Eingetaucht ins Nichtwissen

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Alles ist mir eng geworden,
alles so klein:
Eingetaucht ins Nichtwissen,
jenseits allen Erfassens, aller Gefühle,
muss ich das Schweigen wahren
und bleiben, wo ich bin.

Hadewijch von Antwerpen (um 1200 – 1248)

Den Kern haben wollen

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Die Schale muß zerbrechen, und das, was darin ist, muß herauskommen; denn, willst du den Kern haben, so mußt du die Schale zerbrechen. Und demnach: Willst du die Natur unverhüllt finden, so müssen die Gleichnisse alle zerbrechen, und je weiter man eindringt, umso näher ist man dem Sein. Wenn die Seele das Eine findet, in dem alles eins ist, da verharrt sie in diesem Einen.

Meister Eckhart (1260 – 1328) in seiner Predigt 24: Haec dicit dominus: honora patre tuum etc. (Ex. 20,12)

Fluchworte, Segensworte

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Das Wort bannt und verflucht. Unter der Last des magischen Fluchworts schleppt sich der Mensch von Unglück zu Unglück, unter der Lichtkraft des Segenswortes wird sein Dasein beglückt und besonnt. Unsrer viellesenden, vielschreibenden, vielsprechenden Zeit ist die Magie des Worts abhanden gekommen.

… Manchmal will es scheinen, als seien wir, durchgegangen durch die Niederungen einer völlig entgotteten Welt, am ersten Anfang wieder des Wegs zu einer neuen Gläubigkeit, darin es dann auch ein­mal etwas wird geben müssen wie die Magie des Worts.

Otto Maag (1885 – 1960) in: Magie des Wortes

Der vollständige Text „Magie des Wortes“ kann hier gelesen werden:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VII
CII. Jahrgang September 2021 Heft 9, Thema: DIE MAGIE DER SPRACHE

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Die Seele muss Gott ihre Augen leihen

Simone Weil ~ Bild: Archiv

Die Seele, die es geschafft hat,
das Licht zu sehen,
muss Gott ihre Augen leihen
und sie auf die Welt richten.
Unser verschwindendes Ich
muss ein Loch werden,
durch das Gott und die Schöpfung
sich anblicken.

Simone Weil (1909 – 1943)

Suchender und Findender werden

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…ich sprach in dieser Weise:
daß der Mensch ein Gott in allen Dingen suchender
und ein Gott zu aller Zeit
und an allen Stätten
und bei allen Leuten
in allen Weisen
findender Mensch werden müßte.
Darin kann man allzeit
ohne Unterlaß zunehmen und wachsen
und nimmer an ein Ende kommen des Zunehmens.

Meister Eckhart (1260 bis 1328) in „Reden der Unterweisung“, XXII

Geheimnisvoll schweigendes Verstehen

Alles Denken muss zum Irrtum führen.
Es gibt nur die eine Wirklichkeit,
die nicht zu erfahren
und nicht zu erlangen ist.
Es gibt eben nur ein
geheimnisvoll schweigendes Verstehen
und nichts anderes.

Huang Po / Huangbo Xiyun ( + 850)

Alles geben für alles

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Das „mystische Erlebnis“. Jederzeit: hier und jetzt – in Freiheit, die Distanz ist, in Schweigen, das aus Stille kommt. Jedoch – diese Freiheit ist eine Freiheit unter Tätigen, die Stille eine Stille zwischen Menschen. Das Mysterium ist ständig Wirklichkeit für den, der inmitten der Welt frei von sich selber ist: Wirklichkeit in ruhiger Reife, in der Bejahung hinnehmender Aufmerksamkeit. Der Weg zur Heilung geht in unserer Zeit notwendig über das Handeln. – „Man muss alles geben für alles.“

Dag Hammarskjöld (1905 – 1961) – Tagebucheintrag aus dem Jahr 1955

Geteilte Welten in Christus transzendieren

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Wenn ich in mir das Denken und die Frömmigkeit der östlichen und westlichen Christenheit, der griechischen und lateinischen Väter, der Russen mit den spanischen Mystikern vereinige, kann ich in mir die Wiedervereinigung der getrennten Christen vorbereiten. Von dieser geheimen und unausgesprochenen Einheit in mir selbst kann schließlich eine sichtbare und manifeste Einheit aller Christen entstehen.  Wenn wir zusammenbringen wollen was geteilt ist, können wir dies nicht tun, indem wir eine Spaltung über die andere stülpen oder die eine Spaltung in die anderen. Wenn wir das aber tun, ist die Vereinigung nicht christlich. Sie ist politisch, und zu weiteren Konflikten verdammt. Wir müssen alle geteilten Welten in uns enthalten und sie in Christus transzendieren.

Thomas Merton (1915 – 1968) in „Conjectures of a Guilty Bystander“

Der Mensch muss das Licht lieben

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Der Mensch muss das Licht lieben,
gleichgültig, woher es kommt.
Er muss die Rose lieben,
gleichgültig, in welchem Boden sie wächst.
Er muss ein Sucher nach Wahrheit sein,
gleichgültig, aus welcher Quelle sie fließt.

Anhänglichkeit zur Lampe ist nicht Liebe zum Licht.

Abdu’l-Baha (1844-1921)