Bei Gott Gehör finden

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Und warum dringt es bis zum Himmel, dieses kleine, kurze Gebet; bestehend aus nur einer Silbe? Sicher deshalb, weil es im ganzen, ungeteilten Geist, in seiner Höhe, Tiefe, Länge und Breite gebetet wird. In der Höhe des Geistes entsteht das Gebet, weil es mit der ganzen Kraft des Geistes geschieht; zugleich ist es aber auch in der Tiefe des Geistes, weil in dieser kleinen Silbe alle geistigen Sinne enthalten sind; in der Länge des Geistes ist es, denn was der Mensch auch sonst dabei empfindet, schreit er doch immer auf die eine, gleiche Weise; in der Breite des Geistes ist das Gebet, weil der Mensch für alle anderen das gleiche wie für sich selbst will. In diesem Augenblick hat die Seele wie vor ihr alle Heiligen die Rede des Heiligen Paulus von der Länge und Breite, der Höhe und Tiefe des ewigen, allliebenden, allmächtigen und allwissenden Gottes begriffen, zwar noch nicht vollständig, aber doch zum Teil und prinzipiell, wie es diesem von uns beschriebenen Werk entspricht. Gottes Ewigkeit ist Seine Länge, die Liebe Seine Breite, die Macht Seine Höhe und die Weisheit Seine Tiefe. Kein Wunder, daß die Seele, die so sehr durch göttliche Gnade dem Urbild Gottes, ihres Schöpfers, gleichgestaltet ist, bei Gott bald Gehör findet.

Die Wolke des Nichtwissens (14. Jh.), Kapitel 38

Gott kann geliebt aber nicht gedacht werden

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Jetzt wirst du mich fragen: „Wie soll ich an Ihn denken, und was ist Er?“ Darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es auch nicht. Denn du hast mich mit deiner Frage in die gleiche Dunkelheit und in die gleiche Wolke des Nichtwissens versetzt, in der ich dich selbst gern sähe. Denn alle anderen Geschöpfe und ihre Werke ja sogar die Werke Gottes selbst kann man durch Gnade zur Gänze erkennen, und es ist gut möglich, sich mit ihnen in Gedanken zu beschäftigen. Aber Gott selbst kann kein Mensch gedanklich erfassen. Und daher will ich alles, was ich denken kann, hinter mir lassen und zum Gegenstand meiner Liebe das erwählen, das nicht gedacht werden kann. Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden. Von der Liebe läßt er sich fassen und halten, vom Intellekt jedoch nicht. Und wenn es darum auch zuweilen gut ist, an die Güte und Erhabenheit Gottes im besonderen zu denken und wenn das auch den Geist erleuchtet und einen Teil der mystischen Kontemplation bildet, müssen doch solche Gedanken bei diesem Werk abgeworfen und mit einer Wolke des Vergessens bedeckt werden.

Wolke des Nichtwissens, 14. Jahrhundert, Kapitel 6

Kunst ist Wahrnehmungsarbeit

Ein so gereiftes Werk wirkt als Seelennahrung, als Heilmittel. Es wird eine aus zweckfreier Schönheit und kraft­voller Harmonie gebildete Manifestation in der Welt sein, in der sich tiefste Sehnsucht und höchstes Potenzial verbinden.

Der Künstler hat die paradoxe Aufgabe,

das Nichtsagbare zur Sprache zu bringen,

das Unhörbare hörbar zu machen,

das Unsichtbare ins Sichtbare zu heben.

Sein Scheitern ist gewiss,

doch möglicherweise nicht vergeblich.

Kunst, wie ich sie bejahe, ist Wahrnehmungsarbeit.

Sie nährt den (inneren) Menschen, durchleuchtet verworrene Zu­sammenhänge und öffnet jene kostbaren Bereiche, aus denen Lebenssinn und Existenzfreude stammen. Auch wenn diese Durchlichtungsarbeit in der Wüste, in übervölkerten Städten, einsamen Höhlen oder abgelegenen Dörfern schaffend oder betrachtend geschieht, wirkt sie doch unmittelbar gestaltend auf das menschliche Resonanzfeld ein. Die Essenz davon erreicht uns mit unerklärlicher Leichtigkeit – jenseits des Beweisbaren und doch mit absoluter Sicherheit – als leise Hoffnung, frischer Mut und freier, schöpferischer Impuls.

