Mit Geschriebenem nichts zu tun

Eine Nonne rezierte in einem fort das Nirvana-Sutra. Der Patriarch Huineng hörte ihr eine Zeit lang zu und erklärte ihr den tiefen Sinn des Textes. Nun bat ihn die Nonne, ihr auch einige Wörter im Text zu erklären. Sie nahm das Buch und hielt es dem Patriarchen hin.

„Wenn Ihr wollt, daß ich Euch den Sinn kundtue, das kann ich“, sagte der Patriarch zu der Nonne. „Lesen aber kann ich nicht.“

„Wenn Ihr nicht einmal lesen könnt, wie wollt Ihr mir da den Sinn erklären?“, erwiderte überascht die Nonne.

„Die tiefe Weisheit Buddhas hat mit Geschriebenem nichts zu tun“, gab der Patriarch ihr zur Antwort.

Zen-Geschichte

Im Garten deines Herzens

Fresko mit Katharina von Siena / wikipedia gemeinfrei

Wir waren eingeschlossen,
oh ewiger Vater,
im Garten deines Herzens.
Du hast uns aus deinem heiligen Geist herausgezogen
wie eine Blume
die mit den drei Kräften unserer Seele erblüht,
und in jede Kraft
hast du die ganze Pflanze gesetzt,
damit sie in deinem Garten Früchte tragen,
damit sie zu dir zurückkehren
mit den Früchten, die du ihnen gegeben hast.
Und du würdest zu der Seele zurückkommen,
um sie mit deiner Glückseligkeit zu erfüllen.
Dort verweilt die Seele –
wie der Fisch im Meer
und das Meer in den Fischen.

Katharina von Siena (1347 – 1380)

Von Herz zu Herz

Foto: Marlies Schwochow +

Was sind die Mittel und Wege, deren sich der Zen-Meister bedient, um den Schüler zur Erfahrung des Seins hinzuführen? Die Lehre ist das Entscheidende nicht. Die übergreifende Antwort lautet: Es gibt nur die Mitteilung von Herz zu Herz, von Wesen zu Wesen, vom Sein, das ich im Grunde b i n, zum Sein, das auch der andere in seinem Wesen i s t.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988)

Woher wir kommen wo wir sind und wohin wir gehen

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Die Selbsterkenntnis lehrt uns,
woher wir kommen,
wo wir sind und wohin wir gehen.
Wir kommen von Gott
und sind in der Verbannung.
Und da die Kraft unserer Liebe
uns zu Gott zieht,
sind wir uns dieser Verbannung bewusst.

Jan van Ruysbroek (1293–1381)

Wissende Unwissenheit ~ begreifliche Unbegreiflichkeit

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Die mystische Theologie führt zum Leerwerden und ins Schweigen, worin uns die Schau des unsichtbaren Gottes zuteil wird.

Die absolute Wahrheit ist nicht begreiflich. Wenn man daher auf irgendeine Weise zu ihr gelangen soll, ist es notwendig, dass dies durch eine unbegreifliche Einsicht gleichsam auf dem Weg einer Entrückung im Augenblick geschieht. So wie wir mit unserem leiblichen Auge die Klarheit der Sonne auf unbegreifliche Weise nur für einen Augenblick schauen können. Das ist nicht deshalb so, weil die Sonne nicht am allermeisten sichtbar wäre, wenn sie ihr Licht mit der ihr eigenen Kraft ins Auge dringen lässt, sondern weil sie wegen ihrer außerordentlichen Sichtbarkeit begreiflicherweise unsichtbar ist. Ebenso ist Gott, der die Wahrheit ist, die der Gegenstand der Einsicht ist, am meisten einsichtig und wegen seiner überragenden Einsichtigkeit uneinsichtig.

Daher bleibt allein die wissende Unwissenheit oder die begreifliche Unbegreiflichkeit der wahre und eigentliche Weg, um diese zu übersteigen.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464) in seiner „Verteidigung der wissenden Unwissenheit“

Worte göttlichen Ursprungs

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Fünf Züge, die Worte göttlichen Ursprunges von anderen unterscheiden

Göttliche Auditionen drücken ihren Sinn so klar aus und machen auf das Gedächtnis einen so tiefen Eindruck, daß man nicht die kleinste Silbe vergessen kann; wohingegen die, die aus unserer Einbildungskraft stammen, in keiner Weise diese Klarheit besitzen. Sie erinnern irgendwie an Worte, die man im Traume gehört hat.

Sie werden oft vernommen, wenn wir gar nicht an den Gegenstand, auf den sie sich beziehen, denken; und manchmal sogar, wenn wir uns über andere Sachen unterhalten. Außerdem können sie sich auf Ideen beziehen, die unseren Geist nur kreuzen, oder auf schon vergangene Ideen, oder auf Sachen, an die wir nie gedacht haben.

Die Seele hört den von Gott kommenden Worten nur zu, während sie selbst die aus der Einbildung kommenden bildet.

Eine einzige dieser göttlichen Äußerungen drückt in ein paar Worten aus, was unser Geist nur in vielen ausdrücken könnte.

Göttliche Worte besitzen (auf eine Weise, die zu beschreiben sie nicht imstande ist) mehrere Bedeutungen außer der durch ihren Klang ausgedrückten.

James H. Leuba (1868 – 1946) fasst die Aussagen der Teresa von Avila (1515 – 1582) aus „Die innere Burg“ (Die sechste Wohnung, Drittes Kapitel) in seinem Buch „Die Psychologie der Religiösen Mystik“, Berlin / Heidelberg 1927 wie oben beschrieben zusammen.