Ein Sitzkissen unter leerem Himmel, das Gewicht einer Flamme

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Mit ganzer Energie von Körper und Geist, beide vollständig in den strahlenden Lichtschatz fallen lassen, ohne zurück zu schauen. Ohne die Erleuchtung zu suchen. Ohne die Illusionen vertreiben zu wollen. Die aufkommenden Gedanken weder hassen noch lieben, und sie vor allem nicht unterhalten. Auf jeden Fall, was immer auch sei, das große Sitzen üben, hier und jetzt. Wenn ihr das Denken nicht unterhaltet, kehren die Gedanken in den Ursprung zurück. Wenn ihr euch in der Ausatmung aufgebt und euch von der Einatmung füllen lasst – in einem harmonischen Kommen und Gehen – bleibt nichts mehr als ein Sitzkissen unter leerem Himmel, das Gewicht einer Flamme.

Ejo Koun (1198-1282)

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Anrufung Milarepas

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Lama, Schutzgottheit und Geister,
drei vereint in einem –
rufe sie an!

Meditation, Erleuchtung und Liebe zu allen Wesen,
drei vereint in einem –
meistere sie!

Dieses Leben, das nächste und das Stadium zwischen Tod und neuem Leben,
drei vereint in einem –
betrachte ihre Einheit!

Anrufung Milarepas

Es wird weder Kommen noch Gehen geben

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Der erhabene Weg ist in seinem Wesen großmütig.
Er ist weder schwierig noch leicht.
Aber jene mit begrenztem Blick
sind furchtsam und unentschlossen.
Je schneller sie eilen, desto langsamer kommen sie voran.
Und das Anhaften und Greifen
ist nicht auf bestimmte Bereiche begrenzt.
Selbst das Anhaften an die Idee der Erleuchtung
lässt in die Irre gehen.
Lass einfach die Dinge ihren eigenen Weg gehen,
und es wird weder Kommen noch Gehen geben.

Sosan (um 600) in: Shinjinmei – Verse über das Vertrauen in den einen Geist

Wo sich der Grund des Herzens öffnet

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Wenn die Seele ihren Schöpfer schaut, wird ihr die ganze Schöpfung zu eng. Hat sie auch nur ein wenig vom Licht des Schöpfers erblickt, wird ihr alles Geschaffene verschwindend klein. Denn im Licht innerer Schau öffnet sich der Grund des Herzens, weitet sich in Gott und wird so über das Weltall erhoben. Die Seele des Schauenden wird über sich selbst hinausgehoben. Wenn das Licht Gottes sie über sich selbst hinausreißt, wird sie in ihrem Inneren ganz weit; wenn sie von oben hinabschaut, kann sie ermessen, wie klein das ist, was ihr unten unermesslich schien.

Der Mann Gottes, der die Feuerkugel sah und die Engel, die zum Himmel zurückkehrten, konnte dies ganz gewiss nur im Licht Gottes erkennen. Ist es erstaunlich, dass er die ganze Welt vor sich sah, da er durch die Erleuchtung des Herzens über die Welt hinausgehoben war?

Wenn er aber, wie gesagt, die ganze Welt als eine Einheit vor sich sah, so wurden nicht Himmel und Erde eng, sondern die Seele des Schauenden weit; in Gott entrückt, konnte er ohne Schwierigkeit alles schauen, was geringer ist als Gott. In dem Licht, das seinen Augen aufleuchtete, erstrahlte in seinem Herzen ein inneres Licht. Weil dieses seinen Geist in den Himmel entrückte, zeigte es ihm, wie eng alles Irdische ist.

Gregor der Große (ca. 540 – 604) in: Vier Bücher der Dialoge über die Wunder der italischen Väter

Teilhaben an der Stille

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Fragt mich jemand, wo er wohl nach der Buddha-Natur suchen solle, so begegne ich ihm mit meiner Buddha-Natur. Fragt mich jemand nach Bodhisattvas, so zeige ich ihm echtes Mitgefühl, die Eigenschaft jedes Bodhisattvas. Fragt mich jemand nach der Erleuchtung, dann antworte ich ihm durch Nicht-Antworten und zeige ihm somit Unaussprechlichkeit. Fragt mich schließlich jemand nach Nirvana, dann lasse ich ihn teilhaben an der Stille, der Funktion des Nirvana.

Rinzai Gigen Zenji alias Lin-chi (um 850)

Die Begegnung mit Gott suchen

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Der Mystiker sucht die Begegnung mit Gott. Sein Bild von Gott wird von der Vorstellungswelt der Gesellschaft, in der er lebt, geprägt. Die institutionalisierte Religion ist immer der Ausgangspunkt des Mystikers. Doch auf seiner Suche nach Gott entfernt er sich von dieser Religion, die Gott zu einem Objekt des Wissens gemacht hat, über den alles in der Glaubenslehre gesagt ist. Der Mystiker will nicht alte, festgelegte Dogmatik, sondern neue, lebendige Erfahrung. Insofern hat die Mystik eine Tendenz zur Ketzerei. Die Offenbarung Gottes betrachtet sie nicht als einen abgeschlossenen Akt, sondern als eine andauernde Tätigkeit: Gott offenbart sich fortwährend in seiner Schöpfung und ist deshalb auch immer wieder neu in ihr zu entdecken. Der Weg zu dieser Entdeckung führt einmal über die Anschauung der äußeren Natur, die meistens als eine Stufenfolge betrachtet wird, Stufe für Stufe führt der Weg vom Niedrigsten zum Höchsten hinauf; zum anderen führt der Weg nach Innen, es ist das »Loslassen« alles Äußeren, Äußerlichen, auch des eigenen Wünschens und Wollens; das ist der Weg der Meditation. Alle Anstrengung, diesen Weg zu beschreiten, hilft jedoch letztlich nicht; denn die Erleuchtung, die mystische Schau, kann nicht willentlich her- beigeführt werden: sie ereignet sich.

Hans Dieter Zimmermann im Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen Buch Rationalität und Mystik. Frankfurt/M. 1981, S. 14