Das Erbe Jesu

Foto: (c) wak

Im Herzen dieser Kirche ist das mystische Element, das sie am Leben hält, das Erbe Jesu. Zu diesem mystischen Kern immer wieder vorzudringen – das ist die letzte Grenzerfahrung der christlichen Mystik.

David Steindl-Rast (*1926)

Wüste und Unwissenheit aller Dinge

Photo by Walid Ahmad on Pexels.com

Des Menschen Bewusstsein überrascht ihn noch mit seinem Lauf. Bliebe es in seinem Vermögen wirksam und hielte es sich unverhöhnt und unzerrissen von niedern und groben Dingen, es flöge höher als der höchste Himmel und ließe nimmer ab, bis er in das Allerhöchste käme und würde da gespeist und genährt von dem allerbesten Gut, das Gott ist.

Und darum ist es nützlich, dieser Möglichkeit nachzufolgen und sich frei und losgelöst zu halten, und allein dieser Dunkelheit und diesem Unwissen nachzufolgen und nachzuhängen und nachzuspüren und nicht davon abzulassen, so ist es dir wohl möglich, den zu erreichen, der alle Dinge ist. Und je mehr in dir selbst Wüste ist und Unwissenheit aller Dinge, je näher kommst du diesem. Von dieser Wüste steht bei Jeremias geschrieben: „ich will meine Freundin in die Wüste führen und in ihrem Herzen mit ihr sprechen.“ Das wahre Wort der Ewigkeit wird allein in der Ewigkeit ausgesprochen, wo der Mensch Wüste ist und seiner selbst und aller Mannigfaltigkeit entfremdet.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in der Predigt „Von der Dunkelheit“. In: Meister Eckharts Mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer. 2. Auflage 1920 (zusammen mit Martin Buber) S. 25 – 26

Oberster Platz in der Wohnung unseres Herzens

Foto: (c) wak

Im Innersten des Herzens gibt es einen Raum, der erhabener ist als alle übrigen. Ihn bewohnt der Schöpfer und Erlöser, Jesus, der allein unvergleichlich schön ist. Er hält alles durch seine Güte zusammen, er allein ist in allem, er allein vor allem, er facht die Liebe in uns an und fordert Liebe, er beansprucht einen besonderen Platz, nicht nur einen bevorzugten, sondern den obersten, und nicht nur den obersten, sondern auch den innersten in der Wohnung unseres Herzens.

Aelred von Rievaulx (1110 – 1167) in seinem „Spiegel der Liebe“

Gefunden habe ich dieses Zitat hier: https://www.marienstern.de/de/zisterzienser/spiritualitaet

Die Quelle ist unser Geist

Fotographik: (c) wak

Die Quelle des Dämons
ist unser eigener Geist.
Ergreift dieser die Phänomene
und hält an ihnen fest,
wird er zur Beute des Dämons.
Hält er sich selbst für ein Objekt,
vergiftet er sich.

Macig Labdrön (1055 – 1153)

Jetztheit für eine erleuchtete Gesellschaft

Foto: (c) wak

Das Prinzip der Jetztheit ist auch für das Streben nach einer erleuchteten Gesellschaft sehr wichtig. Wer der Gesellschaft helfen möchte, wird sich fragen, wie man das wohl am besten macht und woher man die Sicherheit nehmen soll, dass das, was man tut, aufrichtig und gut ist. Die einzige Antwort ist Jetztheit. Jetzt, das ist der einzig wichtige Gesichtspunkt. Wenn du unfähig bist, das Jetzt zu erfahren, bist du mit jeder Unternehmung von vornherein auf dem Holzweg, weil du nach einem anderen Jetzt Ausschau hältst, und das ist nicht nur logisch ein Widerspruch, sondern funktioniert einfach nicht. Solange du das versuchst, gibt es nur Vergangenheit und Zukunft.

