Du siehst den, der Dich sieht

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Das Sehen des absoluten Sinn-Grundes, der der Sinn-Grund von allem ist, ist mithin nichts anderes, als geistig Dich, Gott, zu kosten, da Du die Süßigkeit selbst des Seins, des Lebens und der Einsicht bist.

Was anderes, Herr, ist Dein Sehen, wenn Du mich mit den Augen der Güte anschaust, als dass Du von mir gesehen wirst? Dadurch, dass Du mich siehst, gewährst Du, dass Du von mir gesehen wirst, der Du „der verborgene Gott“ (Jesaja 45,15) bist. Niemand kann Dich sehen. Nur insofern kannst Du gesehen werden, als Du es gewährst, dass Du gesehen wirst. Und Dich sehen ist nichts anderes, als dass Du den siehst, der Dich sieht.

Nikolaus von Kues (1401-1464) in: Das Sehen Gottes / De visione Dei

Meisterung der Gedankenwelt

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„Innesein“ ist „Einsicht“ im wahrsten Sinne des Wortes. Einsicht ist eine Askese; sie führt zur Meisterung der Gedankenwelt, also zur richtigen Denkweise, die jeder Handlung ihren Sinn verleiht. Um richtig zu denken, ist es notwendig, seine Rechte, seine Pflichten, seine Verdienste, seine Wünsche, wie auch seine Absichten vorerst zu vergessen, um urteilslos zu verstehen. Kunst kann ein solches Verständnis vermitteln.

Frédéric Lionel (1908 – 1999) in: Abendland. Hüter der Flamme. Remagen, o.J., S. 104

Schönheit von Himmel und Erde

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Meditation ist keine Flucht aus der Welt. Es ist kein isolierendes, sich abkapselndes Tun, sondern vielmehr die Einsicht in die Welt und wie es auf ihr zugeht. Die Welt hat wenig zu bieten, abgesehen von Nahrung, Kleidung, Obdach und Vergnügen mit seinem grossen Kummer.

Meditation heisst wegwandern von dieser Welt; man muss ein totaler Aussenseiter sein. Dann hat die Welt eine Bedeutung, und die Schönheit von Himmel und Erde ist dauerhaft. Dann ist Liebe nicht Vergnügen. Von dort geht jedes Handeln aus, das nicht Ergebnis von Spannung, Widerspruch, Streben nach Selbstverwirklichung oder Machtdünkel ist

Jiddu Krishnamurti (1895-1986) in „Meditationen“. Zürich 1989

Im Urgrund des eigenen Geistes erwachen

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Der Geist aller Lebewesen ist im tiefsten Grund licht, lauter und leer. Dieser Geist wird Urgrund der Erleuchtung genannt. Unter dem Einfluss der Trübungen des Geistes irren die Wesen, da es ihnen an Selbsterkenntnis mangelt, im Samsara umher. Wer Selbsterkenntnis und Einsicht in den Urgrund des eigenen Geistes gewonnen hat, der ist ein Weiser, ein Geläuterter, ein Erwachter.

Milarepa (1052-1135)

Geschicktes Mittel

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Ob man sich erhebt, steht, geht, etwas tut oder mit etwas aufhört – man sammle den Geist stets auf das Tun selbst und nicht auf die Beziehung, die man zum Handelnden oder seinem Charakter oder Wert hat…

Man übe einfach nur die Sammlung des Geistes auf das Tun selbst, und so wird man ihn als ein geschicktes Mittel verstehen, das einem zur Stille des Geistes, zu Verwirklichung, Einsicht und Weisheit verhilft.

Ashvagosha (* um 80 – 150)

Fundamentale Schöpfungskraft im Universum

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Mystische Vollendung geschieht von Zeit zu Zeit in unserer menschlichen Erfahrung, und wenn es dazu kommt, bezeugt sie jene zwei tiefgründigen Einsichten im Herzen des christlichen Glaubens, nämlich dass die Liebe stärker ist als der Tod und dass sie die fundamentale Schöpfungskraft im Universum ist. Diese Bausteine stammen mehrheitlich aus der christlichen „inneren“ Tradition: aus dem Vierten Weg nach G. I. Gurdjieff und aus der Linie der christlichen Hermetik, die sich von Jakob Böhme im siebzehnten Jahrhundert über Valentin Tomberg bis in unsere Tage erstreckt.

Cynthia Bourgeault (* 1947): Mystische Seelenvollendung: Im Tod tritt hervor, wer wir wirklich sind.

Der vollständige Text von Cynthia Bourgeault ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER, BUCH IX
CIII. Jahrgang, März 2022, Heft 3 / Thema: Theosophie

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Bestellt werden kann die Ausgabe hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Donovan und der Zen-Text

Zen-Text und Donovan-Cover / Collage: (c) wak

Ein Meister sagte: Bevor einer Zen studiert,
sind ihm Berge Berge und Gewässer Gewässer.
Wenn er aber eine Einsicht in die Wahrheit des Zen bekommt
durch die von einem guten Meister erteilte Belehrung,
dann sind ihm Berge nicht mehr Berge
und Gewässer keine Gewässer.
Aber nachmals, wenn er wirklich zum Orte der Ruhe gelangt ist,
so sind ihm Berge wieder Berge und Gewässer sind Gewässer.

