Du führst meinen Geist ins Weite

Hildegard von Bingen / Bild: wikimedia~gemeinfrei

O heilende Kraft, die sich Bahn bricht! Alles durchdringst du, die Höhen, die Tiefen, den Abgrund. Du fügest und schließest alles in eins.

Durch dich fluten die Wolken, fliegen die Lüfte. Die Steine träufeln vom Saft, die Quellen sprudeln ihre Bäche hervor. Durch dich quillt aus der Erde das erfrischende Grün.

Du führst auch meinen Geist ins Weite, wehest Weisheit in ihn, und mit der Weisheit die Freude. Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht, und wie ein Tau, der auf die Gräser träufelt, und wie die Regenluft, die wachsen macht.

Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus  auf alle, die da Sehnsucht tragen. Ein Wind sei er, indem er den Elenden hilft, ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet, und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet, und sie mit der Lehre erfüllt wie Hungernde, indem er ihnen seine Seele gibt.

Hildegard von Bingen (1098-1179) zugeschrieben

Im Garten des Einen

Anlässlich der „BUGA Erfurt 2021“ steht der Garten im Zentrum der diesjährigen Einführung in christliche und islamische Mystik: In den Workshops erfahren wir etwas über Gärten und Mystik, wir bestaunen mittelalterliche Darstellungen von Maria im Garten mit dem Einhorn und wir erhalten eine Einführung in Simone Weils „Theologie der Schönheit“. Die Musikerin Sabine Lindner führt uns in das Lob der „Grünkraft“ von Hildegard von Bingen ein und die Sufigruppe Tümata in den Tanz der Sufis, eine Praxis des Gebetes im mystischen Islam. Zwei Abendveranstaltungen in der Predigerkirche krönen diese Tage: ein Konzert mit dem Tanz der Sufis sowie „Christliche trifft islamische Mystik“ mit Musik und Texten aus Orient und Okzident.

Das vollständige Programm der Veranstaltungen am 24. und 25 September finden Sie hier:

Anmeldung für die Workshops am Freitag und Samstag unter:
erfurt@augustiner.de oder (0 172) 3 058 203

Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt… ~ Die unbekannte mystische Quelle des Richard Beauvais

Screenshot der nur noch im Internet-Archive zugänglichen ehemaligen Homepage von Daytop (web.archive.org/web/20160122104012/http://www.daytop.org/philosophy.html)

„Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt…“ – So beginnt ein Text, der mich seit vielen Jahren begleitet. Zuerst fand ich ihn auf der Seite einer psychosomatischen Klinik: (www.dr-reisach-kliniken.de/leitbild.html). Als Autor wurde und wird Richard Beauvais (1938 – 2019) genannt.

Später erst fand ich den Text mit Ergänzungen, mit einem Vorspann und einem Zwischentext. Zugeschrieben werden sie – fälschlicherweise (siehe Nachtrag) – der Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098 – 1179). Und so entsteht ein spirituelles Mixtum Compositum, das es in sich hat:

Wir müssen auf unsere Seele hören, wenn wir gesund werden wollen. / (HvB zugeschrieben)

Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt.
Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht.
Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit.
Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen – er wird allein sein. / HvB fälschlich zugeschrieben +RB

Alles ist mit Allem verbunden / HvB zugeschrieben

Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten?
Hier in der Gemeinschaft kann ein Mensch erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der – Teil eines Ganzen – zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet.
In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; nicht mehr allein – wie im Tod – sondern lebendig als Mensch unter Menschen. / RB

___________________________________________

Richard Beauvais hat den Text 1964 geschrieben, als er bei „Daytop“ gearbeitet hat, einer Einrichtung für Drogenabhängige, die das Modell der „therapeutischen Gemeinschaft“ entwickelt hat. Begründet worden war die Organisation u.a. von Dan Casriel, einem Psychiater, dessen therapeutische Praxis des „Bonding“ auch in der Klinik Herrenalb übernommen worden war. Der Name von Walter H. Lechler ist dabei für Herrenalb ebenso wichtig wie – exemplarisch –  der von Ingo Gerstenberg, der später in der Hirsenmühle gearbeitet hat. Das Klinikkonzept von therapeutischer Gemeinschaft hat Georg Reisach, ein ehemaliger Benediktinerpater,  später auch auf seine Kliniken Adula und Hochgrat übertragen.

