Wie nun Gott in der Welt wohnet…

Wie nun Gott in der Welt wohnet,
und alles erfüllet, und doch nichts besitzet;
und das Feuer im Wasser wohnet und das nicht besitzt;
und wie das Licht in der Finsternis wohnet
und die Finsternis doch nicht besitzet;
der Tag in der Nacht und die Nacht im Tage;
die Zeit in der Ewigkeit und die Ewigkeit in der Zeit:
Also ist auch der Mensch geschaffen.

Er ist nach der äussern Menschheit die Zeit,
und in der Zeit;
und die Zeit ist die äussere Welt,
dasist auch der äussere Mensch.

Und der innere Mensch ist die Ewigkeit,
und die geistliche Zeit und Welt;
welche auch stehet in
Licht und Finsternis, als in Gottes Liebe,
nach dem ewigen Licht; und in Gottes Zorn,
nach der ewigen Finsternis:
welches in ihm offenbar ist,
darinnen wohnet sein Geist,
entweder in der Finsternis, oder im Lichte.

Jabob Böhme (1575 – 1624) in: Von der neuen Wiedergeburt

 

Uns mit seiner Fülle erfüllen

Thomas Merton | Bild: Archiv

Damit wir Gott zu erkennen und zu lieben vermögen, wie er ist, muss er auf eine neue Art in uns wohnen, nicht nur in seiner Schöpferkraft, sondern auch in seiner Erbarmung, nicht nur in seiner Größe, sondern auch in seiner Klarheit, durch die er sich leer macht und zu uns hinuntersteigt, um in unserer Leere leer zu sein und uns so mit seiner Fülle zu erfüllen. So überbrückt Gott den unendlichen Abstand zwischen sich und den Geistwesen, die geschaffen sind, ihn zu lieben, durch übernatürliche Mitteilung seines eigenen Lebens. Der Vater, der in der Tiefe aller Dinge und in meinen eigenen Tiefen wohnt, teilt mir sein Wort und seinen Geist mit, und in dieser Teilnahme werde ich in sein eigenes Leben einbezogen und erkenne Gott in seiner Liebe.

Thomas Merton (1915 – 1968) in: Verheißungen der Stille. Luzern-Stuttgart 1963

 

Tiefe und Erkenntnis seines Nichts

Foto: © wak

 

Suche nichts als ein reines, einfaches Entsinken
in das reine, einfache, unbekannte, namenlose,
verborgene Gut, das Gott ist,
und in alles, was sich in ihm enthüllen mag.

Alles soll sich an sein Nichts halten:
Nichts wissen, nichts erkennen, nichts wollen,
nichts suchen, nichts haben wollen.

Suche weder Empfindung noch Erleuchtung!
Entsinke in dein Nicht-wissen
und Nicht-wissen-wollen!

Die Tiefe, die in Gott ist,
ist ein solcher Abgrund,
dass aller geschaffene Verstand
sie nicht zu erreichen
noch zu ergründen vermag.

Dieser Tiefe soll der Mensch begegnen
mit der eigenen Tiefe:
das ist, dem grundlosen Abgrund
einer unergründlichen Selbstvernichtung.

Das heißt: könnte er ganz
zu einem lauteren Nichts werden,
das hielte er für recht und billig.

Das kommt aus der Tiefe
und der Erkenntnis seines Nichts.

Johannes Tauler (* um 1300 – 1361)

Seele, Geist und Herz

Willst du dich selbst erkennen, so wisse, dass du aus zwei Dingen geschaffen bist. Das eine ist diese äußere Hülle, die man Leib nennt und mit dem äußeren Auge sehen kann. Das andere ist jenes Innere, das man bald, Seele, bald Geist und bald Herz nennt, und das nur von dem inneren Auge erkannt werden kann.

Muhammad  ibn Muhammad al-Ghazali (ca. 1058–1111) in: Das Elixier der Glückseligkeit

Den Menschen zum Aufstehen gebracht

 

Foto: © wak

O wie wunderbar ist doch die Vorausschau im Herzen der Gottes,
in der er jedes Geschöpf vorherwusste!
Denn Gott ins Antlitz des Menschen blickte,
den er geschaffen,
wurde er aller sein Werke
in jener unversehrten Menschengestalt gewahr.
O wie wunderbar ist diese Einhauchung,
die so den Menschenzum Aufstehen brachte!

Hildegard von Bingen (1098 – 1179)

Den Seelengrund aufgeschlossen finden

Foto: © wak

Wenn Gott den Menschen so in völliger Entwordenheit und Hingabe sich gänzlich zugewendet und seinen Seelengrund aufgeschlossen findet, neigt sich der Gottesgrund ihm zu und ergießt sich in den ihm offenen und gelassenen Seelengrund, überformt den geschaffenen Seelengrund mit der Fülle seines Lichts und zieht ihn durch diese Überformung in die Ungeschaffenheit des Gottgrundes, so daß der Geist ganz eins mit ihm wird.

Johannes Tauler (ca. 1300 – 1361)

Offener und gelassener Seelengrund

Foto: © wak

Wenn Gott den Menschen so in völliger Entwordenheit und Hingabe sich gänzlich zugewendet und seinen Seelengrund aufgeschlossen findet, neigt sich der Gottesgrund ihm zu und ergießt sich in den ihm offenen und gelassenen Seelengrund, überformt den geschaffenen Seelengrund mit der Fülle seines Lichts und zieht ihn durch diese Überformung in die Ungeschaffenheit des Gottgrundes, so daß der Geist ganz eins mit ihm wird.

Johannes Tauler (ca. 1300 – 1361)

Der Tiefe begegnen

Impression von der Raketenstation HombroichFoto: © wak

Suche nichts als ein reines, einfaches Entsinken
in das reine, einfache, unbekannte, namenlose,
verborgene Gut, das Gott ist,
und in alles, was sich in ihm enthüllen mag.

Alles soll sich an sein Nichts halten:
Nichts wissen, nichts erkennen, nichts wollen,
nichts suchen, nichts haben wollen.

Suche weder Empfindung noch Erleuchtung!
Entsinke in dein Nicht-wissen
und Nicht-wissen-wollen!

Die Tiefe, die in Gott ist,
ist ein solcher Abgrund,
dass aller geschaffene Verstand
sie nicht zu erreichen
noch zu ergründen vermag.

Dieser Tiefe soll der Mensch begegnen
mit der eigenen Tiefe:
das ist, dem grundlosen Abgrund
einer unergründlichen Selbstvernichtung.

Das heißt: könnte er ganz
zu einem lauteren Nichts werden,
das hielte er für recht und billig.

Das kommt aus der Tiefe
und der Erkenntnis seines Nichts.

Johannes Tauler (* um 1300 – 1361)