Wünsche Deine Wahrheit zu begreifen

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Ich versuche nicht, Herr,
zu Deiner Höhe zu dringen,
weil mein Verstand mit ihr
in keinen Vergleich zu bringen ist;
ich wünsche nur einigermaßen Deine Wahrheit zu begreifen,
die mein Herz glaubt und liebt.
Denn ich suche nicht
zu begreifen, um zu glauben,
sondern glaube, um zu begreifen.

Anselm von Canterbury (* um 1033 – 1109)

Die Leere hält das Rad

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Jeder ist im Kern seines Wesens, seines Selbst, Leere, analog zu der Nabe eines Rades. Ein Rad besteht aus Speichen, die aufgrund eine Nabe miteinander verbunden sind. Diese Leere hält das Rad.
Auf genau die gleiche Weise hat unser Lebensrad eine Leere, ein Nicht-Sein zum Zentrum; diese Leere nennen wir gewöhnlich unser Selbst. Wenn wir dies erkannt haben, wird uns die Absurdität dessen, was wir bisher geglaubt, erkannt und getan haben, bewusst – und wir fangen zu lachen an.

Hans-Peter Hempel: Im Hier und Jetzt. Unterweisungen im Zen-Yoga. Leipzig 2002, S. 156

Der stillen Ewigkeit Werkzeug

Grab von Paracelsus in Salzburg / Foto: (c) wak

Die Natur
ist der stillen Ewigkeit Werkzeug,
damit sie formiert,
macht und scheidet,
und sich selbst darin
in ein Freudenreich faßt,
denn der ewige Wille
offenbart sein Wort durch die Natur.

Paracelsus (1493/1494 – 1541)

Das Erbe Jesu

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Im Herzen dieser Kirche ist das mystische Element, das sie am Leben hält, das Erbe Jesu. Zu diesem mystischen Kern immer wieder vorzudringen – das ist die letzte Grenzerfahrung der christlichen Mystik.

David Steindl-Rast (*1926)

Verschieden wie Himmel und Erde entfernt

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Ich behaupte, der innere und der äußere Mensch sind voneinander so verschieden, wie Himmel und Erde voneinander entfernt sind. Betrachte ich die Lilien auf dem Felde, dann sehe ich wohl ihren Schein und ihre Farbe und ihre Blätter; aber ihren Duft sehe ich nicht. Warum? Weil der Duft in mir ist. Was mich ansprechend dünkt, das ist in mir, und ich spreche es aus mir heraus. So auch schmecken alle Kreaturen meinen äußeren Menschen als Kreatur, wie Wein und Brot und Fleisch. Aber meinem inneren Menschen schmeckt nicht die Kreatur als solche, sondern allein die Kreatur, sofern sie Gottes Selbsthergabe ist.

Von unsagbaren Dingen | Nolite timere eos, qui corpus occidunt. (Matth. 10, 28)

Meister Eckhart (1260 – 1328)

Teilhabe am größeren Leben

Paul Ranson: Christus und Buddha / Foto: (c) wak

Fortschreiten auf dem „Weg“ hat immer das Erfahren und Ernstnehmen neuer Erlebnisqualitäten zur Voraussetzung. Sie sind „Zeichen auf dem Weg“. Von entscheidender Bedeutung ist das Spüren und Wahr-nehmen der Qualität des Numinosen, Sakralen, darin uns das Sein im Dasein berührt. …

Wenn die Mitte zu tragen beginnt und von all dem, was über ihr ist, entlastet, die Verbindung mit der „Erde“ freigibt, fühlt der ganze Mensch sich anders, als ein anderer und wo anders. In dreierlei Weise bekundet sich dann die Teilhabe an einem Größeren Leben: Der Mensch erfährt eine neue Kraft und Weite, eine neue Nähe und Wärme und eine hellere Sicht.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988) in: Hara. Die Erdmitte des Menschen. Bern / München / Wien, 1999, S. 175

In die Weite und Stille des Nichts versinken

Meister Eckhart – Tür in Erfurt / Foto: (c) wak

Hier versinkt der Mensch, der ganz abgeschieden geworden ist und der in diesem Sinne nichts geworden ist, nichts denken, nichts wollen, nichts haben, der reine Stille und Leere und Offenheit ist: er versinkt in die Weite und Stille des Nichts, das von keinem Etwas mehr getrübt ist.

Bernhard Welte (1906 – 1983) in: Meister Eckhart. Gedanken zu seinen Gedanken, Freiburg-Basel-Wien, 1992, S. 87

Das Schweigen das Gott ist

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Was sagt Meister Ekkehart anders als:
zerbrich alle Sprache
und damit alle Begriffe und Dinge:
der Rest ist Schweigen.

Dies Schweigen aber ist — Gott.

Christian Morgenstern / 1907

Vom inneren Licht erfüllt

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Was sich der Seele im Grunde darbietet, hat weder Bild noch Form, weder Ort noch Weise: es ist ein unergründlicher Grund, schwebend in sich selbst, und in diesem Grund ist Gottes Wohnung mehr als irgendwo anders. Wer sich dorthin einsenkt, der findet da Gott und findet sich selbst in Gott und eins mit Gott. Denn von diesem Grunde scheidet Gott sich nie. Hier ist dem vom inneren Licht erfüllten Geist Gott gegenwärtig, und die Ewigkeit wird hier empfunden, in der es weder Vorher noch Nachher gibt.

Johannes Tauler (1300 – 1361)