Der vollständige Text von Alfred Bast zu AY kann hier gelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER

CII. Jahrgang, HERBST 2021, Heft 8, August 2021

Thema: ÜBER DAS BILD

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Mehr Informationen zu seiner Arbeit finden sich hier: www.alfred-bast.de

Lass Gott in dir wirken

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Lass Gott in dir wirken, ihm erkenne das Werk zu, und kümmere dich nicht darum, ob er mit der Natur oder übernatür­lich wirke; beides ist sein: Natur wie Gnade. Was geht‘s dich an, womit zu wirken ihm füglich ist oder was er wirke in dir oder in einem andern? Er soll wirken, wie oder wo oder in welcher Weise es ihm passt.

Ein Mann hätte gern einen Quell in seinen Garten geleitet und sprach: „Dafern mir nur das Wasser zuteil würde, so achtete ich gar nicht darauf, welcher Art die Rinne wäre, durch die es mir zuflösse, ob eisern, hölzern, knöchern oder rostig, wenn mir nur das Wasser zuteil würde“. So machen‘s die ganz verkehrt, die sich darum sorgen, wodurch Gott seine Werke in dir wirke, ob es Natur sei oder Gnade. Lass ihn dabei (nur allein) wirken, und habe du nur Frieden.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in: Reden der Unterweisung 23, „Von den inneren und äußeren Werken“

Dem Heiligen Geist einen Platz geben

Bild: Archiv

Das sind die wahren Armen im Geist. Sie erfüllt der Heilige Geist; er stürmt in ihre Seelen, er gießt all seinen Reichtum über den Menschen aus, überschüttet ihn mit seinem Schatz, den inneren wie den äußeren Menschen, seine inneren und seine äußeren Kräfte, die oberen und die niederen. Und des Menschen Tun besteht hier darin, daß er sich bereiten lasse, und dem Heiligen Geist eine Stätte und einen Platz gebe, damit er sein Werk in ihm vollenden könne.

Johannes Tauler (1300 – 1361), Predigt 25

Das Schweigen der Engel

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Das Schweigen der Engel ist ein durch und durch tätiges Schweigen. Sie wenden sich an uns, ohne Worte, durch ihre Tat, durch Ereignisse, Geschehnisse und Erfahrungen. Der Regen, der gleichförmig über dem Wasserspiegel eines Sees niedergeht, kann so voller Engel sein wie kein noch so kompaktes theologisches Werk.

Andrei Plesu (*1948)

Das Buch des Wesens aller Wesen

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Also habe ich nun geschrieben, nicht von Menschen-Lehre oder Wissenschaft aus Bücher-Lernen, sondern aus meinem eigenen Buche, das in mir eröffnet ward. Denn das Buch der edlen Bildnis – das Ebenbild Gottes – ward mir vergönnet zu lesen. Mein Buch hat nur drei Blätter. Das sind die drei Principia der Ewigkeit. Darinnen kann ich alles finden. Ich kann der Welt Grund und alle Heimlichkeit darinnen finden. Ich bedarf kein ander Buch dazu. Dann das Buch, da alle Heimlichkeit innen lieget, ist der Mensch selber: Er ist selber das Buch des Wesens aller Wesen, dieweilen er die Gleichnis der Gottheit ist; das grosse Arcanum lieget in ihme, allein das Offenbaren gehöret dem Geiste Gottes. Gott hat meine Seele in eine wunderliche Schule geführet, und ich kann mir in Wahrheit nichts zumessen, dass meine Ichheit etwas wäre oder verstünde. Denn das Werk meiner Arbeit ist nicht mein, ich habe es nur nach dem Maß, als mir es vom Herrn vergönnet wird. Ich bin nur sein Werkzeug, mit dem Er tut, was Er will.“