Kleine Anmerkung am Rande: Mal wird der Text übrigens mit „Ich bin hier…“ begonnen, mal mit „Wir sind hier…“ – was dem Konzept therapeutischer Gemeinschaft sicher eher nahekommt.

Ende 2015 fusionierte Daytop Village mit Samaritan Village und änderte ihren Namen in Samaritan Daytop Village.

Schon viele Jahre früher, 1977,  gründete Beauvais zusammen mit seiner Frau Phyllis  in Bethlehem, Connecticut, eine andere therapeutische Einrichtung, „Wellspring“, in der sie einen hochstrukturierten, aber intimen Behandlungsansatz für Menschen mit schweren emotionalen, psychiatrischen und verhaltensbezogenen Problemen schaffen wollten.

Dem Nachruf von Wellspring für Richard Beauvais ist zu entnehmen, dass er nicht nur ein gläubiger Katholik gewesen sei, sondern als Benediktineroblate auch eng verbunden mit der dortigen Abtei Regina Laudis im amerikanischen Bethlehem. (wellspring.org/wellspring-co-founder-richard-beauvais-july-31-1938-january-19-2019/)

Und so schließt sich ein Kreis – zumindest für mich -, auch wenn ich die Quelle des Hildegard-Textes zunächst nicht habe ausfindig machen können. Inzwischen ist deutlich, dass der erste Teil definitiv nicht von der Benediktinerin stammt. Der Benediktineroblate Beauvais wird die ihr zugeschriebene Textstelle  allerdings vielleicht ebenso gekannt haben wie der ehemalige Benediktiner Reisach, auf dessen Klinik-Seite ich das Zitat mit den Gedanken von Hildegard von Bingen und Richard Beauvais gefunden habe.

Werner Anahata Krebber

Nachtrag:

„… Das sind keine Gedanken und Worte von Hildegard. Wortwörtlich kommt bei ihr dieser Text überhaupt nicht vor und ich könnte schwierig eine Textstelle nennen, als deren Paraphrase dieses Zitat gelten könnte. Diese Gedanken sind eindeutig untypisch für Hildegard.“

Sr. Dr. Maura Zátonyi OSB,  Vorsitzende St. Hildegard-Akademie Eibingen e.V. / Mail vom 22. 12. 2020

Hier eine aktualisierte synoptische Darstellung der Textelemente:

Nach dem Draufklicken auf die Synopse ist der Text besser lesbar…

Nachvollziehbare Wege und Formen der geistigen Versenkung

Cover der neu belebten „Magischen Blätter“

Anleitungen zur Meditation, zur inneren Versenkung, gehören z. B. in vielen Kulturkreisen Asiens zur elementaren Pädagogik, man bringt das schon Kindern bei, man lernt das ganz selbstverständlich, nicht nur als Verbindung mit sich selbst und zu sich selbst, sondern auch als Vorbereitung der Öffnung für das große Geheimnis, das Göttliche. Es ist die Voraussetzung für ein Erfahrungswissen, das in dieser Form bei uns nicht existiert, nicht in der Moderne. Wir sind, was eigene, uns entsprechende geistige Wege angeht, in der Fülle der Angebote unsicher – es gibt ja mittlerweile einen „Religionsmarkt“! Aber wer anfängt, ernsthaft zu suchen, findet schnell heraus, dass nicht nur Mutter Asien, sondern auch das Abendland ein sehr machtvolles spirituelles Erbe mit sich führt, das aber im Wesentlichen brach liegt und nur von Einzelnen konsequent erschlossen wird. Bei Meister Eckhart und Johannes Tauler oder bei Jacob Böhme oder bei Mechtild von Magdeburg und Hildegard von Bingen – und bei noch ganz anderen großen Geistern! – findet man viele Hinweise zu sehr einfachen, nachvollziehbaren Wegen und Formen der geistigen Versenkung. Also Anleitungen liegen vor, man kann Gebrauch von ihnen machen.

