Kommunikation damit Stille eine Gnade sein kann

 

Thomas Merton in der Abtei Gethsemani | Bild: Archiv

 

Es muss genug Kommunikation geben, damit Stille eine Gnade sein kann. Diese Art von Stille erfordert eine tiefere Liebe, und bis diese Liebe entwickelt ist, hat es keinen Sinn, so zu tun, als ob die Liebe da wäre, wenn sie es nicht ist. Die Rechtfertigung der Stille in unserem Leben ist, dass wir einander lieben, um gemeinsam zu schweigen…
In der Tiefe des Gemeinschaftslebens erkennen wir die Gnade des gemeinsamen Schweigens, aber wir kommen nicht dazu, indem wir andere ausschließen oder als Objekte behandeln. Es geschieht allmählich, während wir lernen zu lieben…
Das Bedürfnis ist ein wahres Schweigen, das lebendig ist und eine liebende Gegenwart in sich trägt.

Thomas Merton (1915 – 1968) in: The Springs of Contemplation

Den Geist in der Jetztheit ruhen lassen

Foto: © wak

 

Um in den Seinszustand des kosmischen Spiegels einzutreten, brauchen wir uns nur zu entspannen. Entspannung hat hier natürlich nicht, wie in der Sonnenuntergangswelt, mit Herumhängen oder Freizeit oder Amüsement zu tun. Wir meinen mit diesem Ausdruck Entspannung des Geistes. Loslassen von den Ängsten, Vorstellungen und Depressionen, die uns normalerweise in Atem halten. Die Praxis der Meditation ist das Mittel, den Geist zu entspannen oder in der Jetztheit ruhen zu lassen.

Chögyam Trungpa (1939 – 1987)

media in vita…

Textzeile eines gregorianischen Chorals, der um 750 entstanden ist

 

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Was heißt es wenn der Proletarier sagt: Jesus war ein guter Mensch?

Denkmal für Thomas Müntzer in Memleben | Foto: © wak

„Was heißt es, wenn der Proletarier in seiner Welt des Mißtrauens sagt: Jesus war ein guter Mensch? Es heißt, daß man zu ihm kein Mißtrauen zu haben braucht. Der Proletarier sagt nicht: Jesus ist Gott. Aber mit dem Wort von dem guten Menschen Jesus sagt er jedenfalls mehr, als wenn der Bürger sagt: Jesus ist Gott. Gott ist für ihn etwas, was der Kirche angehört. Aber in den Fabrikräumen kann Jesus gegenwärtig sein als der Sozialist; in der politischen Arbeit als der Idealist; im proletarischen Dasein als der gute Mensch. In ihren Reihen kämpft er mit gegen den Feind, den Kapitalismus“.

Dietrich Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, 3. Band, 174. Beginn des „Geleitwortes“ von Helmut Gollwitzer (1908 – 1993) zu dem Buch „Jesus für Atheisten“ von Milan Machovec (1925 – 2003)

Den Fuß jedes Wesens mit der Kette der Individualisierung gefesselt

Foto: © wak

O du heiliges Tal und absolute Existenz – wie sehr auch der lautere Grund der Stufe Deiner Absolutheit das Gestrüpp der zusätzlichen Zuschreibungen von sich gefegt hat und im eigenen Auge von all diesen begrenzten Beziehungen frei ist, so schlägt doch das gesamte Wanderdünenland der imaginären Kontingenzen auch in dieser Weite Wellen und fesselt den Fuß jedes Wesens mit der Kette der Individualisierung.

Khwaja Mir Dard (1720-1785)

Die Gnade des Gurus ist immer da

Ramana Maharshi / Bild: Archiv

Die Gnade des Gurus ist immer da. Du stellst dir vor, sie sei irgendwo anders hoch in den Himmeln, und sie müsse zu dir herabsteigen. In Wahrheit ist sie in deinem Herzen. Im selben Moment, in dem du durch irgendeine Methode das Eingehen in oder Verschmelzen des Gemüts mit seiner Quelle erreicht hast, schwillt die Gnade an und setzt sich wie ein Springbrunnen innerhalb von dir fort.

Ramana Maharshi (1879 – 1950)

Nehme ich das Nun so begreift das alle Zeit in sich

Cover mit Text der ersten Auflage Landauers Auswahl

 

Etliche Meister meinten, daß die Seele nur im Herzen sei. Dem ist nicht so, und darin haben große Meister geirrt. Die Seele ist ganz und ungeteilt vollständig im Fuße und vollständig im Auge und in jedem Gliede. Nehme ich ein Stück Zeit, so ist das weder der heutige Tag noch der gestrige Tag. Nehme ich aber das Nun, so begreift das alle Zeit in sich. Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist dieser Zeit so nahe wie das Nun, in dem ich jetzt spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nun so nahe wie der Tag, der gestern war.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt „Was ist Gott?“. Erschienen in: Meister Eckharts mystische Schriften Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer Berlin 1903. Hier: 2. Auflage 1920, S. 66 (Mitarbeit: Martin Buber)

Die Wahrheit brennt in uns wie ein Licht

Foto: Marlies Schwochow +

 

Zen zu praktizieren bedeutet, das Licht in uns zum Leuchten zu bringen … Wir suchen im Zen nicht die Wahrheit, die uns irgendjemand irgendwo gegeben hat – wir begreifen und verstehen stattdessen: dass die Wahrheit, nach der wir suchen, schon längst in uns brennt wie ein Licht und nur bewusst ‚wahr‘-genommen zu werden braucht. Wir müssen sie nur entdecken.

