Wolke des Nichtwissens

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Glaube nicht, daß ich, weil ich von einer Dunkelheit oder Wolke spreche, eine Wolke meine, die aus Dunst geballt ist, wie er in der Luft schwebt, oder eine Dunkelheit, wie sie zur Nachtzeit bei dir zu Hause herrscht, wenn deine Kerze gelöscht ist. Denn eine solche Dunkelheit und Wolke kannst du mit der Vorstellungskraft und dem Verstand selbst am hellsten Sommertag vor deinem geistigen Auge sehen, nicht anders als du dir umgekehrt in der dunkelsten Winternacht ein helles, leuchtendes Licht vorstellen kannst. Solch ein Irrtum sei ferne von dir; so meine ich es nicht. Wenn ich nämlich „Dunkelheit“ sage, so meine ich einen Mangel an Wissen; so wie dir alles, was du nicht weißt oder vergessen hast, dunkel erscheint, weil du es nicht mit deinem geistigen Auge siehst. Aus diesem Grund wird die Wolke nicht eine Wolke der Luft, sondern eine Wolke des Nichtwissens genannt, die sich zwischen dir und deinem Gott befindet.

Wolke des Nichtwissens, (14. Jahrhundert), 4. Kapitel

Aus dem Wesen der Gottheit gemacht

https://absolutmedien.de/film/582

Es ist aber der Geist des Menschen nicht allein aus den Sternen und Elementen herkommen, sondern es ist auch ein Funke aus dem Licht und Kraft Gottes darinnen verborgen. Es ist nicht ein leer Wort, das in Genesis (1,21) stehet, Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, ja zum Bilde Gottes schuf er ihn; denn es hat eben den Verstand, daß er aus dem ganzen Wesen der Gottheit ist gemacht worden.

Jacob Böhme (1575 – 1624) Morgenröte im Aufgang, Vorrede 96

Texte aus der Langen Nacht über Jacob Böhme von Ronald Steckel sind hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH VI

CII. Jahrgang SOMMER 2021

Thema: Die erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes

Heft 5, Mai 2021

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Auf mystische Weise Gott erkennen

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Wer auf mystische Weise Gott erkennen will, muss über alle Vernunfterkenntnis hinaus, auch sich selbst lassend, sich in die Dunkelheit werfen. Dann wird er finden, wie das, was der Verstand für unmöglich hält, nämlich das Zugleich von Sein und Nichtsein, die Notwendigkeit selbst ist.
Dionysius sagt, dass man, seine Erkenntnisse selbst mit Füßen tretend, ohne Wissen zu Gott streben muss, weil es dann zu jener Vereinigung kommt, in der es ohne Erkenntnis Gewissheit gibt, wo die Dunkelheit Licht und die Unwissenheit Wissenschaft ist.
Niemand kann auf mystische Weise Gott schauen als allein in der Dunkelheit des Ineinsfallens der Gegensätze.

Nikolaus von Kues (1401 – 1464)

Erleuchtung ist eine Erhellung der Wirklichkeit

Erwählte des lebendigen Vaters / Thomas-Evangelium

 

Zur Wirklichkeit zu erwachen bedeutet, dass Form und Leerheit (Gott und Welt) zwei Aspekte der einen Wirklichkeit sind. Die Realisation dieser Wirklichkeit besagt, dass am Ursprung Bewusstsein steht, auch wenn der Mensch durch seine Körperidentifikation egobedingt ein grobstoffliches Universum wahrnimmt. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die Schlange, die man in einem Stück Seil im Dunkeln wahrzunehmen glaubt. Angst und Entsetzen werden ausgelöst durch etwas, was nicht existiert. Wird das Stück Tau als solches erkannt, verschwinden Angst und Entsetzen. Erleuchtung ist nichts anderes als eine Erhellung der Wirklichkeit. Wer erkennt, dass es keinen Unterschied zwischen Form und Leerheit, zwischen Samsara und Sunyata (Brahman), zwischen dieser Form und der Nichtform, gibt, ist auferstanden.

