Wahre Natur der Unwissenheit

Halte nicht fest an Vorstellungen,
die aus Unwissenheit gezimmert sind;
schaue mitten hinein
in die wahre Natur der Unwissenheit.

Der Schwarm von Gedanken, befreit, sobald er aufsteigt,
ist Leerheit-Gewahrsein;
Dieses Leerheit-Gewahrsein ist nichts anderes
als die Weisheit des absoluten Raumes.

In der spontanen Befreiung der Unwissenheit rezitiere:
„Om mani peme hung.“

Patrul Rinpoche (1808-1887)

Wer bin ich?

Ramana Maharshi (1879 – 1950)

Wer bin ich?

Foto: wikimedia/gemeinfrei

Ramana Maharshi (1869 – 1950) antwortete auf die Frage eines Schülers:

„Wie muss man erforschen: ‚Wer bin ich?’“ folgendes:

Handlungen wie Gehen und Kommen betreffen lediglich den Körper. Und wenn man sagt: „Ich ging, ich kam“, unterstellt man, dass der Körper „Ich“ sei. Aber kann es richtig sein, dass der Körper, den es vor der Geburt nicht gab, der aus den fünf Elementen besteht, der während des Tiefschlafs nicht existiert und der mit dem Tod ein Leichnam wird, wirklich das „Ich“-Bewusstsein ist? Kann der Körper, der schwerfällig wie ein Holzklotz ist, das strahlende „Ich-Ich“ sein? Hier liegt der Grund, warum das „Ich“-Bewusstsein, das mit dem Körper verbunden ist, Einbildung (Tarbodham), Ego (Ahankara), Unwissenheit (Avidya), Maya, Unreinheit (Mala) oder individuelle Seele (Jiva) genannt wird. Wie kann man dies nicht ergründen wollen! Ist es nicht Sinn und Zweck der Schriften, uns mit Hilfe der Erforschung zur Erlösung zu führen, wenn sie sagen, dass die Vernichtung der Einbildung Befreiung (Mukti) bedeutet? Man sollte also den Körper-Leichnam einen Leichnam sein lassen und, ohne das Wort „Ich“ auch nur zu sagen, direkt ergründen: „Was ist es, das jetzt als ‚Ich“ in Erscheinung tritt?“ Dann wird im Herzen ein stilles, glänzendes Licht als „Ich-Ich“ erstrahlen. Aus sich selbst heraus wird das reine, unbegrenzte, einzige Bewusstsein leuchten; alle Begrenzung und Vielfalt der Gedanken wird verschwunden sein. Wenn man dann still bleibt und diesen Zustand nicht verlässt, wird das Ego, das Gefühl der Individualität in Gestalt von „Ich bin der Körper“ vollständig aufgelöst und schließlich auch der letzte Gedanke, die „Ich“-Form, ausgelöscht werden, wie das Feuer, das Kampfer verbrennt. Die Heiligen und die Schriften sagen klar, dass das allein Befreiung ist.

Wie sich für Buddha die Erleuchtung anfühlte

Die Erleuchtung fühlte sich für Gautama Buddha an, als sei ein Gefängnis, das ihn Tausende von Lebzeiten umschlossen hatte, nun aufgebrochen. Unwissenheit war der Wärter dieses Gefängnisses gewesen. Unwissenheit hatte seinen Geist verdunkelt, so wie die stürmischen Wolken den Mond und die Sterne verbargen. Von endlosen Wogen täuschender Gedanken getrübt, hatte der Geist die Wirklichkeit in Subjekt und Objekt geteilt, in Selbst und Andere, Sein und Nicht-Sein. Und aus diesen Unterscheidungen entstanden die falschen Sichtweisen – die Gefängnisse von Empfindung, Begierde, Ergreifen und Werden.
Das Erleiden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod machte die Gefängnismauern nur noch dicker. Es gab nur eins zu tun: den Gefängniswärter zu ergreifen und sein wahres Gesicht zu schauen. Der Gefängniswärter war die Unwissenheit. Und das Mittel, die Unwissenheit zu überwinden, war der Edle Achtfache Pfad. War der Gefängniswärter erst fort, dann würde auch das Gefängnis verschwinden und niemals wieder aufgebaut werden.

Thich Nhat Hanh (* 1926)

Auf der Suche nach sich selbst

Ohne es zu wissen, bist du auf der Suche nach dir selbst. Du sehnst dich nach Liebe, nach dem, was der Liebe würdig ist, nach dem absolut Liebenswerten. Auf Grund deiner Unwissenheit suchst du in der Welt der Gegensätze und Widersprüche. Wenn du es in dir selbst findest, dann wird deine Suche vorüber sein.

Nisargadatta  (1897- 1981)

Fähigkeit zu unterscheiden

Befassen wir uns jetzt mit dem traumlosen Schlaf. In welchem Zustand befindest du dich da? Kann das deine wahre Natur sein? Sicherlich nicht, du wirst doch nicht so töricht sein, dich mit dieser totalen Finsternis zu identifizieren, die dich daran hindert, den Zustand, in dem du dich gerade befindest, zu erkennen. Als denkender Mensch hast du die Fähigkeit, dich von allen Dingen, die dich umgeben, zu unterscheiden, wie kannst du dann gelten lassen, der Unwissenheit oder der Leere gleich zu sein? Wie soll das deine wahre Natur sein? Sie kann es nicht sein. Du weisst also, dass dieser Zustand dichter Finsternis deine wahre Natur verschleiert, wie kannst du dann das sein, was du als unwirklich erkannt und daher verworfen hast? Diese dunkle Unwissenheit des Tiefschlafes bist du also nicht. Etwas anderes bist DU.

Aus „Ellam Ondre“