In: Der Mensch ist ein Doppelagent. Fragen von Marcelle De Michiel an Ronald Steckel. Erschienen in „Magische Blätter – Monatsschrift für geistige Lebensgestaltung, Ronnenberg, Heft 1, Frühjahr 2020, S. 49-50. Titelthema ist: TEXTE ZUM GEISTIGEN IM FILM

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatszeitschrift

Den Menschen zum Aufstehen gebracht

 

Foto: © wak

O wie wunderbar ist doch die Vorausschau im Herzen der Gottes,
in der er jedes Geschöpf vorherwusste!
Denn Gott ins Antlitz des Menschen blickte,
den er geschaffen,
wurde er aller sein Werke
in jener unversehrten Menschengestalt gewahr.
O wie wunderbar ist diese Einhauchung,
die so den Menschenzum Aufstehen brachte!

Hildegard von Bingen (1098 – 1179)

Lebendiges Licht

Foto: © wak

 

Das Licht, das ich sehe, ist nicht räumlich, sondern viel strahlender als eine Wolke, die die Sonne trägt und ich vermag seine Höhe, Länge und Breite nicht zu ermessen. Und es wird mir als Schatten des Lebendigen Lichts bezeichnet. Und wie Sonne, Mond und Sterne im Wasser erscheinen, so strahlen Schriften, Worte, Tugenden und manche Werke der Menschen – in ihm dargestellt – für mich wieder …. Und in demselben Licht erblicke ich zuweilen – nicht oft – ein anderes Licht, das mir als Lebendiges Licht bezeichnet wird. Allerdings bin ich noch viel weniger imstande, auszusagen, wie ich es sehe, als beim vorhergehenden, und doch wird mitunter, während ich es schaue, alle Traurigkeit und aller Schmerz aus meiner Erinnerung genommen, so dass ich mich wie ein einfaches Mädchen verhalte und nicht wie eine ältere Frau.

Hildegard von Bingen (ca. 1098 – 1179)

… wie der Klang der Seele

Foto: © wak

Im Geist und im Willen zeigt sich die Vernunft wie der Klang der Seele. Sie vollendet Gottes- oder Menschenwerk. Der Klang hebt nämlich das Wort in die Höhe, wie der Wind den Adler aufhebt, um fliegen zu können. Ebenso entsendet auch die Seele im Gehör und Intellekt des Menschen den Ton der Vernunft, so daß seine Kräfte Einsicht erlangen und jedes Werk zur Vollendung geführt wird. Der Leib aber ist das Gezelt und die Hilfe für alle Seelenkräfte.

Hildegard von Bingen (1098 – 1179)

Mitten im Weltenbau steht der Mensch

Aus einem Codex der Hildegard von Bingen   wikimedia/gemeinfrei

Mitten im Weltenbau steht der Mensch, denn er ist bedeutender als alle übrigen Geschöpfe. An Statur ist er zwar klein, an Kraft seiner Seele jedoch gewaltig. Sein Haupt nach oben gerichtet, die Füße auf festem Grund, vermag er alles in Bewegung zu setzen. Was er mit seinem Werk bewirkt, das durchdringt das All. Wie nämlich der Leib des Menschen das Herz an Größe übertrifft, so sind auch die Kräfte der Seele gewaltiger als die des Körpers, und wie das Herz des Menschen im Körper verborgen ruht, so ist auch der Körper von den Kräften der Seele umgeben, da diese sich über den gesamten Erdkreis erstrecken. So hat der gläubige Mensch sein Dasein im Wissen aus Gott und strebt in seinen geistlichen wie weltlichen Bedürfnissen zu Gott. Immer richtet sich sein Trachten auf Gott, dem er in Ehrfurcht entgegentritt. Denn wie der Mensch mit den leiblichen Augen allenthalben die Geschöpfe sieht, so schaut er im Glauben überall den Herrn. Gott ist es, den der Mensch in jedem Geschöpf erkennt. Weiß er doch, daß Er der Schöpfer aller Welt ist.

Hildegard von Bingen (um 1098 – 1179)