Jacob Böhme (1575 – 1624) in:, „Theosophische Sendbriefe“, Kap. 12 u. 20

Texte aus der Langen Nacht über Jacob Böhme von Ronald Steckel sind hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

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Nicht fürchten sondern transformieren

Porträtskizze zu Jakob Böhme

Für mich lässt sich die Bedeutung von Böhmes Werk sowohl auf der makrokosmischen als auch auf der mikrokosmischen Ebene zusammenfassen mit seiner tiefen Einsicht, dass Wille, Begehren, Schmerz und Qual die Rohmaterialien sind, aus denen etwas Starkes und Mächtiges bewirkt wird. Gott ist Liebe, sicherlich, aber die Liebe selbst ist das triumphierende Ergebnis eines Prozesses, dessen ewige, verborgene Bausteine in Begehren, Schmerz und Qual zu finden sind. Daher müssen diese Dinge in meinem Leben nicht gefürchtet oder geleugnet, sondern transformiert werden.

Cynthia Bourgeault (*1947) Eine Einführung in die Kosmologie des Jakob Böhme

Der komplette Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH V
CII. JAHRGANG FRÜHJAHR 2021

HEFT 2 | Februar 2021
TITELTHEMA: Jacob Böhme (2)

gebunden. ISBN 978-3-948594-06-0 – 20,00 €

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Er gebiert seinen Sohn völlig neu und frisch

Foto: © wak

Wenn man mich fragte, was Gott im Himmel täte, ich würde sagen: er  gebiert seinen Sohn und gebiert ihn völlig neu und frisch und hat so große Lust an diesem Tun, dass er sonst nichts tut, als dass er dieses Werk wirkt. Darum sagt er: „ Seht, ich“. Wer da „ich“ sagt, der muss das Werk aufs beste leisten. Niemand kann dieses Wort im eigentlichen Sinne aussprechen als der Vater. Das Werk ist ihm so eigen, dass niemand als der Vater es zu wirken vermag. In diesem Werke wirkt Gott alle seine Werke, und der Heilige Geist hängt darin und alle Kreaturen, denn Gott wirkt dieses Werk, das seine Geburt ist, in der Seele; seine Geburt ist sein Werk, und die Geburt ist der Sohn. Dieses Werk wirkt Gott im Innersten der Seele…

Meister Eckhart (1260 – 1328) in Predigt 31, „Ecce ego mitto angelum meum etc.“ (Mal. 3, 1 f. ) In: Deutsche Werke, Frankfurt/M. 1993, Band 1, S. 349 – 351

Bild der Welt und Idee Gottes

Otto Engelhardt-Kyffhäuser, Bildnis Jacob Böhmes, 1924, nach einer alten Zeichnung

Das endende 18. Jahrhundert, dem die Romantik den Charakter gab, hat dann Böhme neu entdeckt und erst ganz eigentlich gesehen. Keiner unserer großen deutschen Romantiker blieb seinem Werk fremd. …

… Welchen Rang Novalis dem Denker zuerkennt, geht etwa daraus hervor, daß er Goethe preist als „den Böhme von Weimar“. Von hier geht er zu Friedrich Schlegel, der ihn ebenso wie Schleiermacher neben Spinoza nennt. Gegenüber Schleiermachers Art aber erkennt Friedrich Schlegel nach seinem Durchgang durch die bildlose Welt der „Reden über die Religion“ in seiner „Rede über die Mythologie“ den mythischen Grundzug der Weltdeutung Böhmes, ohne im einzelnen zu Böhme Stellung zu nehmen. …

… Als ein Mittelgebilde zwischen Dichtung, Offenbarung und Denken, als einen bezeichnenden Ausdruck seines Volkes und seiner Zeit steht uns Böhmes Werk, das größte des deutschen Barock, da. In ihm ereignet sich zum ersten Mal der Versuch der neuen deutschen Seele, sich geistigen Ausdruck zu schaffen in einem Bild der Welt und einer Idee Gottes.

Paul Hankamer (1891 – 1945) in der „Einführung zu ‚Das Böhme-Lesebuch‘“

Der vollständige Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

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