Hans-Peter Hempel (* 1934)

Er kam um von dem wahrhaftigen Licht zu zeugen

Foto: © wak

 

„Er kam, um von dem Licht zu zeugen – von dem wahrhaftigen Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.” Joh. 1; 7, 9

 Der Geist muß … vom inneren Licht erfüllt und überformt werden.

Wer diese Durchlichtung, Überformung und Verwandlung erreimt hat und ein in völliger Hingabe an Gott ganz in seinen innersten Grund entsunkener Mensch geworden ist, dem mag es wohl gelingen, daß ihm in diesem Leben ein Blick der höchsten Überformung durch das ungeschaffene Licht Gottes zuteil wird, in dem er Gott erkennt: „Herr, in Deinem Lichte sehe im das Licht.”

Und wenn er oft in seinen Seelengrund einkehrt und darin heimisch wird, würde ihm mancher Blick in den Gottesgrund zuteil, in dem ihm von Mal zu Mal deutlicher offenbar wird, was Gott ist.

Mit diesem innersten Grund waren große Meister wie Proclus und Plato wohl vertraut, während viele Christen weder sich selbst noch das erkennen, was in ihnen ist: weder den Seelengrund noch den Gottesgrund, weil sie statt nach innen nach außen gerichtet sind und sich mit den äußeren Wahrheiten der Religion begnügen, die sie hindern, über ihre Ichheit hinauszugelangen und den Weg nach innen zu gehen.

Damit wir fähig und bereitet werden für das Erfüllt- und Überformtwerden durch das innere Licht, müssen wir unsere ganze Liebeskraft statt nach außen nach innen lenken und in ihr entflammen, um eine würdige Stätte für den Aufgang des göttlichen Lichts zu werden. Wir müssen denken, begehren und sprechen wie Augustinus:

„Herr, Du gebietest mir, daß im Dich liebe: gib mir, was Du mir gebietest! Du gebietest mir, Dich zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen Kräften und von ganzem Gemüte: gib mir, Herr, daß ich Dich vor allem und über alles liebe!” Wer das mit allen Fasern seines Wesens begehrt und sich mit aller Kraft seiner Seele nach innen wendet, in dem wächst die Hitze seiner Liebe, bis ihre Glut ihm Mark und Bein verzehrt und das Feuer der Liebe so stark und strahlend wird, daß sein Herz zu leuchten beginnt und schließlich zu Gott und in Gott entflammt.

Dann antwortet Gott mit seiner Liebe und spricht sein Wort, das höher, lichtvoller und leuchtender ist als alle Menschenworte. Davon sagt Dionysius: „Wenn das ewige Wort im Seelengrund gesprochen wird und der Grund so viel liebende Hingabe und Empfänglichkeit hat, daß er das Wort – Christus -in seiner Allheit schöpferisch und vollkommen empfangen kann, dann wird der Seelengrund mit dem Wort eins und wird das Wort selbst. Wenn er auch seinem Wesen nach seine Geschaffenheit behält, ist er vom seinem Ursprung nach das Wort selbst.”

Eben dies bezeugte Jesus: „Vater, daß sie eins werden, wie wir eins sind”, und das Wort, daß Augustinus von Gott empfing: „Du sollst verwandelt werden in mich.”

Dahin gelangt man auf dem Wege der liebenden Gott-Entflammung des Herzens.

Auf diesen Weg nach innen sollen wir achtgeben. Es ist der Weg des Geistes zu Gott und Gottes zu uns. Er ist schmal und verborgen, und jene verfehlen ihn, die sich auf äußere Übung und Wirksamkeit verlassen und meinen, sich vom Ich aus Gott nähern zu können.

Nein, wenn der Mensch den Weg nach innen betritt, muß er das Ich und seine Schwächen und alle äußeren Unzulänglichkeiten lassen und sich mit der ganzen Kraft seiner Liebe Gott überlassen und hingeben, sich selber entwerden und ganz in der Liebe aufgehen. Dann mag es geschehen, daß er für Augenblicke schon in der Zeit erfährt, was er ewig sein wird, wenn die Einheit erreimt ist.

Daß uns allen dies zuteil werde, dazu helfe uns Gott!

Johannes Tauler (um 1300 – 1361) / 44. Predigtzum Fest des Heiligen Johannes des Täufers