Gott kann geliebt aber nicht gedacht werden

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Jetzt wirst du mich fragen: „Wie soll ich an Ihn denken, und was ist Er?“ Darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es auch nicht. Denn du hast mich mit deiner Frage in die gleiche Dunkelheit und in die gleiche Wolke des Nichtwissens versetzt, in der ich dich selbst gern sähe. Denn alle anderen Geschöpfe und ihre Werke ja sogar die Werke Gottes selbst kann man durch Gnade zur Gänze erkennen, und es ist gut möglich, sich mit ihnen in Gedanken zu beschäftigen. Aber Gott selbst kann kein Mensch gedanklich erfassen. Und daher will ich alles, was ich denken kann, hinter mir lassen und zum Gegenstand meiner Liebe das erwählen, das nicht gedacht werden kann. Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden. Von der Liebe läßt er sich fassen und halten, vom Intellekt jedoch nicht. Und wenn es darum auch zuweilen gut ist, an die Güte und Erhabenheit Gottes im besonderen zu denken und wenn das auch den Geist erleuchtet und einen Teil der mystischen Kontemplation bildet, müssen doch solche Gedanken bei diesem Werk abgeworfen und mit einer Wolke des Vergessens bedeckt werden.

Wolke des Nichtwissens, 14. Jahrhundert, Kapitel 6

Diesen Garten mit dem Herzen betreten

Halte aber dieses Paradies der inneren Wonne nicht für einen körperlichen Ort. Diesen Garten betritt man nicht mit Füßen, sondern mit dem Herzen. Auch wird dir nicht der Reichtum an irdischen Bäumen angerühmt, sondern eine liebliche, herrliche Pflanzung überirdischer Tugenden. Es ist der verschlossene Garten, der versiegelte Quell, der sich in vier Ströme verzweigt und wo aus der einen Ader der Weisheit die Tugend vierfach sich entfaltet.

Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153)

Die Wirklichkeit Gottes erfahren

Halte dein Denken leer,
dein Fühlen unabhängig
und dich selbst
in reiner Gegenwärtigkeit,
damit Gnade dich anrühren
und dich kräftigen kann
mit der Erfahrung
der wirklichen Gegenwart Gottes.

Brief persönlicher Führung. In: Wolke des Nichtwissens und Brief persönlicher Führung. Anleitung zur Meditation. Neu übertragen und herausgegeben von Willi Massa. Freiburg/Br. 1999, S. 153

Nichts ist ohne TAO

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Halte danach Ausschau –
du siehst es nicht;
horche darauf –
du hörst es nicht;
fasse danach –
du ergreifst es nicht;
begegne ihm –
du siehst kein Gesicht;
folge ihm –
du siehst keinen Rücken;
aufgehend ins Helle –
ohne Licht;
sich bergend im Dunkeln –
ohne Nacht;
gestaltlose Form –
zeichenloses Bild –
Ursprung: TAO.
Nur wer den Ursprung erfährt,
kann ganz im Augenblick sein;
ewig durchfließt ihn der Lebensstrom,
TAO.
Strömend hierhin, dorthin –
alles stammt aus ihm;
nichts ist ohne TAO.

Zitiert von Willi Massa in seinem Beitrag „Logos und Mysterium. Einheit und Verschiedenheit westlicher und östlicher Mystik“. In: Zu dir hin. Über mystische Lebenserfahrung von Meister Eckhart bis Paul Celan. Herausgegeben von Wolfgang Böhme. Frankfurt/M. 1990, S. 21

Ein-Sicht statt Aus-Schau

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Möchten doch jene,

die heute von früh bis spät nach Rettung und Hilfe A u s – S c h a u halten,

endlich zur E i n – S i c h t kommen!

Nur wenn die I n n e n – S c h a u

das Spähen nach außen a b l ö s t ,

kann auch im Ä u ß e r e n der Menschheit

Dasein m e n s c h e n w ü r d i g werden.

Bô Yin Râ / Josef Anton Schneiderfranken (1876 – 1943)

Den vollständigen Text von Bô Yin Râ  finden Sie hier:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH V
CII. JAHRGANG FRÜHJAHR 2021

gebunden. ISBN 978-3-948594-06-0 – 20,00 €

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Auf mystische Weise Gott erkennen

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Wer auf mystische Weise Gott erkennen will, muss über alle Vernunfterkenntnis hinaus, auch sich selbst lassend, sich in die Dunkelheit werfen. Dann wird er finden, wie das, was der Verstand für unmöglich hält, nämlich das Zugleich von Sein und Nichtsein, die Notwendigkeit selbst ist.
Dionysius sagt, dass man, seine Erkenntnisse selbst mit Füßen tretend, ohne Wissen zu Gott streben muss, weil es dann zu jener Vereinigung kommt, in der es ohne Erkenntnis Gewissheit gibt, wo die Dunkelheit Licht und die Unwissenheit Wissenschaft ist.
Niemand kann auf mystische Weise Gott schauen als allein in der Dunkelheit des Ineinsfallens der Gegensätze.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464)

Wir sind nicht sicher ob Gott uns hört

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Oft ist unser Vertrauen nicht absolut.
Wir sind nicht sicher,
ob Gott uns hört,
denn wir halten uns
für ein wertloses Nichts.

Genau diese Haltung
ist jedoch lächerlich
und die Ursache unserer Schwäche.

Juliana von Norwich (* um 1342 – nach 1413)

Das Nicht-Handeln üben

Die Bedeutenden nicht bevorzugen:
so verhütet man, daß die Leute streiten.
Schwer zu erlangende Güter nicht wert halten:
so verhütet man, daß die Leute zu Dieben werden.
Auf nichts Begehrenswertes sehen:
so verhütet man, daß das Herz sich verwirrt.
Also auch ist das die Ordnung des Berufenen:
Er macht ihr Herz leer und ihren Leib tüchtig.
Er macht ihr Begehren schwach und ihre Knochen stark.
Er sorgt stets, daß die Leute ohne Erkennen und ohne Begehren sind,
und daß jene »Erkennenden« nicht zu handeln wagen.
Das Nicht-Handeln üben:
so kommt alles in Ordnung.

Laotse (480 – 390 v.u.Z.)

Der Spiegel des Herzens

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Der höchste Mensch
gebraucht sein Herz wie einen Spiegel.
Er geht den Dingen nicht nach
und geht ihnen nicht entgegen;
er spiegelt sie wider,
aber hält sie nicht fest.
Darum kann er die Welt überwinden
und wird nicht verwundet.

Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Jena 1912, Buch VII, Seite 59

Mit allen Dingen in den Grund fließen

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Trage alles recht wieder in den Grund,
von dem es ausgeflossen ist,
halte dich bei nichts auf,
sondern fließe du selbst
mit allen Dingen da hinein.

Johannes Tauler (1300 – 1361)