Jacob Böhme: Mystische Rede auf Schritt und Tritt

Gerade in den Schriften des „Wegs zu Christo“ wird man an die Traditionen mystischer Rede auf Schritt und Tritt erinnert. Hier ist am ehesten ein Vergleich mit Meister Eckhart, mit Johannes Tauler und Heinrich Seuse oder auch mit Thomas a Kempis‘ „Nachfolge Christi“ möglich.

Jakob Böhme mit Selbstszeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Gerhard Wehr. Reinbek 1971, S. 108

Hier kann „Der Weg zu Christo“ von Böhme heruntergeladen werden: https://books.google.de/books/download/Der_weg_zu_Christo_verfasset_in_neun_b%C3%BC.pdf?id=7zE3AAAAMAAJ&hl=de&output=pdf&sig=ACfU3U33iKkfC72Hm9pevDIGr74qZSOUpw

Die zwei geistlichen Füße des Mystikers

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Der Mystiker nimmt in bildlicher Vorstellung an, er habe zwei geistliche Füße: den begreifenden Verstand und den liebenden Affekt. Es ist notwendig, auf beiden vorwärtszuschreiten, damit man die geheimen Wege der Beschauung glücklich bis ans Ende zu begehen vermag. Denn der Intellekt hinkt ohne den liebenden Affekt und käme nicht rüstig voran; die Liebesneigung ohne den Verstand aber ist blind; sie fände den Weg nicht und müsste sich verirren.

Hendrik Herp / Harphius (ca. 1400/1410 – 1477/1478) in seiner „Theologia mystica“

Geburtslegenden – buddhistisch und christlich

Der ganze Beitrag findet sich in der Zeitschrift „Der Buddhist“, 1. Jahrgang 1905, S. 257 ff.

Wissende Unwissenheit ~ begreifliche Unbegreiflichkeit

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Die mystische Theologie führt zum Leerwerden und ins Schweigen, worin uns die Schau des unsichtbaren Gottes zuteil wird.

Die absolute Wahrheit ist nicht begreiflich. Wenn man daher auf irgendeine Weise zu ihr gelangen soll, ist es notwendig, dass dies durch eine unbegreifliche Einsicht gleichsam auf dem Weg einer Entrückung im Augenblick geschieht. So wie wir mit unserem leiblichen Auge die Klarheit der Sonne auf unbegreifliche Weise nur für einen Augenblick schauen können. Das ist nicht deshalb so, weil die Sonne nicht am allermeisten sichtbar wäre, wenn sie ihr Licht mit der ihr eigenen Kraft ins Auge dringen lässt, sondern weil sie wegen ihrer außerordentlichen Sichtbarkeit begreiflicherweise unsichtbar ist. Ebenso ist Gott, der die Wahrheit ist, die der Gegenstand der Einsicht ist, am meisten einsichtig und wegen seiner überragenden Einsichtigkeit uneinsichtig.

Daher bleibt allein die wissende Unwissenheit oder die begreifliche Unbegreiflichkeit der wahre und eigentliche Weg, um diese zu übersteigen.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464) in seiner „Verteidigung der wissenden Unwissenheit“

Alle Gegensätze aufgehoben

Der Ochse und sein Hirte ~ Bild 8 | Archiv

Im Zen-Buddhismus hat man die ganze Entwicklung vom Zustand vor der Erleuchtung bis zur Erleuchtung und ihrer vollen Auswirkung durch die sog. „Zehn Bilder des Rindes“ (jugyuzu) symbolisch dar gestellt. Der Verlauf ist kurz folgender: Die Bilder stellen einen Bauern dar, der sein Rind sucht, das ihm davongelaufen ist. Nach vielem Suchen entdeckt er die Fußspuren und schließlich auch das Rind selbst. Mit vieler Mühe legt er ihm den Zügel an, aber das Tier sträubt sich noch, ihm zu folgen. Endlich gelingt es ihm, das Rind wieder zu gewöhnen, und er sitzt nun, vergnügt die Flöte spielend, auf seinem Rücken. Das Tier geht, wohin er will. Das sind die ersten sechs Bilder. Das Rind ist das wahre Selbst, das der Mensch verloren hat. Er sucht lange und findet es. Das ist der Augenblick des Satori. Aber die Leidenschaften sind noch widerspenstig, bis er schließlich seiner selbst Herr wird und zur wahren Freiheit gelangt. Auf dem siebten Bilde ist er allein. Das heißt, das Ich und sein Herz sind eins geworden. Das achte Bild stellt nur einen leeren Kreis dar: alle Gegensätze sind aufgehoben, selbst der von Erleuchtung und Nicht-Erleuchtung. Das neunte Bild stellt eine Landschaft dar. In der Außenwelt hat sich nichts geändert, aber der Erleuchtete sieht sie mit anderen Augen als vorher. Auf dem zehnten und letzten Bild sehen wir, wie er sich bemüht, auch seinen Mitmenschen den Weg aufzuzeigen, auf dem er selbst das wahre Glück gefunden hat.

