Suchender und Findender werden

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…ich sprach in dieser Weise:
daß der Mensch ein Gott in allen Dingen suchender
und ein Gott zu aller Zeit
und an allen Stätten
und bei allen Leuten
in allen Weisen
findender Mensch werden müßte.
Darin kann man allzeit
ohne Unterlaß zunehmen und wachsen
und nimmer an ein Ende kommen des Zunehmens.

Meister Eckhart (1260 bis 1328) in „Reden der Unterweisung“, XXII

Geheimnisvoll schweigendes Verstehen

Alles Denken muss zum Irrtum führen.
Es gibt nur die eine Wirklichkeit,
die nicht zu erfahren
und nicht zu erlangen ist.
Es gibt eben nur ein
geheimnisvoll schweigendes Verstehen
und nichts anderes.

Huang Po / Huangbo Xiyun ( + 850)

Alles geben für alles

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Das „mystische Erlebnis“. Jederzeit: hier und jetzt – in Freiheit, die Distanz ist, in Schweigen, das aus Stille kommt. Jedoch – diese Freiheit ist eine Freiheit unter Tätigen, die Stille eine Stille zwischen Menschen. Das Mysterium ist ständig Wirklichkeit für den, der inmitten der Welt frei von sich selber ist: Wirklichkeit in ruhiger Reife, in der Bejahung hinnehmender Aufmerksamkeit. Der Weg zur Heilung geht in unserer Zeit notwendig über das Handeln. – „Man muss alles geben für alles.“

Dag Hammarskjöld (1905 – 1961) – Tagebucheintrag aus dem Jahr 1955

Geteilte Welten in Christus transzendieren

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Wenn ich in mir das Denken und die Frömmigkeit der östlichen und westlichen Christenheit, der griechischen und lateinischen Väter, der Russen mit den spanischen Mystikern vereinige, kann ich in mir die Wiedervereinigung der getrennten Christen vorbereiten. Von dieser geheimen und unausgesprochenen Einheit in mir selbst kann schließlich eine sichtbare und manifeste Einheit aller Christen entstehen.  Wenn wir zusammenbringen wollen was geteilt ist, können wir dies nicht tun, indem wir eine Spaltung über die andere stülpen oder die eine Spaltung in die anderen. Wenn wir das aber tun, ist die Vereinigung nicht christlich. Sie ist politisch, und zu weiteren Konflikten verdammt. Wir müssen alle geteilten Welten in uns enthalten und sie in Christus transzendieren.

Thomas Merton (1915 – 1968) in „Conjectures of a Guilty Bystander“

Der Mensch muss das Licht lieben

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Der Mensch muss das Licht lieben,
gleichgültig, woher es kommt.
Er muss die Rose lieben,
gleichgültig, in welchem Boden sie wächst.
Er muss ein Sucher nach Wahrheit sein,
gleichgültig, aus welcher Quelle sie fließt.

Anhänglichkeit zur Lampe ist nicht Liebe zum Licht.

Abdu’l-Baha (1844-1921)

Wandlung des Seins

Der Übergang von einer Seinsstufe zu einer anderen wurde durch gewisse Darstellungs-Zeremonien, nämlich die Initiation, gekennzeichnet. Aber eine Wandlung des Seins kann nicht durch irgendwelche Riten bewirkt werden. Riten sind nur das Kennzeichen einer vollendeten Wandlung. Und nur in pseudo-esoterischen Systemen, in denen es nichts anderes als die Riten gibt, beginnt man den Riten eine unabhängige Bedeutung zuzusprechen. Man glaubt, dass ein Ritus, indem er in ein Sakrament verwandelt wird, dem Eingeweihten gewisse Kräfte vermittelt. Dies gehört wiederum zur Psychologie eines Nachahmungsweges. Es gibt keine äußere Initiation und kann sie auch gar nicht geben. In Wirklichkeit gibt es nur Selbst-Initiation. Systeme und Schulen können auf Methoden und Wege hinweisen, aber kein System oder keine Schule kann für einen Menschen die Arbeit tun, die er selbst tun muss. Inneres Wachstum, eine Wandlung des Seins hängt nur von der Arbeit ab, und die muss der Mensch an sich selbst tun.“

Fünfzehntes Kapitel aus „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ von Pjotr Demjanowitsch Ouspenski (1878 – 1947), S. 439 – 463

Den vollständigen Text von Ouspenski finden Sie hier:

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gebunden. ISBN 978-3-948594-06-0 – 20,00 €

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Höhen und Tiefen ohne Regel und Recht

Die Habgier ist die Mutter der Ungleichheit, erbarmungslos und menschenfeindlich. Ihretwegen gerät das Leben der Menschen aus der geordneten Bahn. Die einen müssen sich vor Übersättigung erbrechen, als ob sie die Nahrung, mit der sie sich überfüllt haben, von sich speien müssten; die anderen sind, von Hunger und Mangel bedrängt, am Rande des Abgrunds. Das ist die Folge der unersättlichen Habsucht. Hätte sie nicht ins Leben die Ungleichheit eingeführt, so gäbe es nicht diese Höhen und Tiefen ohne Regel und Recht, noch würde das Auf und Nieder soviel Verdruss und Tränen in unser Leben hineintragen.

Asterios von Amaseia (ca. 330 – um 410) / Zeitgenosse von Johannes Chrysostomos

Das Wissen der Praxis erwerben

Johannes Cassian / Bild: Archiv

Wer zur Wissenschaft des Schauens, zur Betrachtung des Göttlichen, zur Erkenntnis der heiligen Erfahrungen gelangen will, muß sich zunächst mit aller Hingabe und Kraft das Wissen der Praxis erwerben: Ohne dies läßt sich die Beschauung nicht erlangen.

Johannes Cassian (360 – 435)

 

Die Wahrheit brennt in uns wie ein Licht

Foto: Marlies Schwochow +

 

Zen zu praktizieren bedeutet, das Licht in uns zum Leuchten zu bringen … Wir suchen im Zen nicht die Wahrheit, die uns irgendjemand irgendwo gegeben hat – wir begreifen und verstehen stattdessen: dass die Wahrheit, nach der wir suchen, schon längst in uns brennt wie ein Licht und nur bewusst ‚wahr‘-genommen zu werden braucht. Wir müssen sie nur entdecken.

Hans-Peter Hempel (* 1934)