Die Wirklichkeit spricht sich in allem aus, was Form hat. Immer ist der Mensch Sohn und Tochter Gottes, wie das Thomasevangelium sagt: „Wenn man euch fragt: ‚Wer seid ihr?‘, sagt: ‚Wir sind seine Söhne und Töchter und wir sind die Erwählten des lebendigen Vaters'“ (Thomasevangelium, 50). – Auch wenn es der Verstand nicht begreift: Wiedererstehen wird immer nur die Erste Wirklichkeit, die wir hier und jetzt leben.

Willigis Jäger (1925 – 2020)

Der Ungrund ist ein ewig Nichts

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Der Ungrund ist ein ewig Nichts und machet aber einen ewigen Anfang als eine Sucht; denn das Nichts ist eine Sucht nach Etwas: und da doch auch Nichts ist, das Etwas gebe; sondern die Sucht ist selber das Geben dessen, das doch auch nichts ist als bloß eine begehrende Sucht. Und das ist der ewige Verstand der Magiä, welche in sich machet, da nichts ist; sie machet aus Nichts Etwas und das nur in sich selber, und da doch dieselbe Sucht auch ein Nichts ist als nur bloß ein Wille. Er hat Nichts und ist auch nichts, das ihm etwas gebe, und hat auch keine Stätte, da er sich finde oder hinlege.

Zitat von Jacob Böhme in: Felix Voigt in: Beiträge zum Verständnis Jakob Böhmes. Vom Wesen seiner Persönlichkeit und seiner Gedankenwelt (2)

Der komplette Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH V
CII. JAHRGANG FRÜHJAHR 2021

HEFT 2 | Februar 2021
TITELTHEMA: Jacob Böhme (2)

gebunden. ISBN 978-3-948594-06-0 – 20,00 €

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Das Gipfelerlebnis im Tal des Alltags verwirklichen

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Jede Religion entspringt einem Gipfelerlebnis. Dies gilt für ihr innerstes Wesen, aber auch für ihre Entstehung und Entfaltung in der Geschichte. Lehre, Ethik und Ritual, drei Säulen jeder religiösen Tradition, lassen sich auf das mystische Erlebnis zurückführen. Die Lehre ist letztlich der Versuch, seinen Inhalt verstandesmässig zu deuten; die Ethik gibt Anweisungen, wie die beglückende Allzugehörigkeit, die wir auf dem Gipfel erleben, auch im Tal des Alltags willig verwirklicht werden kann; im Ritual feiert die Religion den Gefühlsgehalt mystischer Erfahrung und erreicht ihn sogar in ihren geglücktesten Formen. In Gemüt, Willen und Verstand, entfaltet sich also die Mystik geistig und leiblich in jeder Religion – will sich zumindest so verwirklichen.

David Steindl-Rast in seinem Vorwort zu Abraham H. Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker. Wuppertal 2014, S. 10

Sinn der sichtbar oder hörbar ist

Serge Poliakoff (1899 – 1969) | Foto: © wak

Wir können nicht fragen, was eine einzelne Farbe oder Form in einem abstrakten Gemälde bedeutet: Alles hängt von dem Zusammenhang ab. Dieselbe Farbe oder dieselbe Form kann eine völlig andere Bedeutung annehmen, wenn sie mit anderen Farben und Formen kombiniert wird. Aber wenn wir auch die Bedeutung eines Kunstwerkes nur teilweise in Worte fassen können, so ist dennoch eine Aussage darin enthalten, die weit über alle Worte hinausgeht.

