz ist dein Name“.

Ramana Maharshi (1879 – 1950)

Laotse: Warnung vor dem Krieg

Wer nach dem SINN dem Menschenherrscher hilft,
zwingt nicht mit Waffen die Welt.
Seine Art ist es, den Rückzug zu lieben.
Wo Kämpfer geweilt, wachsen Disteln und Dornen.
Hinter den großen Heeren her kommt sicher böse Zeit.
Der Tüchtige will Entscheidung und nichts mehr.
Er wagt nicht Eroberung mit Gewalt.
Entscheidung, ohne sich zu brüsten,
Entscheidung, ohne sich zu rühmen,
Entscheidung, ohne stolz zu sein,
Entscheidung, weil’s nicht anders geht,
Entscheidung, ferne von Gewalt.

Sind die Geschöpfe stark geworden, altern sie.
Denn das ist Wider-SINN.
Und Wider-SINN ist nah dem Ende.

Laotse (ca. 6. Jh. v.u.Z.) in: Tao Te King. Das Buch des Alten vom Sinn und Leben. Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm. Jena 1911, S. 32

Steter Fleiß im geistigen Wachstum

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Der Mensch soll niemals ein Werk so wohlberaten und rechtgetan glauben, um nicht so unbekümmert und selbstsicher in seinem Tun zu werden, daß seine Vernunft etwa müßig werden oder einschlafen könnte. Er soll sich stets mit den zwei Kräften, der Vernunft und dem Willen, erheben und sein Bestes in ihrer höchsten Auswirkung suchen und wider allen Schaden, außen und innen, weise sich sichern. So vernachlässigt er niemals etwas in irgendwelchen Dingen, sondern er nimmt mächtig zu ohne Unterlaß.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seinen „Reden der Unterweisung“

Des Wassers Güte ist es allen Wesen zu nützen

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Höchste Güte ist wie das Wasser.
Des Wassers Güte ist es, allen Wesen zu nützen ohne Streit. Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten. Drum steht es nahe dem SINN.

Beim Wohnen zeigt sich die Güte an dem Platze.
Beim Denken zeigt sich die Güte in der Tiefe.
Beim Schenken zeigt sich die Güte in der Liebe.
Beim Reden zeigt sich die Güte in der Wahrheit.
Beim Walten zeigt sich die Güte in der Ordnung.
Beim Wirken zeigt sich die Güte im Können.
Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der rechten Zeit.

Wer sich nicht selbst behauptet, bleibt eben dadurch frei von Tadel.

Tao Te King, 8. Kapitel: DAS WESEN DER BEWEGLICHKEIT