Widersprüchlichkeit der Welt und des Menschen

Selbst in dem vollkommensten philosophischen Antipoden Montaignes, dem schwerblütigen und eigensinnigen, dumpfen und dunkeln Jakob Böhme lebt etwas von Montaigneschem Geiste. Denn keiner hat das Prinzip der coincidentia oppositorum, der  Widersprüchlichkeit der Welt und des Menschen, so bohrend durchgedacht und so allseitig beleuchtet wie dieser tiefgründige Schustermeister. Eines Tages bemerkte er ein dummes altes Zinngefäß, in dem sich die Sonne spiegelte, und sagte sich mit Erstaunen: dies ist nur ein schlechter grober Zinnkrug und doch ist in ihm die ganze Sonne! Darauf wurde er, was man „tiefsinnig“ nennt, zog sich zurück und  schrieb eines der schönsten theosophischen Bücher. Es war ihm die plötzliche Einsicht aufgegangen, dass alles auf dieser Welt sich nur an seinem Gegensatze zu offenbaren vermöge: das Licht an der Finsternis, das Gute am Bösen, das Ja am Nein, Gott an der Welt, seine Liebe an seinem Zorn, und dass daher alles Sein nicht nur aus Gegensätzen bestehe, sondern auch durch Gegensätze, denn ihnen allein verdankt es seine Existenz.

Egon Friedell (1878 – 1938) in: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1969, S. 372

Mehr zu Jakob Böhme findet sich in den „Magischen Blättern“… https://verlagmagischeblaetter.eu/

Nicht-Wissen – Nicht-Wollen – Nicht-Denken

Foto: (c) wak

Das Nicht-Wollen in Gott gilt mehr als das gute Wollen für Gott. Der innere Zustand des Nicht-Wissens und des Nicht-Wollens befreit die Seele. In Wahrheit ist es doch ein Nichts, das uns über Gott vermittelt werden kann oder können wird. Gott ist so groß, dass die Seele nichts von ihm begreifen kann. Und dieses Nichts gibt ihr das Ganze, denn sie hat alles frei gegeben, ohne irgendein Warum. Dann gelangt sie zu einem Erstaunen, das man das Nicht-Denken von nahem Fern-Denken nennt, das ihr ganz nahe ist. Dann nämlich lebt die Seele nicht nur im Leben der Gnade und nicht nur im Leben nach dem Geist, sondern auch im göttlichen Leben, frei und göttlich. Dann nämlich hat Gott sie geheiligt durch Sich Selbst.

Margarete Porete (1250-1310)

Wahrhaft Mensch sein

Hazrat Inayat Khan / Bild: Archiv

„Der Zweck der ganzen Schöpfung ist erfüllt, wenn die Vollkommenheit erreicht wird, die der Mensch erreichen kann. Die Heiligen, Seher, Weisen, Propheten, die Meister der Menschheit, sie alle waren menschliche Wesen, und sie offenbarten Göttliche Vollkommenheit durch die Erfüllung ihrer Bestimmung: Wahrhaft Mensch zu sein!” Und „Das Wissen um den Zweck des Lebens verleiht dem Menschen die Kraft, standzuhalten inmitten der widerstrebenden Mächte des Lebens.“

Hazrat Inayat Khan (1882 – 1927)

Wir brauchen keine Aufwiegler sondern Propheten

Foto: (c) wak

Wir brauchen eine neue Offenbarung, eine, die die Hinfälligkeit derer verkündet, denen wir anhängen, aber die, denen wir anhängen, sind da, ihr tödliches Gewicht verbündet sich mit dem Verhängnis, das uns zermalmt, Ordnung und Chaos bilden ein Ganzes, das wir nicht zu zerbrechen vermögen. Die Anarchisten und die Nihilisten sind die letzten vernünftigen und sensiblen Menschen unter den Tauben, die marschieren, und den Blinden, die kämpfen, aber es genügt im jetzigen Zeitalter weder, Recht zu haben, noch zu fühlen, um irgendetwas zu verändern, die Ordnung muss durch eine Ordnung und nicht durch eine Unordnung ersetzt werden und die Moral durch eine Moral und nicht durch Unmoral, so wie der Glaube durch einen Glauben ersetzt werden muss, und nicht bloß durch eine Leere und die toten Götter durch neugeborene Gottheiten. Wir brauchen keine Aufwiegler, sondern Propheten, wir brauchen religiöse Genies auf der Höhe dieser Zeiten und unserer Werke,

