Durch mystische Salbung umgestaltet

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Willst du wissen, wie Erleuchtung geschieht,
dann frage die Gnade, nicht die Wissenschaft;
die Sehnsucht, nicht den Verstand;
das Seufzen des Gebetes, nicht das forschende Leben;
den Bräutigam, nicht den Lehrer;
Gott, nicht den Menschen;
die Dunkelheit, nicht die Helle;
nicht das Licht, sondern jenes Feuer,
das ganz und gar entflammt und durch mystische Salbung
und brennendste Liebe in Gott umgestaltet.
Dieses Feuer hat Christus in uns entzündet.

Bonaventura von Bagnoreggio (1221 – 1274)

Möglichkeit das All umfassender Erleuchtung

Was ist Mystik? Mystik, ich bin geneigt, das deiktisch einzuführen, sind Texte, denen es an wesentlicher Stelle immer wieder darum geht…, dass das Große und das Kleine sich vielleicht nicht so arg unterscheiden, dass das Ein und das Alles eins sind, Texte, die Paradoxe lieben, die mit der Idee liebäugeln, dass an entscheidender Stelle nicht etwas (oder: Etwas), sondern vielmehr nichts (oder: Nichts) ist, Texte, die etwas gegen die üblichen Vorstellungen von Gelehrsamkeit in Stellung bringen und auf Intuition und die Möglichkeit allumfassender (durchaus: das All umfassender) Erleuchtung setzen, was wieder nicht gelernt, allenfalls an Vorbildern geübt oder irgendwie erfasst wird. Wenn man nun etwa Nikolaus von Kues oder Meister Eckhart liest, stößt man auf Passagen, die dem Daodejing durchaus ähneln…

Laozi: Daodejing. Eine Übertragung von Jan Philipp Reemtsma. München 2017. Hier: Ein paar Bermerkungen hernach S. 106

Alle Gegensätze aufgehoben

Der Ochse und sein Hirte ~ Bild 8 | Archiv

Im Zen-Buddhismus hat man die ganze Entwicklung vom Zustand vor der Erleuchtung bis zur Erleuchtung und ihrer vollen Auswirkung durch die sog. „Zehn Bilder des Rindes“ (jugyuzu) symbolisch dar gestellt. Der Verlauf ist kurz folgender: Die Bilder stellen einen Bauern dar, der sein Rind sucht, das ihm davongelaufen ist. Nach vielem Suchen entdeckt er die Fußspuren und schließlich auch das Rind selbst. Mit vieler Mühe legt er ihm den Zügel an, aber das Tier sträubt sich noch, ihm zu folgen. Endlich gelingt es ihm, das Rind wieder zu gewöhnen, und er sitzt nun, vergnügt die Flöte spielend, auf seinem Rücken. Das Tier geht, wohin er will. Das sind die ersten sechs Bilder. Das Rind ist das wahre Selbst, das der Mensch verloren hat. Er sucht lange und findet es. Das ist der Augenblick des Satori. Aber die Leidenschaften sind noch widerspenstig, bis er schließlich seiner selbst Herr wird und zur wahren Freiheit gelangt. Auf dem siebten Bilde ist er allein. Das heißt, das Ich und sein Herz sind eins geworden. Das achte Bild stellt nur einen leeren Kreis dar: alle Gegensätze sind aufgehoben, selbst der von Erleuchtung und Nicht-Erleuchtung. Das neunte Bild stellt eine Landschaft dar. In der Außenwelt hat sich nichts geändert, aber der Erleuchtete sieht sie mit anderen Augen als vorher. Auf dem zehnten und letzten Bild sehen wir, wie er sich bemüht, auch seinen Mitmenschen den Weg aufzuzeigen, auf dem er selbst das wahre Glück gefunden hat.

Hugo M. Enomiya-Lassalle: Erleuchtungsweg des Zen-Buddhismus und christliche Mystik. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.) Abendländische Therapie und östliche Weisheit. Stuttgart 1968, S. 90/91

Böhmes Schriften sollen zur Erleuchtung führen

Jacob Böhme / Bild: Archiv

Jacob Böhmes Schriften sollen zu einer Erleuchtung führen, zu einer Gelassenheit religiöser Art, zu deren performativer Gewissheit ekstatische Zustände gehören oder inspirierte Schreib-Räusche …

Böhmes Anweisungen, überdeutlich in ihrem apokalyptischen Anspruch, deuten auf den Zweck der Lektüre seiner Schriften.

Aus: Die Rezeption Jacob Böhmes im 20. Jahrhundert von Thomas Isermann (*1957)

Der ganze Beitrag Isermanns, der näher auf diese Fragen eingeht, ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang September 2021 Heft 9, Thema: DIE MAGIE DER SPRACHE

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Den Geist mit Licht und Heiterkeit überfluten

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Alle Wirklichkeit, die es gibt, alle Güte des Existierenden und Guten … können wir in einer einzigen metaphysischen Intuition des Seins und des Guten an sich geistig kosten und genießen.