Chögyam Trungpa (1940 -1987) in: Das Buch vom meditativen Leben, Reinbek 1991, S. 107

Der bewiesene Nutzen von Krücken

Photo by Anna Shvets on Pexels.com

Eines Tages, mein Freund, verletzte sich ein Mann an seinem Bein. Er mußte nun mit einer Krücke gehen. Die Krücke war ihm sehr von Nutzen, sowohl beim Gehen als auch für andere Zwecke. Er brachte seiner ganzen Familie bei, Krücken zu benutzen, und sie wurden ein Bestandteil des täglichen Lebens. Jedermann wollte eine Krücke haben. Manche waren aus Elfenbein geschnitzt, andere mit Gold verziert. Man eröffnete Schulen, um die Menschen im Gebrauch der Krücken zu unterweisen, an den Universitäten wurden Lehrstühle eingerichtet, die sich mit den höheren Aspekten dieser Wissenschaft zu befassen hatten. Wenige, sehr wenige Menschen begannen schließlich, ohne Krücken zu gehen. Man hielt dies allgemein für skandalös und absurd. Und schließlich gab es ja auch viele Verwendungsmöglichkeiten für Krücken. Aber manche von ihnen beharrten auf ihrer Ansicht; sie wurden bestraft. Sie versuchten den Menschen zu zeigen, daß man eine Krücke nur dann benutzt, wenn sie nötig ist. Und daß man sich in vielen der Fälle, wo man jetzt eine Krücke benutzte, auf andere Weise besser behelfen könnte. Wenige hörten ihnen zu. Um den Vorurteilen zu begegnen, begannen einige von denen, die ohne Krücken gehen konnten, sich völlig anders zu verhalten als die etablierte Gesellschaft. Sie blieben wenige. Als man herausfand, daß – nachdem so viele Generationen die Krücken benutzt hatten – tatsächlich nur noch ein paar Menschen ohne Krücken gehen konnten, hielt die Mehrheit ihre Notwendigkeit für bewiesen.

Idries Shah (1924 – 1996)

Forme dir mein Gebet

Photo by cottonbro on Pexels.com

In einer chassidischen Geschichte
wird von einem als unwissend Bezeichneten erzählt,
dass er nicht weiß, wie man das Gebetbuch hält.
Nach oben, nach unten

So schlägt er es eines Tages wieder auf und sagt:

Herr der Welt!
In diesem Buch
sind alle Buchstaben.
Ich kann sie nicht lesen.
Forme dir
mein Gebet daraus.

Gott kann geliebt aber nicht gedacht werden

Foto: (c) wak

Jetzt wirst du mich fragen: „Wie soll ich an Ihn denken, und was ist Er?“ Darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es auch nicht. Denn du hast mich mit deiner Frage in die gleiche Dunkelheit und in die gleiche Wolke des Nichtwissens versetzt, in der ich dich selbst gern sähe. Denn alle anderen Geschöpfe und ihre Werke ja sogar die Werke Gottes selbst kann man durch Gnade zur Gänze erkennen, und es ist gut möglich, sich mit ihnen in Gedanken zu beschäftigen. Aber Gott selbst kann kein Mensch gedanklich erfassen. Und daher will ich alles, was ich denken kann, hinter mir lassen und zum Gegenstand meiner Liebe das erwählen, das nicht gedacht werden kann. Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden. Von der Liebe läßt er sich fassen und halten, vom Intellekt jedoch nicht. Und wenn es darum auch zuweilen gut ist, an die Güte und Erhabenheit Gottes im besonderen zu denken und wenn das auch den Geist erleuchtet und einen Teil der mystischen Kontemplation bildet, müssen doch solche Gedanken bei diesem Werk abgeworfen und mit einer Wolke des Vergessens bedeckt werden.

Wolke des Nichtwissens, 14. Jahrhundert, Kapitel 6

Diesen Garten mit dem Herzen betreten

Halte aber dieses Paradies der inneren Wonne nicht für einen körperlichen Ort. Diesen Garten betritt man nicht mit Füßen, sondern mit dem Herzen. Auch wird dir nicht der Reichtum an irdischen Bäumen angerühmt, sondern eine liebliche, herrliche Pflanzung überirdischer Tugenden. Es ist der verschlossene Garten, der versiegelte Quell, der sich in vier Ströme verzweigt und wo aus der einen Ader der Weisheit die Tugend vierfach sich entfaltet.

Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153)