Tu deine Augen auf, gehe zu einem Baum und besinne dich

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Tu deine Augen auf
und gehe zu einem Baum
und siehe den an
und besinne dich.

Jakob Böhme (1575–1624)

Aurora oder Morgenröte im Aufgang. Das 9. Kapitel: Von der holdseligen, freundlichen und barmherzigen Liebe Gottes – Die große himmlische und göttliche Geheimnis / http://12koerbe.de/lapsitexillis/aur-9.htm

Eintritt in die Mystik

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Das tiefere Selbst, das zu tief liegt für die Überlegung und Zergliederung, wird frei und versinkt im Abgrund göttlicher Freiheit und göttlichen Friedens. Nun bleibt keine Anspielung mehr auf das, was in uns, noch weniger auf das, was um uns geschieht. Wir stehen zu tief unter der Oberfläche, auf der die Überlegung vor sich ging.

Thomas Merton (1915 – 1968)

Tao Te King: Von allen tiefen Quellen das reinste Wasser

… Ich wollte ein Buch des Weges,
das für einen heutigen, unklugen,
unmächtigen und vielleicht
nicht männlichen Leser zugänglich ist,
der nicht auf der Suche
nach esoterischen Geheimnissen ist,
sondern auf eine Stimme hört,
die zur Seele spricht.
Ich möchte, dass dieser Leser erkennt,
warum die Menschen das Buch
seit fünfundzwanzig Jahrhunderten lieben.

… Es ist der liebenswerteste
aller großen religiösen Texte,
witzig, scharfsinnig,
gütig, bescheiden,
unzerstörbar empörend
und unerschöpflich erfrischend.

Von allen tiefen Quellen
ist dies das reinste Wasser.
Für mich ist es auch die tiefste Quelle.

Ursula K. Le Guin (1929 – 2018) in ihrer Einleitung über das „Tao Te King“, das ihr zuerst in der Ausgabe von Paul Carus von 1898 vorlag

Lao Tzu: Tao Te Ching. A Book about the Way and the Power of the Way. A New English Version bei Ursula K. Le Guin with the Collaboration of J.P. Seaton, Professor of Chinese, Shambala Boston & London, 2011

Gewißheit des Nichtwissens und Nichtwollens

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Nun hat diese Seele ihren richtigen Namen, spricht die Liebe, vom Nichts, in dem sie verbleibt. Und da sie nichts ist, macht sie sich aus nichts etwas, weder aus ihren Nächsten noch aus Gott selbst. Denn sie ist so winzig, dass sie sich selbst nicht aufzufinden vermag. Und alle geschaffenen Dinge sind ihr so weit entfernt, dass sie sie nicht mehr empfindet. Und Gott ist so groß, dass sie von ihm nichts zu erfassen vermag. Und wegen dieses sogearteten Nichts ist sie in die Gewißheit des Nichtwissens und in die Gewißheit des Nichtwollens gestürzt.

Die Begine Marguerite Porete (1250/1260 – 1. Juni 1310) in: Der Spiegel der einfachen Seelen. Zürich/München 1987, S. 125

Steter Fleiß im geistigen Wachstum

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Der Mensch soll niemals ein Werk so wohlberaten und rechtgetan glauben, um nicht so unbekümmert und selbstsicher in seinem Tun zu werden, daß seine Vernunft etwa müßig werden oder einschlafen könnte. Er soll sich stets mit den zwei Kräften, der Vernunft und dem Willen, erheben und sein Bestes in ihrer höchsten Auswirkung suchen und wider allen Schaden, außen und innen, weise sich sichern. So vernachlässigt er niemals etwas in irgendwelchen Dingen, sondern er nimmt mächtig zu ohne Unterlaß.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seinen „Reden der Unterweisung“

Mit Geschriebenem nichts zu tun

Eine Nonne rezierte in einem fort das Nirvana-Sutra. Der Patriarch Huineng hörte ihr eine Zeit lang zu und erklärte ihr den tiefen Sinn des Textes. Nun bat ihn die Nonne, ihr auch einige Wörter im Text zu erklären. Sie nahm das Buch und hielt es dem Patriarchen hin.

„Wenn Ihr wollt, daß ich Euch den Sinn kundtue, das kann ich“, sagte der Patriarch zu der Nonne. „Lesen aber kann ich nicht.“

„Wenn Ihr nicht einmal lesen könnt, wie wollt Ihr mir da den Sinn erklären?“, erwiderte überascht die Nonne.

„Die tiefe Weisheit Buddhas hat mit Geschriebenem nichts zu tun“, gab der Patriarch ihr zur Antwort.

Zen-Geschichte

Im Garten deines Herzens

Fresko mit Katharina von Siena / wikipedia gemeinfrei

Wir waren eingeschlossen,
oh ewiger Vater,
im Garten deines Herzens.
Du hast uns aus deinem heiligen Geist herausgezogen
wie eine Blume
die mit den drei Kräften unserer Seele erblüht,
und in jede Kraft
hast du die ganze Pflanze gesetzt,
damit sie in deinem Garten Früchte tragen,
damit sie zu dir zurückkehren
mit den Früchten, die du ihnen gegeben hast.
Und du würdest zu der Seele zurückkommen,
um sie mit deiner Glückseligkeit zu erfüllen.
Dort verweilt die Seele –
wie der Fisch im Meer
und das Meer in den Fischen.

Katharina von Siena (1347 – 1380)