Gemeintes ahnend erfassen

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Es ist interessant, zu vergleichen, wie die mystische Erfahrung, die ja kein Privileg des Christentums ist, zu allen Zeiten, da und dort, der Unzulänglichkeit aller Worte zum Trotz, sich Ausdruck zu verschaffen wußte. Aus der Lücke des Ungesagten, dem aufklaffenden Sprung des Paradoxons, das zwei Sätze zerreißt, steigt in der Wechselrede des »Kôan«, wie sie im Zen–Buddhismus zwischen Meister und Schüler geübt wird, jählings das gemeinte Geheimnis auf. Der Chassidismus bedient sich der legendarischen Anekdote, ebenso die islamischen Sufis. Durch gewaltsame Verrenkung, Umstülpung des konventionellen Vokabulars und mit genialen Neubildungen formte die Mystik des deutschen Mittelalters sich ein sprachliches Organ. … Die theoretische Erklärung ist kein Ersatz für das im Vers Geborgene. Im Niemandsland zwischen beiden Arten des Sprechens, in der Blendung durch das zwiefache Licht ist das Gemeinte ahnend zu erfassen.

Fritz Vogelsang (1930 – 2009) in seiner Einleitung zu „Die innere Burg“ von Teresa von Ávila

Alle Dinge sind im Herzen!

Selbst wenn du
so viele Bücher verschlingst,
wie es Sandkörner
im Ganges gibt,
das ist doch alles nicht so viel wert
wie das wirkliche Erfassen
eines einzigen Zen-Verses.

Wenn du das Geheimnis des Buddhismus
wissen möchtest,
hier ist es:
„Alle Dinge sind im Herzen!“

Daigu Ryôkan (1758-1831)

Alle Dinge sind im Herzen

Selbst wenn du so viele Bücher verschlingst,
wie es Sandkörner im Ganges gibt,
das ist doch alles nicht so viel wert
wie das wirkliche Erfassen eines einzigen Zen-Verses.
Wenn du das Geheimnis des Buddhismus wissen möchtest,
hier ist es: “Alle Dinge sind im Herzen!”

Ryokan in: “Alle Dinge sind im Herzen”