Zu welchem Ufer willst du gelangen mein Herz?

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Zu welchem Ufer
willst du gelangen, mein Herz?
Es gibt keinen Weg
und niemand, der dir vorangeht.
was heißt schon Kommen und Gehen?
An jenem Ufer
kein Boot und kein Fährmann
das Boot zu verankern.
Da gibt es weder Himmel noch Erde,
weder Zeit noch irgendein Ding,
kein Ufer und keine Küste.
Bedenke es wohl, mein Herz!
Gehe nicht anderswohin.

Kabir (1440 – 1518)

O mein gott vnd mein herr…

Detail aus der Bruder Klaus-Kapelle in Mechernich/Eifel ~ Foto: © wak

O mein gott vnd mein herr,
nym mich mir,
vnd gib mich gantz zw aygen dir.

O mein gott vnd mein herr,
nym von mir alles
das mich hindert gegen dir.

O mein gott vnd mein herr,
gib mir alles,
das mich fürdert zw dir.  Amen.

 

Gebet des Bruder Klaus (1417 – 1487). Diese Version des Textes stammt aus einem Prager Manuskript des 15./16. Jahrhundert. Gefunden habe ich sie hier: http://www.con-spiration.de/german/klaus.html

Hoffnung, Vertrauen, Zuversicht

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Wahre und vollkommene Liebe soll man daran erkennen, ob man große Hoffnung und Zuversicht zu Gott hat; denn es gibt nichts, woran man besser erkennen kann, ob man ganze Liebe hat, als Vertrauen.

Denn wenn einer den anderen innig und vollkommen liebt, so schafft das Vertrauen; denn alles, worauf man bei Gott zu vertrauen wagt, das findet man wahrhaft in ihm und tausendmal mehr. Und wie ein Mensch Gott nie zu sehr lieb haben kann, so könnte ihm auch nie ein Mensch zu viel vertrauen. Alles, was man sonst auch tun mag, ist nicht so förderlich wie großes Vertrauen zu Gott.

Bei allen, die je große Zuversicht zu ihm gewannen, unterließ er es nie, große Dinge mit ihnen zu wirken. An allen diesen Menschen hat er ganz deutlich gemacht, dass dieses Vertrauen aus der Liebe kommt; denn die Liebe hat nicht nur Vertrauen, sondern sie besitzt auch ein wahres Wissen und eine zweifelsfreie Sicherheit.

Meister Eckhart (1260 – 1328) In: Reden der Unterweisung. 14: Von der wahren Zuversicht und von der Hoffnung

Blicke wenigstens von Zeit zu Zeit zu Gott auf

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Hast du nur gewöhnliche Beschäftigungen, die keine gesammelte Aufmerksamkeit verlangen, dann schau mehr auf Gott als auf deine Arbeit. Hast du aber eine Arbeit, die deine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, dann blicke wenigstens von Zeit zu Zeit zu Gott auf, gleich dem Seemann auf offenem Meer: um seine Richtung einzuhalten, schaut er mehr auf den Himmel als auf das Wasser, auf dem er dahinfahrt. So wird Gott mit dir, in dir und für dich arbeiten, und deine Arbeit wird dir Freude bereiten.

Franz von Sales (1567 -1622)

 

Uns mit seiner Fülle erfüllen

Thomas Merton | Bild: Archiv

Damit wir Gott zu erkennen und zu lieben vermögen, wie er ist, muss er auf eine neue Art in uns wohnen, nicht nur in seiner Schöpferkraft, sondern auch in seiner Erbarmung, nicht nur in seiner Größe, sondern auch in seiner Klarheit, durch die er sich leer macht und zu uns hinuntersteigt, um in unserer Leere leer zu sein und uns so mit seiner Fülle zu erfüllen. So überbrückt Gott den unendlichen Abstand zwischen sich und den Geistwesen, die geschaffen sind, ihn zu lieben, durch übernatürliche Mitteilung seines eigenen Lebens. Der Vater, der in der Tiefe aller Dinge und in meinen eigenen Tiefen wohnt, teilt mir sein Wort und seinen Geist mit, und in dieser Teilnahme werde ich in sein eigenes Leben einbezogen und erkenne Gott in seiner Liebe.

Thomas Merton (1915 – 1968) in: Verheißungen der Stille. Luzern-Stuttgart 1963

 

Allhier ist Gott im Geist eins

 

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Ein großer Meister sagt, sein Münden stünde höher als sein Entspringen. Als ich aus Gott entsprang, da sprachen alle Dinge: Gott ist (da). Nun kann mich das nicht selig machen, denn hier erkenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden, wo ich ledig stehen will im Willen Gottes und ledig stehen des Willens Gottes und aller seiner Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, sondern ich bin was ich war und was ich bleiben soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen Ruck, der mich über alle Engel schwingen soll. Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir wird in diesem Münden zuteil, dass ich und Gott eins sind. Da bin ich was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ur-Sache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, was (dass) er ewiglich gewesen ist und immer bleiben soll. Allhier ist Gott im Geist eins, und das ist die tiefste Armut, die man finden kann.

Meister Eckharts mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. München 21920, S 73 – 74 (In Klammern Textversion der ersten Auflage 1903. Die zweite Ausgabe wurde  von Martin Buber bearbeitet und neu herausgegeben)

Ein wirklicher Künstler erkennt das Packende

 

Die Wissenden, die Erkennenden, die vielseitig Gebildeten müssen die Initiative des Lehrens ergreifen. Und da, wie wir gesehen haben, das Reden mit den Künstlern nicht hilft und sie das Geschriebene nicht lesen, so muss man zur Anschauung greifen.

Mag einer noch so verrannt in eine Manier sein, sei das Plein-air oder Symbolismus oder Impressionismus oder Empirestil: ein wirklicher Künstler, und es giebt deren, Gott sei Dank, viele, erkennt doch sofort das Starke, das überzeugend Packende in einer Arbeit, und mag sie aus der Steinzeit datieren oder aus den sechziger Jahren, und durch das Hineinleuchten in das Dunkle einer zu grossen Einseitigkeit können manche Grillen aufgescheucht werden.

Hermann Obrist, Warum über die Kunst schreiben?

Zuerst erschienen in: Dekorative Kunst, Zeitschrift für angewandte Kunst III. Jahrgang No 5,
Verlagsanstalt F. Bruckmann AG München Februar 1900

Der vollständige Text erschien hier:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 7 | August 2020 | TITELTHEMA: KUNST

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Befreier der Menschheit

Diejenigen, die an der Quelle bleiben, sind weise; diejenigen, die wieder zur Welt zurückkehren, um das kostbare Elixier mit anderen zu teilen, sind die schöpferischen Geistesmenschen; aber diejenigen, welche selbst zu Gefäßen werden und sich der Welt opfern, sind die Mitleidsvollen, die Befreier der Menschheit, die Erleuchteten.

Lama Anagarika Govinda – Schöpferische Meditation und Multidimensionales Bewusstsein, 178 f., Aurum-Verlag, Breisgau, 1977

 

Jetzt aktuell nachzulesen in: Magische Blätter. Monatsschrift für geistige Lebensgestaltung.CI. Jahrgang, Juni 2020, Heft 5, S. 162-163

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