Wir können ein Kunstwerk bis zu einem gewissen Grade beschreiben oder, richtiger, umschreiben, aber wir können es nicht definieren. Dennoch wäre es falsch, daraus zu schließen, daß abstrakte Kunstwerke keinen Sinn hätten. Im Gegenteil: wegen der Tiefe ihrer Natur, der Vielseitigkeit ihres Charakters, können wir sie nicht eindeutig beschreiben oder in Worte fassen. Nur die Gesamtkomposition gibt den Einzelheiten ihren Sinn – einen Sinn, der zwar nicht erklärbar, wohl aber sichtbar oder hörbar ist und damit mehr das Gefühl als den Verstand anspricht. In anderen Worten, Kunst mag nicht erklärbar sein, aber sie muß deshalb nicht sinnlos sein.

Lama Anagarika Govinda (1898 – 1985). Abstrakte Kunst. Auszug aus: Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewusstsein, Freiburg im Breisgau 1977

 Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 11 | Dezember 2020
TITELTHEMA: WEIHENACHT

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

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Glauben um zu begreifen

Foto: © wak

 

Ich versuche nicht, Herr,
zu Deiner Höhe zu dringen,
weil mein Verstand mit ihr
in keinen Vergleich zu bringen ist;
ich wünsche nur einigermaßen Deine Wahrheit zu begreifen,
die mein Herz glaubt und liebt.
Denn ich suche nicht
zu begreifen, um zu glauben,
sondern glaube, um zu begreifen.

Anselm von Canterbury (* um 1033 – 1109)

Keine Belohnung für das Erwachen

Ramana Maharshi / Foto: Archiv

Man erhält  keine Belohnung für das Erwachen. Wenn man die Bedeutung dieses inneren Erlebnisses erfasst, verlangt man keine Belohnung. Wie Krishna sagte: „Ihr habt das Recht zum Arbeiten, aber nicht das Recht, dessen Früchte zu ernten.“ Vollkommenes Wachsein ist einfach Anbetung, und wahre Anbetung ist nur dem Erwachten möglich.

Wenn man sich niedersetzt und sich klar macht, dass man nur denkt vermöge des All-Lebens und dass der Verstand, der zur Handlung des Denkens belebt wird durch das All-Leben, ein Teil des Ganzen ist, welches wiederum Gott ist, dann beweist man, dass der Verstand nicht als gesondertes Wesen besteht, und das Ergebnis ist, dass Verstand und Körper materiell (so zu sagen) verschwinden. Das einzige, was übrig bleibt, ist reines Sein, welches gleichzeitig Bestehen und Nichtbestehen in sich schließt und nicht durch Worte und Gedanken erklärt werden kann.

Meister in Indien. Verbürgte Mitteilungen über indische Mahâtmas und ihre Lehren von Felicita R. Scatcherd – (Es geht um einen Besuch bei Ramana Maharshi)

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 8  |  September 2020

TITELTHEMA: EIN VERSCHÜTTETER TEMPEL

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

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Tiefe und Erkenntnis seines Nichts

Foto: © wak

 

Suche nichts als ein reines, einfaches Entsinken
in das reine, einfache, unbekannte, namenlose,
verborgene Gut, das Gott ist,
und in alles, was sich in ihm enthüllen mag.

Alles soll sich an sein Nichts halten:
Nichts wissen, nichts erkennen, nichts wollen,
nichts suchen, nichts haben wollen.

Suche weder Empfindung noch Erleuchtung!
Entsinke in dein Nicht-wissen
und Nicht-wissen-wollen!

Die Tiefe, die in Gott ist,
ist ein solcher Abgrund,
dass aller geschaffene Verstand
sie nicht zu erreichen
noch zu ergründen vermag.

Dieser Tiefe soll der Mensch begegnen
mit der eigenen Tiefe:
das ist, dem grundlosen Abgrund
einer unergründlichen Selbstvernichtung.

Das heißt: könnte er ganz
zu einem lauteren Nichts werden,
das hielte er für recht und billig.

Das kommt aus der Tiefe
und der Erkenntnis seines Nichts.

Johannes Tauler (* um 1300 – 1361)