Ungenannter Gott der Stummen des Himmels


In Wahrheit wissen wir von Tao ebenso wenig wie von logos, womit Tao gern wiedergegeben wird; wenn das Wort ursprünglich Weg bedeutet hat, so mag das ein Wandertitel für moralische Bücher gewesen sein, den wir im Orient wie im Abendlande oft finden. Was Lao-Tse und Tschuang-Tse dann in das Wort hineinlegten, war die uralte und immer noch lebendige Sehnsucht der Mystik, das Unaussprechliche mit einem Worte auszusprechen. Das Wort sagt nichts, durchaus nichts, was nicht die chinesischen Mystiker aus ihrer (genialischen oder überkommenen) Seelensituation hineingelegt, hineingeheimnißt haben. Das Wort ist nicht nur für das Abendland unübersetzbar, es ist auch für China positiv nicht definierbar, höchstens negativ zu umschreiben: es ist nach Buber (S. 105) das Unerkennbare, im Werden die Ungeschiedenheit, die Ungeschiedenheit auch im Sein, in den Dingen. Wer sich im Abendlande zum Taoismus bekennt, der bekennt sich zu einem suggestiv neuen Namen für den ungenannten Gott der Stummen des Himmels. Und nachdem ich eben zwischen Tao und unserem Gottesbegriff unterschieden habe, möchte ich jetzt hinzufügen, daß wir dennoch Tao religiös, fast theologisch wiedergeben könnten, wenn wir uns von der Sprache befreien und sagen wollten: »Das Gott«. Was wieder noch unpersönlicher mir klänge als etwa: »das Göttliche«.

Stichwort Tao in: Fritz Mauthner. Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erste Ausgabe: München 1910. Hier nach der zweiten, vermehrten Auflage, Leipzig 1923

Jacob Böhme (besser) verstehen

Cover des Jacob Böhme Lexikon

Heiko Krämer
JACOB BÖHME LEXIKON
EIN KLEINER BEITRAG JACOB BÖHME BESSER ZU VERSTEHEN

Verlag Magische Blätter, Ronnenberg, 2020
485 Seiten, 28,– Euro
ISBN-Nr. 978-3-948594-01-5

Der Görlitzer Mystiker und Visionär Jacob Böhme (1575–1624) ist die unbekannteste, geheimnisvollste und zugleich untergründig einflussreichste Gestalt der deutschen Geistesgeschichte. Sein mehrtausendseitiges Werk, ohne das die deutsche Romantik und die deutsche idealistische Philosophie undenkbar wären, ist die Ausformulierung eines radikalen Christentums und der Entwurf einer reichen, bis heute in ihrer Tiefe nicht ausgeloteten Kosmologie, Anthropologie und Naturphilosophie.

Durch die eigenwillige Sprache und den Stil der Werke Böhmes, vor allem aber durch den Gebrauch von Wörtern, die heute nicht mehr im deutschen Sprachraum anzutreffen sind oder in anderer Bedeutung verwendet werden, erweist sich der Zugang zu Böhme für die Mehrzahl seiner Leser als schwierig.

Fünf Jahre vor Jacob Böhmes 400-jährigen Todestag hat Heiko Krämer nun das JACOB BÖHME LEXIKON vorgelegt, das mit etwa 3.000 Begriffen auf  485 Seiten eine wertvolle Brücke bietet, anhand eines einzigen Buches all jene Begriffe erklärt zu finden, die dem Leser Schwierigkeiten bereiten könnten, ohne dabei seine Böhme-Lektüre durch stundenlanges Suchen unterbrechen zu müssen. Ergänzt wird der Band im Anhang durch umfangreiche Literaturhinweise sowie ausführliche Hinweise auf die herangezogenen Texte.

In einer Rezension heißt es unter anderem:

„… Mit dieser Arbeit ist Heiko Krämer zweifellos, sowohl für das Individuum und zugleich auf unser ganzes gesamtes kulturelles Vorankommen bezogen, ein bedeutender Meilenstein gelungen: Er bietet dem Leser einen funktionierenden Schlüssel zu der Wundergestalt Jacob Böhme an, der direkt mit der „Quelle“ verbunden war und unserer Welt durch sein zeitloses Werk und die Art, wie er sein Leben führte, ein immerwährendes eindrucksvolles Zeugnis davon hinterlassen hat, was ein Mensch geistig zu erlangen fähig ist, wenn er sich tatsächlich ernsthaft, mit Leib und Seele, auf den Weg zu Gott begibt.“

Ronald Steckel und Klaus Weingarten (Regisseure des Films Morgenröte im Aufgang –Hommage à Jacob Böhme | nootheater & Organisation zur Umwandlung des Kinos / filmedition suhrkamp 2015)

Hier kann das Buch bestellt werden: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Mehr zu Jacob Böhme, dem Jacob-Böhme-Bund und den „Magischen Blättern“ auch hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/

Die Herzensgüte im Kleinen erweisen

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Wir haben unsere Herzensgüte
im Kleinen zu erweisen.
Aus der alltäglichen Einstellung
erwächst menschliche Größe.
Im gegenseitigen Respekt
erfüllt sich der Weg.