Qingyuan weixin / Seigen Ishin (9. Jahrhundert) ~ Aus der dreißigbändigen Sammlung Ching-te ch’uan-teng-lu / Aufzeichnungen von der Übertragung der Lampe (1004 u.Z.)

Eine Quelle des Zen-Textes:
Daisetz Teitaro Suzuki: Essays in Zen Buddhism, First Series, London 1927, S. 12; hier nach Suzuki: Die Große Befreiung, 3. Aufl., Konstanz 1947, S. 14. (Die längere Version wird von C.G. Jung im Geleitwort der deutschsprachigen Ausgabe „Die große Befreiung. Einführung in den Zen-Buddhismus“ zitiert )

Eine andere Quelle:
Alan W. Watts, The Way of Zen (New York: Pantheon Books, 1951), p. 126 (kürzere Version)

Donovan (Donovan Phillips Leitch ~ *1946) – There is a Mountain
https://www.youtube.com/watch?v=XcMM5-zBCEc

Der Text von Donovans Song ist hier zu lesen: https://www.google.com/search?client=firefox-b-e&q=donovan+there+is+a+mountain+lyrics
Mehr zur Geschichte des Songs und seinen Quellen hier: https://en.wikipedia.org/wiki/There_Is_a_Mountain

Wissende Unwissenheit ~ begreifliche Unbegreiflichkeit

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Die mystische Theologie führt zum Leerwerden und ins Schweigen, worin uns die Schau des unsichtbaren Gottes zuteil wird.

Die absolute Wahrheit ist nicht begreiflich. Wenn man daher auf irgendeine Weise zu ihr gelangen soll, ist es notwendig, dass dies durch eine unbegreifliche Einsicht gleichsam auf dem Weg einer Entrückung im Augenblick geschieht. So wie wir mit unserem leiblichen Auge die Klarheit der Sonne auf unbegreifliche Weise nur für einen Augenblick schauen können. Das ist nicht deshalb so, weil die Sonne nicht am allermeisten sichtbar wäre, wenn sie ihr Licht mit der ihr eigenen Kraft ins Auge dringen lässt, sondern weil sie wegen ihrer außerordentlichen Sichtbarkeit begreiflicherweise unsichtbar ist. Ebenso ist Gott, der die Wahrheit ist, die der Gegenstand der Einsicht ist, am meisten einsichtig und wegen seiner überragenden Einsichtigkeit uneinsichtig.

Daher bleibt allein die wissende Unwissenheit oder die begreifliche Unbegreiflichkeit der wahre und eigentliche Weg, um diese zu übersteigen.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464) in seiner „Verteidigung der wissenden Unwissenheit“

Widersprüchlichkeit der Welt und des Menschen

Selbst in dem vollkommensten philosophischen Antipoden Montaignes, dem schwerblütigen und eigensinnigen, dumpfen und dunkeln Jakob Böhme lebt etwas von Montaigneschem Geiste. Denn keiner hat das Prinzip der coincidentia oppositorum, der  Widersprüchlichkeit der Welt und des Menschen, so bohrend durchgedacht und so allseitig beleuchtet wie dieser tiefgründige Schustermeister. Eines Tages bemerkte er ein dummes altes Zinngefäß, in dem sich die Sonne spiegelte, und sagte sich mit Erstaunen: dies ist nur ein schlechter grober Zinnkrug und doch ist in ihm die ganze Sonne! Darauf wurde er, was man „tiefsinnig“ nennt, zog sich zurück und  schrieb eines der schönsten theosophischen Bücher. Es war ihm die plötzliche Einsicht aufgegangen, dass alles auf dieser Welt sich nur an seinem Gegensatze zu offenbaren vermöge: das Licht an der Finsternis, das Gute am Bösen, das Ja am Nein, Gott an der Welt, seine Liebe an seinem Zorn, und dass daher alles Sein nicht nur aus Gegensätzen bestehe, sondern auch durch Gegensätze, denn ihnen allein verdankt es seine Existenz.

Egon Friedell (1878 – 1938) in: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1969, S. 372

Mehr zu Jakob Böhme findet sich in den „Magischen Blättern“… https://verlagmagischeblaetter.eu/

Die Menschen ersehnen das Gefühl der Sicherheit…

Die Menschen ersehnen das Gefühl der Sicherheit und verzichten hierfür auf Freiheits- und Wirklichkeitssinn. Die „blitzhaften Einsichten“, die sich im Augenblick akuter Gefahr darbieten, werden rasch verbannt und vergessen. Über die Abgründe und Gräber werden Steine gerollt.

Aus: Hochhohenloher Exerzitien von Thomas Kapielski

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH V
CII. JAHRGANG FRÜHJAHR 2021

gebunden. ISBN 978-3-948594-06-0 – 20,00 €

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

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