Hugo M. Enomiya-Lassalle: Erleuchtungsweg des Zen-Buddhismus und christliche Mystik. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.) Abendländische Therapie und östliche Weisheit. Stuttgart 1968, S. 90/91

Der Schlange Klugheit

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Vernimm nun, auf welche Weise die Schlange Klugheit zeigt. Wenn sie merkt, dass sie alt und runzlig wird und zu stinken beginnt, so sucht sie eine Stelle, an der zwei Steine beieinander liegen, und zwischen diesen schiebt sie sich ganz genau hindurch, so dass sie die alte Haut ganz abstreift; darunter ist eine neue gewachsen. Ganz ebenso soll der Mensch mit seiner alten Haut verfahren, das heißt mit alldem, was er von Natur besitzt, wie groß oder gut es auch immer sei..

Welches sind (nun) diese beiden Steine? Der eine ist die ewige Gottheit, welche die Wahrheit ist, der andere die liebreiche Menschheit Christi, der wesenhafte Weg. Zwischen diesen beiden Steinen hindurch soll der Mensch all sein Leben und Wesen gestalten, schleifen und tragen.

Johannes Tauler (1300 – 1361) in Predigt 23: Estote prudentes et vigilate in orationibus / Seid besonnen und verharret im Gebete (1 Petr. 4, 8)

Die Wand der Vorstellungen durchbrechen

Kirchenfenster von Josef Albers / Foto: (c) wak

Betrachten wir einen Augenblick den konkreten mystischen Weg. Die Wand der Vorstellungen, Begriffe, Bilder und Affekte wird beim Mystiker durchbrochen: Gott schenkt ihm, und er selbst erfährt, eine evidente Anwesenheit. Er hat das Gefühl, dass er sich selbst dabei vergisst, dass nunmehr die andere Anwesenheit alles ist. Er ist glücklich – denn besitzt er nicht den Unvergleichlichen? Dann aber, früher oder später, aber mit einer Art von Unvermeidlichkeit, geschieht ihm das überhaupt Unbegreiflichste (es geschieht ihm, wir verlassen also keineswegs das Gebiet der Erfahrung). Die Anwesenheit verschwindet, unheilbar, offenbar unwiderruflich; mit derselben Freiheit, mit der sie gekommen war. Das All wird von neuem Nichts.

Paul Mommaers: Was ist Mystik? Frankfurt/M. 1996, S. 63

Fluchworte, Segensworte

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Das Wort bannt und verflucht. Unter der Last des magischen Fluchworts schleppt sich der Mensch von Unglück zu Unglück, unter der Lichtkraft des Segenswortes wird sein Dasein beglückt und besonnt. Unsrer viellesenden, vielschreibenden, vielsprechenden Zeit ist die Magie des Worts abhanden gekommen.

… Manchmal will es scheinen, als seien wir, durchgegangen durch die Niederungen einer völlig entgotteten Welt, am ersten Anfang wieder des Wegs zu einer neuen Gläubigkeit, darin es dann auch ein­mal etwas wird geben müssen wie die Magie des Worts.

Otto Maag (1885 – 1960) in: Magie des Wortes

Der vollständige Text „Magie des Wortes“ kann hier gelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang September 2021 Heft 9, Thema: DIE MAGIE DER SPRACHE

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Warum die Zen-Gärten verwelken

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An einem Tag in der Provinz Mino beobachtete ich eine Zikade, die ihre Haut im den Schatten. Es gelang ihr, ihren Kopf zu befreien, und dann kamen nacheinander ihre Hände und Füße nacheinander heraus. Nur der linke Flügel blieb drinnen, der noch an der alten Haut hing. Es sah nicht so aus, als würde es diesen Flügel jemals den Flügel loszuwerden. Als ich sah, wie es sich abmühte, sich zu befreien, wurde ich von Mitleid bewegt, ihm mit meinem Fingernagel zu helfen. Ausgezeichnet, dachte ich, jetzt bist du frei und kannst deinen Weg fortsetzen. Aber der Flügel, den ich berührt hatte blieb geschlossen und ließ sich nicht öffnen. Diese Zikade konnte nie fliegen wie sie es hätte tun sollen. Als ich sie ansah, schämte ich mich für mich selbst und bereute was ich getan hatte.

Wenn man darüber nachdenkt, handeln heutige Zen-Lehrer auf ähnliche Weise, wenn sie ihre Schüler anleiten. Ich habe gesehen und gehört, wie sie junge Menschen mit außergewöhnlichem  Talent – die dazu bestimmt sind, die Säulen und Pfeiler unserer Schule zu werden – mit ihren äußerst unklugen und unpassenden Methoden zu etwas Halbgarem und Unerreichtem machen. Dies ist eine direkte Ursache für den Niedergang unserer Zen-Schule, der Grund, warum die Zen-Gärten verwelken.

Hakuin Ekaku  (1686 – 1769) in einem Brief an den Laien Kokan

Dynamik des Lebens

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Nichts ist alleinstehend in dieser Welt. Vom Lichtpartikel führt ein Weg zur Relativität, von der Schwerkraft ein Weg zur Planckschen Konstante, vom Blatt, das der Wind vor sich hinwirbelt, zum Baum und zur Knospe, die ihn von neuem hervorbringen wird, kurz zur Dynamik des Lebens.
Alles Existierende spiegelt in seiner Weise den Rhythmus einer ewigen Bewegung wider, denn das kosmische Gesetz überbrückt den Abgrund, der scheinbar das unendlich Kleine vom unendlich Großen trennt. Es enthüllt das Wirken einer allumfassenden Harmonie, die sich dem Mystiker in seiner Meditation offenbart.

Frederic Lionel (1908 – 1999) in: Abendland. Hüter der Flamme. Remagen, o.J., S. 29