Jack Kornfield (*1945)

In den einfachen Dingen die göttliche Wirklichkeit erfahren

 

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Gott manifestiert sich im Alltag – und nur da ist er zu finden. Meister Eckehart hat diese Wahrheit sehr plastisch an seiner eigenwilligen Auslegung der biblischen Geschichte von Maria und Martha (Predigt 28*) dargestellt. Nicht Maria, die in Verzückung zu Jesu Füßen sitzt, sollte Vorbild sein, sondern Martha, die sich abrackert und Jesus bedient. Martha ist auf dem spirituellen Weg weiter als Maria, sie kennt die mystische Erfahrung und lässt ihren Alltag davon durchdringen, während Maria sich noch in den Freuden der Verzückung ergeht. Maria muss durch ihre Erleuchtungserfahrung noch hindurchgehen, um wieder in den Alltag zu kommen. Dort, in den einfachen Dingen, gilt es, die göttliche Wirklichkeit zu erfahren. Gott will nicht verehrt, er will gelebt werden. Nur aus diesem Grund sind wir Mensch geworden, weil Gott in uns Mensch sein möchte.

Willigis Jäger in: Die Welle ist das Meer. Mystische Spiritualität Freiburg/Br. 2000, S. 26 – 27

(* zu Lukas 10, 38. In: Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate. Herausgegeben und übersetzt von Josef Quint. München / Wien 1965, S. 280 – 289)

Fang zuallererst bei dir selber an und lasse dich

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Du selber in den Dingen bist es, was dich hindert, denn du hältst dich zu den Dingen nicht in der rechten Weise. Darum fang zuallererst bei dir selber an und lasse dich! Fürwahr, wenn du nicht zuerst dich selber fliehst, so magst du fliehen wohin du willst, du findest da nur Erschwerung und Unfrieden, es sei, was es sei. Die Leute, die Frieden suchen an äußeren Dingen, es sei an Orten oder Weisen oder Menschen oder Werken oder Heimatlosigkeit oder Armut und Verachtung – wie groß sich das auch ausnehme oder was es sei, das ist doch alles nichts und gibt keinen Frieden. Sie suchen alles verkehrt, die so suchen: Je weiter weg sie wandern, je weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt: Je weiter er geht, je mehr er irrt. Ja, was soll er aber tun? Vor allem, er soll sich selber lassen, so hat er alle Dinge gelassen

Meister Eckhart (1260 – 1328) in: „Reden der Unterweisung“

Erkenne den Meister in dir

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Nimm dich selbst in Liebe an
und sei wachsam –
heute, morgen, immer.

Finde zuerst den Weg,
dann belehre andere
und besiege so das Leid.

Bevor du andre geradebiegst,
musst du zuerst etwas viel Schwierigeres vollbringen –
dich selbst geradebiegen.

Du bist dein eigener Herr.
Wer sonst?
Bezwinge dich selbst,
und erkenne den Meister in dir.

Jack Kornfield (*1945)

Unendlichkeit des Seins

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Der Weg zur Transzendenz ist der Weg der Liebe. Lieben heißt, sich selbst zu erweitern, sich der Unendlichkeit des Seins zu öffnen, die in uns und um uns herum ist; diese Unendlichkeit des Seins in der Liebe meinen wir, wenn wir von Gott sprechen. Unser ganzes Sein nimmt dann eine kreative Entwicklung, es erfährt eine Vertiefung der integralen Harmonie von Herz und Verstand.

Bede Griffiths (1906-1993)

Nutzlose Worte sind Hindernisse auf dem Weg

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Die nutzlosen Worte, die dummen nicht weniger als die eigennützen und lieblosen, sind Hindernisse auf dem Weg zum Einheitsbewusstsein des göttlichen Urgrunds, ein Tanz von Staub und Fliegen, der das innere und äußere Licht verdunkelt.

Aldous Huxley (1894 – 1963)

Unendlich vollkommenes Auge

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Da aber dein Blick Auge ist, das heißt lebendiger Spiegel, sieht er in sich alles. Ja, weil er der Grund alles Sichtbaren ist, umfasst und sieht er alles im Grunde und im Sinne von allem, das heißt in sich selbst. Dein Auge, Herr, nimmt ohne sich nach verschiedenen Richtungen zu wenden den Weg zu allem. Unser Auge wendet sich jeweils einem Gegenstande zu, und zwar deshalb, weil unser Blickvermögen nur in einem Winkel von begrenzter Größe sieht. Der Sehwinkel deines Auges aber, Gott, ist nicht so oder so groß, sondern unendlich; ist er doch auch ein Kreis, ja unendliche Kugel, weil dein Blick das gleichsam sphärische und das unendlich vollkommene Auge ist. Es blickt also alles sowohl im Umkreis wie aufwärts und abwärts zugleich.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464) in: De visione Dei, 9,37,19