Das lautere Herz in uns erwecken

Foto: © wak

Die Praxis des Sitzens in Meditation … ist das Mittel, mit dem wir das Gutsein wiederentdecken und überdies das lautere Herz in uns erwecken können. In dieser Haltung bist du dieser nackte Mensch, der zwischen Himmel und Erde sitzt. Wenn dein Rücken einsinkt, versucht du dein Herz zu schützen oder gar zu verbergen. Aber wenn du aufrecht und trotzdem entspannt sitzt, dann ist dein Herz nackt. Dein ganzes Sein ist bloßgelegt, vor allem vor dir selbst, aber auch vor anderen. Beim stillen Sitzen, in dem du dem Atem folgst, wie er ausströmt und verfliegt, stellst du die Verbindung zu deinem Herzen her.

Chögyam Trungpa (1939-1987)

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Die Erleuchtung ist wie der Mond…

Impression von der Raketenstation HombroichFoto: © wak

 

Die Erleuchtung ist wie der Mond,
der sich im Wasser spiegelt.
Der Mond wird nicht nass, noch bewegt sich das Wasser.
Obgleich sein Licht groß und strahlend ist,
spiegelt sich der Mond auch in der kleinsten Pfütze.
Der ganze Mond und auch das ganze Universum
spiegeln sich im Wassertropfen auf einem Grashalm.

Dogen Zenji (1200 – 1253)

Der Tiefe begegnen

Impression von der Raketenstation HombroichFoto: © wak

Suche nichts als ein reines, einfaches Entsinken
in das reine, einfache, unbekannte, namenlose,
verborgene Gut, das Gott ist,
und in alles, was sich in ihm enthüllen mag.

Alles soll sich an sein Nichts halten:
Nichts wissen, nichts erkennen, nichts wollen,
nichts suchen, nichts haben wollen.

Suche weder Empfindung noch Erleuchtung!
Entsinke in dein Nicht-wissen
und Nicht-wissen-wollen!

Die Tiefe, die in Gott ist,
ist ein solcher Abgrund,
dass aller geschaffene Verstand
sie nicht zu erreichen
noch zu ergründen vermag.

Dieser Tiefe soll der Mensch begegnen
mit der eigenen Tiefe:
das ist, dem grundlosen Abgrund
einer unergründlichen Selbstvernichtung.

Das heißt: könnte er ganz
zu einem lauteren Nichts werden,
das hielte er für recht und billig.

Das kommt aus der Tiefe
und der Erkenntnis seines Nichts.

Johannes Tauler (* um 1300 – 1361)

Wahrheiten mit seinem ganzen Selbst begreifen

Simone Weil im Jahr 1921. Bildquelle: wikimedia/gemeinfrei

 

Nicht neue Dinge begreifen wollen,
sondern durch immer größere Geduld,
Anstrengung und Methode dahin gelangen,
die offenkundigen Wahrheiten
mit seinem ganzen Selbst zu begreifen.

Simone Weil (1909 – 1943)

Die Leere wird durchleuchtet vom Schein des Herzens des Himmels

Ohne Entstehen, ohne Vergehen,
Ohne Vergangenheit, ohne Zukunft.
Ein Lichtschein umgibt die Welt des Geistes.
Man vergißt einander, still und rein, ganz mächtig und leer.
Die Leere wird durchleuchtet vom Schein des Herzens des Himmels.
Das Meerwasser ist glatt und spiegelt auf seiner Fläche den Mond.
Die Wolken schwinden im blauen Raum.
Die Berge leuchten klar. Bewusstsein löst sich in Schauen auf.
Die Mondscheibe einsam ruht.

Liu Hua Yang: Das Buch von Bewusstsein und Leben

Leben vom Standpunkt des Erwachens

Ganz und gar lebendig zu sein, ganz und gar Mensch und wirklich wach zu sein, bedeutet, unaufhörlich aus dem Nest geworfen zu werden. Voll und ganz zu leben bedeutet, sich ständig im Niemandsland zu befinden, jeden Augenblick völlig neu und frisch zu erleben. Wahres Leben ist die Bereitschaft, immer wieder aufs neue zu sterben. Das ist Leben vom Standpunkt des Erwachens. Tod hingegen ist der Wunsch, an dem, was man hat, festzuhalten und sich von jeder Erfahrung bestätigen und auf die Schulter klopfen zu lassen, weil man alles so schön im Griff hat.

Pema Chödrön (*1936)