… Dabei werden das Sein und die Güte, an denen alle Einzeldinge teilhaben, in einer einzigen lichtvollen Intuition erfasst, die unseren ganzen Geist mit Licht und Heiterkeit überflutet. Diese Intuition ist etwas so Gewaltiges, dass die heidnischen Philosophen sie für die höchste Seligkeit hielten, welche der Mensch je mit seinen natürlichen Kräften allein erlangen kann.

Thomas Merton (1915 – 1968) über Erleuchtung in seinem Buch „Aufstieg zur Wahrheit“, Einsiedeln 1952, S. 182 – 183

Erleuchtung ist eine Erhellung der Wirklichkeit

Erwählte des lebendigen Vaters / Thomas-Evangelium

 

Zur Wirklichkeit zu erwachen bedeutet, dass Form und Leerheit (Gott und Welt) zwei Aspekte der einen Wirklichkeit sind. Die Realisation dieser Wirklichkeit besagt, dass am Ursprung Bewusstsein steht, auch wenn der Mensch durch seine Körperidentifikation egobedingt ein grobstoffliches Universum wahrnimmt. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die Schlange, die man in einem Stück Seil im Dunkeln wahrzunehmen glaubt. Angst und Entsetzen werden ausgelöst durch etwas, was nicht existiert. Wird das Stück Tau als solches erkannt, verschwinden Angst und Entsetzen. Erleuchtung ist nichts anderes als eine Erhellung der Wirklichkeit. Wer erkennt, dass es keinen Unterschied zwischen Form und Leerheit, zwischen Samsara und Sunyata (Brahman), zwischen dieser Form und der Nichtform, gibt, ist auferstanden.

Die Wirklichkeit spricht sich in allem aus, was Form hat. Immer ist der Mensch Sohn und Tochter Gottes, wie das Thomasevangelium sagt: „Wenn man euch fragt: ‚Wer seid ihr?‘, sagt: ‚Wir sind seine Söhne und Töchter und wir sind die Erwählten des lebendigen Vaters'“ (Thomasevangelium, 50). – Auch wenn es der Verstand nicht begreift: Wiedererstehen wird immer nur die Erste Wirklichkeit, die wir hier und jetzt leben.

Willigis Jäger (1925 – 2020)

Leere Rollen mit spiritueller Wahrheit

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Als die buddhistischen Textrollen erstmals von Indien nach China gebracht wurden, stellte man unterwegs fest, dass sie leer waren. Diese leeren Rollen enthielten die spirituelle Wahrheit. Doch wie nur Ananada allein verstand, als Buddha schweigend eine Blume hochhielt, während die anderen des „Stufenwegs der Erleuchtung“ bedurften, so braucht die Menschheit eine stufenweise Annäherung an die große Leere. Beschriebene Rollen dienten als Ersatz, um den Suchenden zu helfen, den inneren Pfad zu verstehen

Llewellyn Vaughan-Lee (* 1953) in: Der Liebesbund. Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Wegs. Interlaken 1993, S. 25

Keine Dunkelheit wird mehr sein

Hermes Trismegistos in einem Bodenmosaik | wikimedia gemeinfrei

 

Die Wahrheit, Gewißheit, das Wahrste, ohne Unwahrheit. Das Obere ist wie das Untere. Das Untere ist wie das Obere. Zu erlangen ist: das Wunder der Einheit. Alles ist geformt von der Betrachtung der Einheit, und alles kommt – durch Angleichung – aus der Einheit. Ihre Eltern sind Sonne und Mond, der Wind hat sie geboren, die Erde sie genährt. Jedes Wunder ist von ihr, und ihre Macht ist vollkommen. Wirf sie auf die Erde, und Erde wird von Feuer sich trennen. Das Ungreifbare getrennt vom Greifbaren. Durch Weisheit erhebt sie sich langsam von der Erde in den Himmel. Dann steigt sie zur Erde nieder, verbindend das Obere und das Untere. So werdet ihr die Erleuchtung der ganzen Welt haben, und keine Dunkelheit wird mehr sein. Dies ist die Macht aller Stärke: das Ungreifbare fügt sich ihr, das Feste durchdringt sie. Auf diese Weise wurde die Welt erschaffen. Die Zukunft wird herrliche Entwicklungen bringen, und dies ist der Weg. Ich bin Hermes, der dreifältige Weise; ich wurde so genannt, weil ich die drei Elemente aller Weisheit bewahre. Und so endet die Offenbarung des Werkes der Sonne.

Die Lehren, die Hermes Trismegistos zugeschriebn werden, hat Idries Shah so übersetzt in: Die Sufis. Die Botschaft der Derwische, Weisheit der Magier. Ein Kompendium der Sufi-Geschichte und -Lehre

 

Über alles Sagbare hinausgerückt

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Wir können nur sagen, dass die Urgottheit überhoch über alles Sagbare hinausgerückt ist, über jegliche Beschaffenheit oder Bewegung oder Eingebung, Erleuchtung oder Meinung oder Erkenntnis, über jegliches Leben oder Wort oder Wesen, über jeglichen Namen oder Gedanken, über Stand und Stellung, über Vielheit und Einigung, Anfang und Ende, ja über die Unendlichkeit selbst noch hinaus: kurz über alles, was ist oder werden kann.

Dionysios Areopagita (5. Jahrhundert)