Albert Caraco (1919 – 1971) hat das apokalyptische Empfangsszenario in seinem Text „Brevier des Chaos“ von 1982 beschrieben. Zitiert ist es in: Liebe und Zorn Eine Lange Nacht über den Mystiker und Theosophen Jacob Böhme von Ronald Steckel

Texte aus der Langen Nacht über Jacob Böhme sind hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

… selbst ein Mystiker sein

Kirchenfenster von Josef Albers | Foto: (c) wak

Sie verlangen zu wissen, was man eigentlich durch die Mystik verstehe. Ich antworte: Das kann keiner recht sagen, oder er muss selbst ein Mystiker sein, und keiner gebührend verstehen, wo er nicht selbst auf dem Wege ist, ein solcher zu werden.

Gerhard Tersteegen (1697 – 1769)

Torweg der Stille | Hörbuch mit Texten von Huang Bo

Foto: © wak

 

Der Eine Geist ist die reine Quelle,
die allen Menschen innewohnt.

Unsere ursprüngliche Natur ist in Wahrheit
ohne die geringste Gegenständlichkeit.
Sie ist leer, allgegenwärtig, schweigsam, rein.
Sie ist herrlich und geheimnisvoll friedliche Freude,
nichts anderes.

Dieser reine Geist, die Quelle von allem,
scheint für immer und auf alle
mit dem Glanz seiner eigenen Vollendung.
Volles Verständnis kann nur
durch ein unausdrückbares Geheimnis kommen.

Der Zugang zu ihm heißt der Torweg der Stille
jenseits aller Tätigkeit.

Huangbo Xiyun / Huang Po / Huang Bo († 850)

 

Ronald Steckel hat aus den überlieferten Reden des Huang Bo den Text für ein Hörbuch destilliert. Die Sprecher sind Max Hopp, Martin Engler u. v. a.

Hörbuch  20:17 Min. ~ 10 €

Bestellmöglichkeit hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

In gewissem Sinne leer

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Zen ist Bewusstsein ohne die Struktur einer besonderen Form oder eines besonderen Systems, ein transkulturelles, transreligiöses, transformiertes Bewusstsein. Deshalb ist es in gewissem Sinne „leer“. Aber es kann durch dieses oder jenes religiöse oder irreligiöse System hindurch scheinen, so wie Licht durch ein Glas hindurch scheinen kann, das blau ist oder grün, rot oder gelb. Wenn Zen überhaupt eine Vorliebe hat, dann zieht es einfaches Glas vor, das keine Farbe hat und eben „einfaches Glas“ ist.

ThomasMerton (1915 – 1968) in: Weisheit der Stille, 1975, S. 12

Dich selbst wahrnehmen

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Ich habe in dir
die Wahrnehmung geschaffen,
damit du das Objekt
der Wahrnehmung bist.

Durch meinen Blick
siehst du mich
und sehe ich dich.

Du könntest mich nicht
durch dich selbst wahrnehmen.
Wenn du mich jedoch wahrnimmst,
nimmst du dich selbst wahr.

 Ibn Arabi (1165 – 1240)

In der Stille zum Wissen gelangen

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Wo Wasser, Erde, Feuer und Luft
keinen Boden findet –
dort leuchten Lichter nicht,
nicht strahlt die Sonne,
dort scheint der Mond nicht,
nicht findet sich dort Dunkelheit.
Und wenn der Weise
durch sich selbst
in der Stille zum Wissen gelangt ist,
dann wird er frei
von Gestalt und Nicht-Gestalt,
von Glück und Leid.

Buddha in der Schrift Udāna (Aufatmen)

Die Seele lebt durch das was sie liebt

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Die Seele lebt durch das,
was sie liebt, eher als im Körper,
den sie beseelt.
Denn sie hat nicht ihr Leben im Körper,
sondern verleiht es eher dem Körper
und lebt in dem, was sie liebt.

Johannes vom Kreuz / Juan de la Cruz (1542 – l591)